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Referat III/9 Europa-, Außen- und Sicherheitspolitik
Erich J. Kornberger
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Rückzug aus Afghanistan?

Reinhard Erös
Die Ballade "Das Trauerspiel von Afghanistan" ist von Theodor Fontane und stammt aus dem Jahr 1858.

Am 10. November 2012 fand im Konferenzzentrum München der Hanns-Seidel-Stiftung eine Tagung zum Thema „Rückzug aus Afghanistan – Beginn oder Ende eines Albtraums?“ mit Dr. Reinhard Erös statt. Nur wenige Deutsche sind mit den wirklichen Verhältnissen im Land so vertraut und kennen das Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan so gut wie er.

Die deutsche Afghanistan-Politik seit 2002 folgt den Prioritäten: Bündnistreue und Stabilität der Nato, Erhalt und Ausbau der transatlantischen Freundschaft, parteiübergreifende Zustimmung, innen- und gesellschaftspolitischer Minimalschaden, geringstmögliche eigene Verluste, bezahlbare Kosten …. und ganz am Ende: Verbesserung der Sicherheit und Lebensbedingungen in Afghanistan. Daher ist es kein Wunder, dass sich Letztere seit dem Sturz der Taliban nicht verbessert haben: Dem Bericht der UNO Entwicklungshilfebehörde UNDP von 2010 zufolge sind 60 Prozent der Kleinkinder unterernährt. 50 Prozent der Menschen haben keinen Zugang zu klinischer Versorgung und 80 Prozent der Bevölkerung steht kein sauberes Trinkwasser zu Verfügung. Eine Million Afghanen sind im eigenen Land auf der Flucht.

Reinhard Erös skizzierte die möglichen Entwicklungen in Afghanistan bis 2020

Vollendeter Abzug im Sinne von: keine ausländischen Soldaten oder militärische Einrichtungen mehr im Land? Nicht in den nächsten Jahrzehnten, beantwortete der Referent diese Frage. Dazu ist für die USA die geostrategische Lage des Landes zu wichtig, wenn man Pakistan, China und den Iran betrachtet. Die Versprechungen eines vollständigen Abzugs hält Erös für ein innenpolitisches Wahlversprechen, das nicht wörtlich zu verstehen ist. Vergangenes Jahr war das verlustreichste für die afghanische Zivilbevölkerung seit 2002. Es wird in diesem Jahr wohl nicht positiver ausfallen. Die Kampftaktiken der Aufständischen werden sich weiterhin wandeln. Direkte Angriffe auf unsere Soldaten in den Ausbildungseinheiten und auf Offiziere in Ministerien und Stäben – wie vor wenigen Tagen im Kabuler Inenministerium – durch afghanische Soldaten oder Polizisten werden zunehmen; damit auch die Zahl der Opfer bei ISAF. Im Übrigen: Die Taliban haben innenpolitisch gelernt. Sie werden die gröbsten Fehler ihres sehr kurzen Regimes (1996 bis 2001) nicht wiederholen. Ihre hohe Akzeptanz bei der paschtunischen Bevölkerung ist dramatisch gesunken, eine in aller Öffentlichkeit finanzielle, militärische, politische und diplomatische Unterstützung durch Saudi-Arabien, Pakistan und die VAE – wie von Anfang der 90er bis zu ihrem Sturz – wird nach 9/11 so nicht mehr möglich sein und auch nicht mehr stattfinden. Die US-Truppen ziehen nicht ab, sie ziehen Truppenteile zurück. Drohnen, Spezialtruppen, Armed Security Contractors ( = ausländische Sicherheitsfirmen) werden bleiben, vielleicht sogar verstärkt werden. Es wird daher auch keinen rein innerafghanischen Bürgerkrieg wie nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 geben. Der „Low Intensity Conflict“– Partisanenkrieg – wird sich allerdings noch Jahre hinziehen. Die Aufständischen werden sich in ihrem Vorgehen den sich jeweils änderenden Taktiken der ISAF weiterhin geschickt anpassen, wie seit 2005, so die düstere Prognose von Erös. Es gilt der Satz von Henry Kissinger aus den Lehren des  Vietnam-Krieges: "Guerilla gewinnt, solange sie nicht verliert. Konventionelle Truppe verliert, wenn sie nicht gewinnt." Es sieht derzeit wirklich nicht nach einer Niederlage der Aufständischen aus.

Politiker lernen leider viel zu wenig, manchmal gar nicht aus der Geschichte. Einfache, meist junge Soldaten sind es, die nicht mehr lebend in die Heimat zurückkehren. Seit 2002 fast 2.900 Gefallene auf westlicher Seite und mehr als 40.000 bei Gefechten unmittelbar getötete, unbeteiligte Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder. Wieviele Afghanen mittelbar, d.h. durch Hunger. Krankheiten, Selbstmord etc. ums Leben kamen, hat niemand gezählt.
Die Afghanen haben in ihrer vieltausendjährigen Geschichte schon schlimmere Jahre er- und überlebt. Es bleibt zu hoffen, dass das Land unter einer anerkannten, stabilen und nicht korrupten politischen Führung einer positiven Zukunft entgegensieht.