Hanns-Seidel-Stiftung China
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Neu erschienen
KOORD-Blatt Dezember 2012
Über die Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung in China.
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"Demografischer Wandel in China und Deutschland"
Schriftenreihe "Im Dialog mit China"
Band 8, 2012
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Das Modell der Dualen Hochschule in China
Wiederkehrend wird in der Bildungsdiskussion die Arbeitsmarktferne der chinesischen Hochschulausbildung beklagt. Sie ist sowohl für die Absolventen wie auch gesamtwirtschaftlich von Nachteil: Für die Hochschulabgänger stellt sie eine zusätzliche Hürde dar beim Versuch, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und den Unternehmen entstehen hohe Kosten bei der betrieblichen Integration von Hochschulabgängern.
Das Konzept der Dualen Hochschule in Deutschland verbindet die akademische Hochschulbildung mit der Praxis und basiert auf einer engen Kooperation zwischen Hochschule und Unternehmen als dualem Partner, bei dem der praktische Teil des Studiums absolviert wird. Im Rhythmus von drei Monaten wechseln sich Theorie- und Praxisphasen ab. Voraussetzung zur Aufnahme eines dualen Hochschulstudiums ist die allgemeine Hochschulreife oder eine fachgebundene Hochschulreife entsprechend dem Studiengang sowie ein Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen. Die Unternehmen wählen die Studierenden aus, schließen mit ihnen einen 3-jährigen Vertrag und die Studierenden erhalten von ihrem Unternehmen eine Vergütung. Nach einem erfolgreichem Abschluss des 3-jährigen Studiengangs erhalten die Studierenden den Bachelor.
Das Konzept der Dualen Hochschule wurde in den 1970er Jahren in Baden-Württemberg auf Initiative von namhaften Industrieunternehmen entwickelt, zugeschnitten auf den Bedarf von Mitarbeitern und Unternehmen, und ist somit auch Ergebnis einer spezifischen Kooperationskultur zwischen Industrie, Wissenschaft und Wissenschaftsministerium. Mit dieser Form der Qualifizierung von Nachwuchskräften eröffnen die beteiligten Unternehmen den jungen Menschen zum einen berufliche Perspektiven und Karrierewege und binden zum anderen diese zukünftigen Fach- und Führungskräfte frühzeitig an das Unternehmen.
Auch in China wird das duale Studienkonzept seit 2002 in Shiyan, Provinz Hubei, in Zusammenarbeit mit der Hubei University of Automotive Technology, dem Berufsbildungszentrum (BBZ) Shiyan und den beteiligten Unternehmen umgesetzt. In Wuhan, ebenfalls Hubei, wird das Modell seit 2010 erprobt. Partner sind hier die Jianghan-Universität und Unternehmen. Kooperationspartner auf deutscher Seite sind in beiden Fällen die Hanns-Seidel-Stiftung und die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Pro Semester werden ein oder zwei Studiengruppen in der Fachrichtung Maschinenbau aufgenommen, mit jeweils etwa 30 Studenten.
Mit diesem Qualifizierungsangebot wurden neue Wege der beruflichen Qualifizierung beschritten, um junge Menschen an die Praxis heranzuführen. Voraussetzung für die Teilnahme am dualen Studium ist der Abschluss Mittelschule Oberstufe, die bestandene Universitätszugangsprüfung (Gaokao-Prüfung) sowie ein positiver Auswahltest durch das ausbildende Unternehmen. Im Unterschied zum deutschen Modell dauert das duale Bachelorstudium in China jedoch vier Jahre, wobei in den ersten beiden Semestern die Sprachausbildung (Englisch, Deutsch) v. a. in Wuhan einen breiten Raum einnimmt. Inhalte und Organisation des dualen Studiums orientieren sich jedoch weitgehend am deutschen Modell, ebenso untergliedert in 3-monatig wechselnde Blockphasen im Betrieb und in der Hochschule. Während die praktische Grundausbildung in Deutschland durch die Betriebe vermittelt wird, geschieht dies im chinesischen Modell im 1. und 2. Semester durch das kooperierende BBZ in Shyian bzw. in den Lehrwerkstätten der Jianghan-Universität. In China entrichten die Studenten der Dualen Hochschule jedoch in ihrer Mehrzahl Studiengebühren und erhalten zumeist auch keine Vergütung seitens des Unternehmens. Um leistungsstarken Studenten aus einkommensschwachen Familien dennoch den Zugang zu diesem Programm zu ermöglichen, werden ihnen an der Jianghan-Universität Wuhan die Studiengebühren erlassen.
Knackpunkt eines dualen Studiums in China ist das Bedingungsfeld: eine enge Kooperation von Hochschule und Unternehmen, auch in Bezug auf den praktischen Teil der Ausbildung. Grundlage ist ein Ausbildungsplan, an dem sich alle beteiligten Unternehmen orientieren, auch um sicherzustellen, dass alle deckungsgleiche Ausbildungsziele verfolgen und nicht nur auf ihre Belange zugeschnittene Ingenieure ausbilden. Erforderlich ist außerdem die Bereitschaft der Unternehmen, in die Mitarbeiterqualifizierung zu investieren und hier vor allem in die betriebliche Betreuung der Studenten. In vielen chinesischen Unternehmen existieren jedoch nur unzureichende betriebliche Ausbildungsstrukturen. Großunternehmen, unter deren Dach früher auch Berufsschulen angesiedelt waren, bieten hier noch die besten Rahmenbedingungen. Zu den Kooperationspartnern aus der Wirtschaft gehören u. a. die Dongfeng Holding, ThyssenKrupp AG, Siemens AG, Behr, Höflinger, Coperion. Hierbei stand in Shiyan standortbedingt die Kooperation mit chinesischen Partnerunternehmen, insbesondere mit Betrieben der Dongfeng Holding, im Vordergrund, während man in Wuhan mit dem dualen Programm v. a. auf die Kooperation mit deutschen Unternehmen zielt. Hier ist man auf der Suche nach weiteren Partnern, chinesischen wie deutschen.
Der Bedarf an praxisnah ausgebildeten Hochschulabgängern ist in China gegeben, aber ein praxisorientiertes Studienkonzept ist vor dem Hintergrund der chinesischen Bildungslandschaft erklärungsbedürftig, da sich diese Form der akademischen Ausbildung hinsichtlich struktureller und organisatorischer Erfordernisse erheblich von der traditionellen chinesischen Hochschulausbildung unterscheidet. Das Zusammenwirken der verschiedenen Kooperationspartner erfordert einen erhöhten Koordinations- und Abstimmungsbedarf, gerade in der Anfangsphase. Der verschulte Vorlesungsbetrieb und der straffe Studienablauf jedoch entsprechen den hiesigen Gepflogenheiten.
Der vielfach beklagten Praxisferne der akademischen Ausbildung, auch in technischen Fächern, wirkt dieses Konzept entgegen, ein Praxisschock ist bei dual qualifizierten Studenten kaum zu erwarten. Arbeitsmarktpolitisch betrachtet ist das Konzept der Dualen Hochschule bedarfsorientiert ausgerichtet. Absolventen haben sehr gute Arbeitsmarktchancen, im Unterschied zu anderen jungen Hochschulabgängern, die oft Schwierigkeiten haben, eine adäquate Erstbeschäftigung zu finden. Vor dem Hintergrund der in China traditionell geringen Attraktivität praxisorientierter Bildung vermag dieses duale Modell einer Hochschulausbildung daher möglicherweise auch diejenigen jungen Menschen und v. a. auch ihre Eltern zu überzeugen, die bislang einer berufsorientierten Hochschulbildung wenig abzugewinnen wussten.



