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Verbindungsstelle Brüssel
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E Pluribus unum
Vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte in Deutschland über Zuwanderung, Integration, religiöse Toleranz und christliche Traditionen lud die Verbindungsstelle Brüssel am 29. November 2010 in die Vertretung des Freistaates Bayern zur Diskussion über ethische Werte und religiöse Vielfalt im gemeinsamen Europa ein. Die Podiumsdiskussion wurde von Katharina von Schnurbein, Europäische Kommission, geleitet.
Dr. Os Guinness, irischer Buchautor und Sozialkritiker, stellte in seinem Eingangsstatement die Frage, wie Menschen mit heterogenen Lebensanschauungen in einer globalisierten Welt zusammenleben und den europäischen Idealen von Vielfalt, Freiheit und sozialer Harmonie gerecht werden können. Schlüssel zu einem neuen Gesellschaftsmodell, in dem das Leben religiöser und kultureller Wertetradition in einem abgesteckten rechtlichen Rahmen möglich ist, sei grundlegende Bildungs- und Erziehungsarbeit, die bereits in Schulen und Familie beginnen müsse. Ziviles Verhalten und gemeinsame Grundwerte wie Respekt und Freiheit, bildeten die Basis einer funktionierenden Gesellschaft.
Das Prinzip der Glaubensfreiheit stellte Guinness nicht infrage, jedoch sei nicht jeder Glaube mit dem Recht vereinbar. Im Hinblick auf auf den Titel der Veranstaltung erklärte Guinness, dass das „UNUM“ aus einem gemeinsam definierten gemeinschaftlichen Wertekonsens erwachsen müsse und nicht per Gesetz diktiert werden könne. Vor diesem Hintergrund fungiere Glaube und Religion auch als entscheidender gesellschaftlicher Entwicklungsfaktor, was das Streben vieler Völker außerhalb Europas nach mehr Religiosität beweise. Europa solle diesem Rechnung tragen und sein „UNUM“ definieren, lautete Guinness‘ abschließendes Fazit, dann könne es zu einem neuen gesellschaftlichen Vorbild für die gesamte Welt werden.
Dr. Gary Wilton, Vertreter der Kirche von England bei den Europäischen Institutionen und Kanonikus der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, stimmte mit Guinness überein, dass Kirchen wichtige Beiträge zur Antwortfindung auf heutige Herausforderungen leisten können. Er bedauerte die durch wachsende säkulare Gesellschaften bedingte Abwendung von christlicher Tradition und damit auch von einem großen Teil des christlichen Kapitels unserer Geschichte. Das Gefühl der Zugehörigkeit sei notwendig, um sich seiner eigenen Identität bewusst zu werden. Die geschichtliche Entwicklung der USA habe gezeigt, dass sich besonders heterogene Gesellschaften auf starke Werte stützen müssen, um zu überleben. Auch dort hätten Säkularisierung und Werteverfall in den vergangenen 50 Jahren zu ähnlichen Integrationsproblemen geführt, wie in Europa.
Konkrete Hinweise zum Zusammenleben von verschiedenen Kulturen gab der Schöffe für Kulturelle Angelegenheiten der Brüsseler Gemeinde St. Josse, Ahmed Medhoune. In seiner Gemeinde, die 155 verschiedene Nationalitäten auf einer Fläche von rund 1km² vereint, sei ein Großteil der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Das Verlangen, eigene Identität und Spiritualität zu leben, sei stark präsent. Klare Wertvorgaben wie Freiheit, Solidarität und Verständnis für andere Glaubensgruppen gehörten zu einer absoluten Notwendigkeit, um die Menschen mit auf den Weg zu nehmen, sagte Medhoune. In diesem Zusammenhang hob er die Notwendigkeit hervor, bestimmte Bevölkerungsgruppen aus ihrer Isolation herauszuholen. Integration sei ein langfristiges Projekt, das jedoch nicht ohne Utopie existieren könne.
Die russische Duma-Abgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Kultur, Jelena Drapeko, fasste Russlands reichhaltige Erfahrung als Vielvölkerstaat in der Erkenntnis zusammen, eine eindeutige Definition von kulturellen, religiösen und ethnischen Rechten vorzunehmen. In Russland gehöre Religion grundsätzlich zum Bereich des Privatlebens. Trotzdem habe man Angst vor religiöser Ausgrenzung.
Das Gesetz müsse immer über der Religion stehen, so Dr. Ingo Friedrich, Stellvertretender Vorsitzender der CSU und Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats. Es dürfe jeder denken was er wolle, jedoch nicht in die Tat umsetzen, wenn dies zur Missachtung bestehender Gesetze führe.

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