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17. Juni 1953 - Ein Glanzpunkt deutsch-deutscher Geschichte

Briefmarke von 2003 zum 50. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR

Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts geizt weder mit dunklen Flecken noch mit Glanzpunkten. Zu letzteren gehört der 17. Juni 1953. Zur Erinnerung: Vor 57 Jahren erhob sich das deutsche Volk in der sowjetischen Besatzungszone und in Ost-Berlin gegen die kommunistische Gewaltherrschaft. Vorausgegangen war der Beschluss der 2. Parteikonferenz der SED vom Juli 1952, dass der Aufbau des Kommunismus Stalinscher Prägung in der DDR fortan offensiv betrieben werden solle. Repressionen und Verfolgungen, begleitet von permanenten ideologischen Kampagnen, waren die Folge. Eine Atmosphäre des Terrors machte sich breit. Erhöhung der Arbeitsnorm war die Parole. Misswirtschaft und Hunger waren die Realität. Unter besonderen Druck gerieten die Kirchen als die einzigen autonomen Großorganisationen, die nicht von der SED kontrolliert wurden. Das Bekenntniszeichen der Jungen Gemeinde, ein Kugelkreuz, wurde zum Widerstandssymbol. Tausende trugen es trotz Verbot und Verfolgung. Allein von Januar bis Mai 1953 wurden über 70 Theologen und Jugendleiter verhaftet. 3000 Jugendliche wurden von den Oberschulen verwiesen, weil sie nicht bereit waren, sich vor versammelter Schülerschaft von der Jungen Gemeinde loszusagen. Waren im Jahr zuvor bereits 182.000 Ostdeutsche aus allen gesellschaftlichen Gruppen in die Bundesrepublik geflüchtet, sollte diese Zahl im Krisenjahr 1953 auf weit über 330.000 steigen. Ein gesellschaftlicher Aderlass ohnegleichen, der bis in die Gegenwart seine Lücken hinterlassen hat.

Das Kugelkreuz, Bekenntniszeichen der Jungen Gemeinde, wurde zum Widerstandssymbol.

Im Juni ’53 war die Geduld der Bevölkerung endgültig erschöpft. Die gesellschaftlich angespannte Situation, die wirtschaftliche Misere, die Versorgungskrise und die vielfältigen Terrormaßnahmen gegen das eigene Volk ließen hunderttausende Menschen in der gesamten DDR hoffen, die Diktatur endlich beseitigen zu können. Die Sehnsucht nach demokratischen Verhältnissen und einem würdigen Lebensalltag verlieh ihnen Mut. Sie forderten den Rücktritt der Regierung, die Freilassung aller politischen Häftlinge und die Wiedervereinigung Deutschlands. Der Volksaufstand verbreitete sich rasend schnell über das gesamte Land und erreichte am 17. Juni seinen Höhepunkt. Rund eine Million Menschen in über 700 Städten und Gemeinden der DDR strömten auf die Straßen und Plätze. Rathäuser und SED-Büros wurden besetzt, Inhaftierte befreit, Wachhäuser gingen in Flammen auf, Grenzschilder wurden abgebaut. Jugendliche begannen, eine schwarz-rot-goldene Fahne auf dem Brandenburger Tor zu hissen. Sie gerieten unter Beschuss und mussten fliehen. Die Fahne blieb auf Halbmast hängen. Ein eindrucksvolles Symbol für diesen Tag. Die DDR-Regierung flüchtete sich unter den Schutz der sowjetischen Militärbehörde nach Berlin-Karlshorst. Vom Freiheitswillen des Volkes überrannt reagierte diese mit äußerster Brutalität und verhängte das Kriegsrecht. Die Armee der Besatzungsmacht schlug den Aufstand blutig nieder. Hunderte Demonstranten wurden schwer verletzt, zwischen sechzig und achtzig davon tödlich. In den Tagen und Wochen danach wurden bis zu 15.000 Personen verhaftet. Sowjetische Standgerichte erschossen weitere 18 Menschen. Zwei wurden von ostdeutschen Gerichten zum Tode verurteilt und hingerichtet. Eine bittere Bilanz.

Und doch zählt dieser Tag zu den Meilensteinen der deutschen Demokratiegeschichte. Er steht in der Tradition der revolutionären Bewegungen von 1848 und 1918. Von diesem Tag nahm der Funke der Freiheit seinen Ausgang. Gegen ihn waren die sowjetischen Panzer machtlos. Mit seinen auf die Nachbarländer ausstrahlenden Forderungen nach Einigkeit und Recht und Freiheit weist dieser Tag auf die Friedliche Revolution von 1989 hin. Nicht von ungefähr fragte der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, auf einer Dienstbesprechung im August 1989 seine Obristen und Generäle: „Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?“ Nicht umsonst wurde der 17. Juni 1953 bereits wenige Tage nach dem Volksaufstand im freien Westen des Landes zum gesetzlichen Feiertag bestimmt, damit das Staatsziel der Vollendung der deutschen Einheit nicht in Vergessenheit gerate. Er wurde zum Symbol der ersehnten Wiedervereinigung in Freiheit. Vor diesem Hintergrund muss es völlig unverständlich bleiben, dass „Die Grünen“ im Jahr 1983, als sie das erste Mal in den Deutschen Bundestag einzogen, geschlossen ihre Teilnahme an der Feierstunde zum 17. Juni verweigert haben. Gerade diejenigen, die lautstark Menschenrechtsverletzungen in aller Welt beklagten und wirkliche oder vermeintliche Freiheitsbewegungen auf dem ganzen Globus unterstützten, beargwöhnten den Freiheitswillen ihrer Schwestern und Brüder in der DDR. Nicht glücklich erscheint im Rückblick auch, dass ausgerechnet im Jahr 1990, in dem sich das revolutionäre Vermächtnis von 1953 erfüllte, der „Tag der deutschen Einheit“ auf den 3. Oktober, den Tag des staatsrechtlichen Vollzugs der deutschen Wiedervereinigung, verlegt wurde. Statt jenes Tages zu gedenken, an dem eine breite Volksbewegung für die Überwindung der Diktatur, die Herstellung demokratischer Verhältnisse und die Wiedervereinigung Deutschlands auf demokratischer Grundlage eintrat, feiern wir den „Tag der Deutschen Einheit“ nun an jenem mehr oder minder zufälligen Datum, an dem Politiker die staatliche Einheit formal vollzogen haben. Dass man die „Deutsche Einheit“ seitdem mit einem großen „D“ schreibt, macht die historische Symbolkraft dieses Tages nicht automatisch größer.

Gedenktage haben ihre eigene Dynamik. Und die rauschenden Feiern rund um den 20. Jahrestag von Mauerfall und Wiedervereinigung zeigen deutlich, welche Prioritäten gegenwärtig gesetzt werden. Das ist gut so. Man kann gleichwohl das eine tun und das andere nicht lassen. Und so sollten wir den 17. Juni 1953 künftig wieder etwas weniger stiefmütterlich behandeln. Er gehört zu den demokratischen Traditionen, die die Ostdeutschen in das vereinigte Deutschland einbringen konnten. Er gehört zum kollektiven Gedächtnis der Deutschen in Ost und West, die an diesem Tag in ihrem Freiheitswillen vereint waren. Er ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer gesamtdeutschen nationalen Identität. Er kann uns bis heute daran erinnern, dass ein Volk nur soviel Freiheit und Demokratie besitzt, wie es sich täglich neu erkämpft. Er ist ein Glanzpunkt in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Lassen wir ihn wieder leuchten.