Hanns-Seidel-Stiftung China
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Neu erschienen
KOORD-Blatt Dezember 2012
Über die Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung in China.
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"Demografischer Wandel in China und Deutschland"
Schriftenreihe "Im Dialog mit China"
Band 8, 2012
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Migration und Integration
Migration und Integration ist keineswegs nur ein Thema, das die Bevölkerung in Deutschland bewegt, sondern auch in China, wenn auch in einem anderen gesellschaftlichen Kontext. Daher organisierte die Hanns-Seidel-Stiftung gemeinsam mit dem Women’s Studies Institute of China (WSIC) des Allchinesischen Frauenverbands am 23. November 2012 in Peking das akademische Forum „Migration und Integration in China und Deutschland“.
Als Referenten waren Frau Prof. Dr. Zheng Zhenzhen vom Institute of Population and Labour Economic der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, und Prof. Dr. Heinrich Pehle von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Politische Wissenschaft, geladen. Zum Teilnehmerkreis gehörten Wissenschaftler des WSIC und verschiedener Universitäten wie der Renmin Universität, der Beijing University, der Beijing Foreign Studies University, der Zentralen Parteihochschule und der Chinese Academy of Governance.
Die Stv. Direktorin des WSIC, Xiao Yang, machte zu Beginn der Veranstaltung deutlich, dass die gegenwärtig ablaufenden Migrationsprozesse vor dem Hintergrund des Urbanisierungsprozesses zu betrachten und in dieser Dimension für China einzigartig sind. Dies stellt Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen.
In ihrem Vortrag „Urbanisierung und Migration unter Gender- und Entwicklungsgesichtspunkten“ analysierte Zheng Zhenzhen u.a. anhand von Daten des Zensus 2000 und 2010 die Situation und Perspektiven von Arbeitsmigrantinnen. Betrachtet man den Migrationsprozess von Frauen in China in den letzten Jahrzehnten, so war bis Ende der 1970er Jahre entweder Heirat oder der Arbeitsplatzwechsel des Ehemanns der Anlass, sich räumlich zu verändern. Im Zuge der Politik von Öffnung und Reform setzte dann in den 1980er Jahren die arbeitsbedingte Migration ein, als sich vor allem unverheiratete Frauen in weiter entfernte Regionen auf die Arbeitssuche begaben. In den 1990er Jahren migrierten dann auch verheiratete Frauen, teilweise bereits mit ihren Kindern. Heute ist der Geschlechteranteil unter den Arbeitsmigranten nahezu ausgeglichen, wobei sich die Zahl der Arbeitsmigrantinnen seit 2000 mehr als verdoppelt hat, auf über 100 Mio. Frauen. Dabei vollziehen sich die Wanderungsbewegungen überwiegend innerhalb der Provinzen in Richtung der Ballungszentren, nur etwa ein Drittel der Migrantinnen wandert in andere Provinzen. Während in früheren Jahrzehnten die Land-Stadt-Migration vorherrschend war, spielt heute die Migration von Stadt zu Stadt eine immer größere Rolle.
Ähnlich wie bei den männlichen Migranten, ist bei den Migrantinnen die Alterskohorte der 20 bis 30-Jährigen am stärksten vertreten und hierunter wiederum die 20 bis 25-Jährigen. Die Heirat stellt dann eine Zäsur dar und geht mit einem veränderten Migrationsverhalten der Frauen einher. Bei der Betrachtung der Erwerbstätigkeit von Migrantinnen zeigt sich, dass sie vor allem im produzierenden Gewerbe, im Handel und in Servicebereichen eine Beschäftigung finden. In Tätigkeitsfeldern mit dispositiven Aufgaben sind sie vergleichsweise selten anzutreffen. Den Daten zufolge ist jedoch in den letzten Jahren das formale Bildungsniveau der Arbeitsmigrantinnen gestiegen, betonte Zheng.
Auch für die jüngere Generation von Migrantinnen ist der Einkommensaspekt das Hauptmotiv, in der Ferne nach einer Beschäftigung zu suchen. Aber im Vergleich zu älteren Arbeitsmigrantinnen spielen daneben auch andere Faktoren eine Rolle, wie der Erwerb neuer Fähigkeiten und Erfahrungen sowie Unzufriedenheit mit den lokalen Arbeitsangeboten. Dies sind Indizien dafür, dass der Selbstentfaltung ein größerer Stellenwert beigemessen wird.
Ein Teil der Arbeitsmigrantinnen legt noch immer ein gängiges Verhaltensmuster an den Tag: Aus finanziellen Erwägungen nehmen sie in einer anderen Region eine Arbeit auf, kehren aber nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimatregion zurück. Manche, um sich dort eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Eine Beschäftigungsaufnahme im agrarischen Bereich wird von den Rückkehrerinnen jedoch meist nicht erwogen. Das Gros der Migrantinnen, insbesondere die jüngeren, favorisieren ein Leben im urbanen Raum, da sie sich hier bessere Lebensperspektiven für sich und ihre Angehörigen versprechen. Insgesamt nimmt die Verweildauer in den Zielregionen zu.
Die arbeitsbedingte Migration bietet Frauen die Chance, ihre wirtschaftliche Situation und die ihrer Familie zu verbessern. Für manche eröffnet sie neue Optionen. Gleichzeitig spüren insbesondere Migrantinnen aus ländlichen Regionen aufgrund bestehender Reglementierungen die soziale Benachteiligung gegenüber Frauen mit einer städtischen Haushaltsregistrierung (Hukou). Sie haben eine geringere soziale Absicherung und weniger Partizipationsmöglichkeiten. Zu ihrem Alltag gehören diskriminierende Erfahrungen, nicht zuletzt des ländlichen Status wegen. So sind Klagen über eine nicht fristgerechte Vergütung der Arbeitsleistung z.B. Indiz deren sozialer Stellung in der Erwerbsgesellschaft.
Auch in Deutschland ist das Thema Migration und Integration in den letzten Jahren stärker in das gesellschaftliche Blickfeld gerückt, u.a. im Zuge der Diskussion um eine verfehlte Integrationspolitik und den demografischen Wandel. Vor diesem Hintergrund beleuchtete Prof. Dr. Heinrich Pehle in seinem Vortrag den Migrationsprozess in Deutschland sowie damit im Zusammenhang stehende Problemstellungen. Unter den rund 82 Mio. Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland haben rund 7 Millionen eine ausländische Staatsbürgerschaft, das sind 8,8 Prozent. Hiervon wiederum kommen vier Fünftel aus dem europäischen Raum. Die größte Gruppe kommt aus der Türkei, sie stellt ein Viertel aller in Deutschland ansässigen Ausländer.
In Deutschland leben jedoch insgesamt etwa 16 Millionen Bürger mit einem Migrationshintergrund, was einem Bevölkerungsanteil von rund 20 Prozent entspricht. Zu diesem Personenkreis gehören alle mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft, Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die im Ausland geboren wurden sowie Personen, von denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde oder eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzt.
Menschen aus den EU-Ländern genießen innerhalb der EU Freizügigkeit und können sich ohne allzu große Schwierigkeiten in einem anderen EU-Land niederlassen. Daher speist sich die Zuwanderung in Deutschland vor allem aus dieser Quelle. Zuwanderer aus anderen Regionen erhalten nur unter bestimmten Bedingungen eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis. Deren Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ist stark reglementiert. Innerhalb der Zuwanderung kommt der arbeitsbedingten Migration die größte Bedeutung zu. Eine Rolle spielt daneben auch die Familienzusammenführung und die Bildungsmigration (hierunter fallen die aus dem Ausland kommenden Studierenden) sowie Personen, die sich aus politischen Gründen als Asylsuchende in Deutschland aufhalten.
Obwohl die Bundesrepublik Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren ihren Arbeitskräftebedarf nur mithilfe von Arbeitsmigranten („Gastarbeiter“) decken konnte, und deren Familienangehörige später im Rahmen der Familienzusammenführung nachgezogen sind, hat sich die Politik lange geweigert anzuerkennen, dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland geworden ist, betonte Pehle. Man versäumte, die Akzeptanz seitens der aufnehmenden Gesellschaft zu fördern und unterstützte die Immigranten nur unzureichend beim Hineinwachsen in die Mehrheitsgesellschaft.
Mittlerweile hat sich hier ein Bewusstseinswandel vollzogen. So haben Zuwanderer z.B. seit 2005 einen Rechtsanspruch auf einen Integrationskurs, bestehend aus zwei Komponenten, einem Sprach- und einem Orientierungskurs. Dieses Instrument war ein wichtiger Schritt, ist aber dennoch kein Allheilmittel, bemerkte Pehle. Personen mit Migrationshintergrund haben aufgrund soziodemografischer Faktoren, bspw. der schulischen und beruflichen Qualifikationen, häufig schlechtere Arbeitmarktchancen, was sich in deren Lebenslage und einem größeren Armutsrisiko niederschlägt. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist wesentlich für die soziale Integration. Daher ist Bildung heute der Anknüpfungspunkt staatlicher Integrationsbemühungen. Im Blickpunkt stehen die Kinder, denn etwa ein Drittel aller Kinder unter 10 Jahren weist einen Migrationshintergrund auf. Probleme treten verstärkt dort auf, wo der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund so hoch ist, dass der Spracherwerb und letztlich der individuelle Lernprozess darunter leiden.
In der anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern Frauen durch eine arbeitsbedingte Migration ihre Lebenssituation verbessern. Der Entschluss hierzu, so Prof. Zheng, ist häufig Ergebnis innerfamiliärer Entscheidungsprozesse, verbunden mit der Aussicht auf eine Verbesserung der materiellen Situation. Die sozialen Kosten werden in Kauf genommen. Für Einzelne bietet die Migration die Chance einer individualisierten Lebensgestaltung mit mehr Optionen, gerade auch in beruflicher Hinsicht. Zudem stärkt ein eigenes Erwerbseinkommen die Frauen in ihrer sozialen Stellung, auch gegenüber ihrem Ehepartner.
Problematisch ist, dass viele Migrantinnen einer Beschäftigung im informellen Sektor nachgehen müssen, begleitet von einem fragilen Status. Hier besteht nach Meinung einzelner Diskutanten erheblicher Handlungsbedarf im Sinne einer Besserstellung erwerbstätiger Arbeitsmigrantinnen. Prof. Zheng verwies auf die zahlreichen in den letzten Jahren ergriffen gesetzlichen Maßnahmen, räumte aber auch ein, dass diese noch unzureichend sind und gerade im informellen Sektor oft nicht greifen.
Das Hukou-System sei kontraproduktiv und stelle für Migranten eine Benachteiligung dar, wie Diskutanten betonten. Prof. Zheng warnte jedoch vor der Annahme, dass allein mit einer Lockerung des Hukou-Systems die Probleme gelöst werden könnten. Größtes Hindernis einer Gleichstellung sei die finanzielle Situation der lokalen Regierungen, erschwert durch das starke regionale Gefälle. Befürchtungen bestehen, dass städtische Ballungsräume dem Zustrom nicht gewachsen wären, wenn Arbeitsmigranten den gleichen Zugang zu öffentlichen Leistungen hätten, wie Personen mit einem städtischen Wohnsitz.
In Deutschland, so Prof. Pehle, genießen die Bürger Freizügigkeit und können somit am jeweiligen Wohnsitz Ansprüche auf Sozialleistungen geltend machen. Eine Ausnahme sind Asylsuchende, deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Doch in Deutschlands Umgang mit Migration stand lange Zeit der Schutz des heimischen Arbeitsmarktes im Vordergrund. So handelte sich Deutschland bspw. bei der Osterweiterung der EU eine Übergangsfrist aus, wobei auch nach deren Ablauf die befürchtete Immigrationswelle ausblieb. Zuwanderung ist aufgrund der demografischen Lage für Deutschland wichtig. Die gezielte Anwerbung von Hochqualifizierten für den deutschen Arbeitsmarkt war bisher jedoch wenig erfolgreich, insbesondere der rechtlichen Hürden wegen, und bleibt innenpolitisch ein strittiges Thema, wie Pehle betonte. Diskutiert wird seit längerem die Einführung eines Quotensystems, etwa nach kanadischem Vorbild.
Die kulturellen Integrationsbemühungen in Deutschland sind nach Auffassung von Prof. Pehle verstärkt worden, etwa mit der Etablierung der Deutschen Islam Konferenz als Dialogplattform zwischen Staat und Muslimen, aber bspw. auch durch die Einführung von Studiengängen zur Ausbildung islamischer Religionslehrer und die beginnende Implementierung des islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Bei der Bewerkstelligung der Integration fällt den Kommunen eine besondere Aufgabe zu. Sie sind die Anlaufstelle für die Migranten, hier suchen sie Rat und Unterstützung in Belangen des Alltags. Einzelne Kommunen bemühen sich, etwa durch Ausländerbeiräte, die die Interessen der ausländischen Bürger vertreten, in kommunale Entscheidungsprozesse einzubeziehen, oder Dialogstrukturen zu schaffen, wo Migranten ihre Interessen einbringen können.
Wie eine Teilnehmerin hervorhob, bestehen grundlegende Unterschiede bei der Migration in China und Deutschland: In Deutschland kommt die Zuwanderung aus dem Ausland, so dass das Konfliktpotenzial eher kultureller Natur ist. In China vollzieht sie sich innerhalb der Landesgrenzen zumeist vom Land in die Stadt, so dass hier die soziale Integration im Vordergrund steht. Andere Diskutanten verwiesen auf bestehende Parallelen hinsichtlich der Probleme, wie soziale Benachteiligung und mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz, sowie möglicher Lösungsansätze, die v.a. in Bildung und Partizipation liegen.





