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Referat II/1 Grundsatzfragen der Politik, Parteien- und Wahlforschung
Dr. Gerhard Hirscher
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Ideologie und Verbrechen

Frank-Lothar Kroll und Barbara Zehnpfennig

Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts – Nationalsozialismus und Kommunismus – waren ideologisch begründete Systeme. Beide forderten Menschenopfer bisher nicht gekannten Ausmaßes. Doch nur beim Nationalsozialismus wird dessen umfassender verbrecherischer Charakter allgemein anerkannt. Dem Kommunismus hingegen wird noch immer vielfach eine „gute“ Grundidee unterstellt, die nur falsch ausgeführt worden wäre. Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des politischen Denkens (DGEPD)  –  durchgeführt in Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung – versuchte  vom 18. bis 20. November 2010, den Zusammenhang von ideologischer Theorie und verbrecherischer Praxis in beiden Systemen nachzuweisen.

Das mit in- und ausländischen Experten besetzte, interdisziplinär ausgerichtete Symposium stand unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig, Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Passau und 1. Vorsitzende der DGEPD, sowie Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Professor für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Technischen Universität Chemnitz. Es widmete sich seiner Fragestellung in drei Themenblöcken, in denen sich politologische, historische, philosophische, soziologische und juristische Perspektiven ergänzten.

Die erste Sektion untersuchte die Grundlagen des ideologischen Denkens in beiden Systemen. Das Ergebnis: Sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus können und müssen gleichermaßen als Ideologien, die in ihrem Kern auf ähnlich „primitiven“ Prämissen beruhten,  eingeordnet werden. Dies gelte insbesondere für Karl Marx , auch wenn dessen Bild in der Öffentlichkeit meist ein anderes sei. „Seine Theorie erfüllt bereits alle Merkmale einer totalitären Ideologie“, betonte PD Dr. Hendrik Hansen, Vertretungsprofessor für Methoden der Politikwissenschaft an der Universität Regensburg. Prof. Dr. Rolf Zimmermann, Philosophieprofessor an der Universität Konstanz, befasste sich mit der totalitären Ideologie und Praxis als Problem der Moralphilosophie. Die pädagogische Umsetzung der nationalsozialistischen „Kampf ums Dasein“-Ideologie wurde von Prof. Dr. Hans-Christof Kraus, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Passau untersucht. Barbara Zehnpfenning schließlich analysierte die Weltanschauung von Adolf Hitler anhand dessen Programmschrift „Mein Kampf.“

Das titelgebende Spannungsverhältnis von Ideologie und Verbrechen wurde in der zweiten Sektion aufgegriffen. Sehr offensichtlich zeigte sich der Zusammenhang im Antisemitismus als Zentrum der nationalsozialistischen Ideologie, der bei allen entscheidenden NS-Autoren in unterschiedlichen Ausprägungen nachweisbar ist und auf eine Vernichtung des Judentums abzielte. Doch auch in Bereichen wie der Rechtssprechung ist eine solche Verbindung erkennbar, wie der Frankfurter Rechtshistoriker Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis belegte. So wurden Universitäten und Bibliotheken „ideologiekritisch gereinigt“, die Protagonisten unter massiven staatlichen Druck gesetzt. Frank-Lothar Kroll beleuchtete die Genese und die verschiedenen Ausprägungen des Antisemitismus als Kernelement der nationalsozialistischen Ideologie.

Die dritte Sektion fragte  nach Analogien der Systeme in Theorie und Praxis. Beide Totalitarismen erwiesen sich hier als dogmatische Weltanschauungssysteme auf einer pseudowissenschaftlichen Grundlage, die manichäische Freund-Feind-Verhältnisse herausbildeten, wie PD Dr. Friedrich Pohlmann (Soziologe an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) herausarbeitete. Die Ausschaltung und Vernichtung des Feindes erschien im Rahmen der Ideologie als objektive Notwendigkeit. Verbrecherische Handlungen waren so vorprogrammiert. Trotz der gegenseitigen Frontstellung bestimmten lange Zeit auch pragmatische Kooperationsformen das Verhältnis von Nationalsozialismus und Kommunismus, bis hin zur gegenseitigen Lieferung von kriegswichtigen Geräten und Ressourcen bis ins Jahr 1940: „Die deutschen Panzer fuhren in den ersten Kriegsmonaten mit russischem Öl“, führte Prof. Dr. Bogdan Musial von der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität in Warschau aus. Der Beitrag von Manuel Becker (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) unternahm einen Vergleich der Instrumentalisierung von Fremdbildern in beiden Ideologien. Der Anti-Faschismus als Gründungsmythos der SED-Diktatur wurde von Dr. Jochen Staadt, Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin analysiert.

In der Schlussdiskussion wurde deutlich, dass die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen und der kritische Umgang mit dieser Ideologie trotz allen gesicherten Faktenwissens noch weiter hinter der Bewältigung der nationalsozialistischen Herrschaft zurück steht. Dafür müsse man auch ein „ungewolltes Bündnis zwischen 'politisch' korrekten westlichen Wissenschaftlern und den Postkommunisten“ verantwortlich machen, wie Bogdan Musial feststellte. So könnten in Polen bis heute unwidersprochen wissenschaftliche Arbeiten aus kommunistischen Zeiten neu erscheinen und gefeiert werden. Weiterhin wurde festgestellt, dass neben den für beide Systeme zentralen Begriffen der „Gleichheit“ und „Ungleichheit“ auch das Konzept der „Freiheit“ problematisiert werden müsse – eine Frage, die gerade für demokratische Staaten von hoher Relevanz ist.