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Was brauchen Kleinkinder, damit Bildung gelingt?

Familienministerin Christine Haderthauer, MdL

Der Themenkomplex frühkindliche Bindung und Bildung stand im Fokus einer Fachtagung der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung am 03. Juli 2012 im Konferenzzentrum München. Etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten auf der gemeinsam mit dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen durchgeführten Fachveranstaltung mit Staatsministerin Christine Haderthauer und einer Reihe anderer hochkarätiger Experten, darunter der Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer, die Psychologin Prof. Sabine Walper und der Pädiater Dr. Rainer Böhm.

Die Tagung begann mit einem Impulsvortrag von Staatsministerin Christine Haderthauer zum Thema „Wertorientierte Familienpolitik eröffnet Vielfalt für Familien“. Wissenschaftliche Studien belegten demnach, dass die Frage nach dem adäquaten Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebot für jedes Kind individuell zu beantworten sei. Ziel der Familienförderung müsse es daher sein, Wahlfreiheit für Eltern bei der Betreuung ihrer Kleinkinder zu gewährleisten. Viele Eltern wünschten sich, dem Bedürfnis nach verlässlicher Bindung, das gerade in den ersten beiden Lebensjahren im Mittelpunkt steht, individuell und selbstorganisiert nachkommen zu können. Eine flexible, ganzheitliche, nachhaltige und lebensphasenorientierte Familienpolitik sei dafür die entscheidende Voraussetzung.

Darüber hinaus müsse Familienpolitik gute und verlässliche Rahmenbedingungen für die Realisierung von Kinderwünschen schaffen, so Haderthauer. Elternschaft solle junge Menschen mit Vorfreude erfüllen und nicht mit Angst vor der Verantwortung und den sozio-ökonomischen Konsequenzen. Die bayerische Familienministerin ergänzte, dass das stark ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis junger Menschen heute ein Hindernis für (frühere) Elternschaft darstelle.

Zudem sei in der unausgewogenen öffentlichen Debatte um den Wert der Familienarbeit viel Porzellan zerschlagen worden. Dabei sei das ursprüngliche Bindungsbedürfnis des Kindes aus dem Blick geraten. Auch sei die Stressbelastung von Krippenkindern infolge zu früher und zu langer Fremdbetreuung und deren Einfluss auf Persönlichkeitsentwicklung und den späteren Bildungserfolg des Kindes nicht ausreichend erörtert worden. In der Summe habe das zur weiteren Verunsicherung von (werdenden) Eltern beigetragen. An die Eltern gerichtet sagte Ministerin Haderthauer daher: „Kinder verpassen keine Bildungschancen, wenn sie in den ersten Lebensjahren zuhause betreut werden. Der wichtigste Sozialkontakt Ihrer Kinder sind Sie, liebe Eltern.

Daran anschließend referierte einer der wohl bekanntesten deutschen Gehirnforscher Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer (Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III am Universitätsklinikum Ulm) über den Zusammenhang von frühkindlicher Gehirnentwicklung und Lernen. Die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurobiologie laute, dass sich das Gehirn durch seinen Gebrauch permanent verändert: Jedes Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln hinterlässt Spuren, sogenannte „Gedächtnisspuren“, so Prof. Spitzer. Bei Neugeborenen sei das Gehirn noch sehr unfertig und entwickele sich, während es lernt. Das frühe Lernen sei daher besonders bedeutsam. Dabei lernen Säuglinge ganzheitlich und brauchen daher den sozialen Kontakt und eine Stimulation über alle Sinne. „Aus Erlebnissen der Seele werden Spuren im Gehirn", so Prof. Spitzer. Anhand einer Studie konnte er nachweisen, dass der Konsum von Baby-Einstein-DVDs die Sprachentwicklung der Kleinen doppelt so negativ beeinflusste, wie sich tägliches Vorlesen hierauf positiv auswirkte. Unmittelbare soziale Kontakte im Zusammenspiel mit Aufmerksamkeit, Motivation und Emotion beeinflussen das Lernen nachhaltig. Und „das Gehirn lernt immer, es kann nicht anders!“, so Prof. Spitzer.

Abgerundet wurde die Fachtagung durch zwei aufeinander folgende hochkarätig besetzte Podiumsdiskussionen. Die Moderation oblag Frau Karin Kekulé vom Bayerischen Fernsehen BR.

Panel-Diskussion I: (v.l. ) Manfred Spitzer, Karin Kekulé, Sabine Walper, Christine Haderthauer, Claus Hipp

Im ersten Panel sprachen Familienministerin Haderthauer, Prof. Spitzer, Prof. Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut und Prof. Claus Hipp, Geschäftsführender Gesellschafter der HIPP-Werk Georg Hipp OHG, über die „Familienpolitik als politischen Gestaltungsauftrag“. Ein kindgerechtes, individuelles Bildungssetting und die Wahlfreiheit der Lebensentwürfe standen im Zentrum der Diskussion. Prof. Walper stellte die Familie als primären Lern- und Bildungsort heraus und plädierte für altersgerechte Kompetenzanforderungen für Kinder. Ministerin Haderthauer unterstrich die Rolle der Eltern bei der frühkindlichen Bildung: „Die Eltern machen den Unterschied!“. Sie betonte: „In den ersten drei Lebensjahren ist eine verlässliche Bindung die beste Bildungsinvestition. Denn: „Ohne Bindung keine Bildung!“. Prof. Hipp sensibilisierte in diesem Zusammenhang gegenüber den möglichen Auswirkungen zu früher und zu langer außerhäuslicher Betreuung. Prof. Spitzer warnte vor den Spätfolgen des Medienkonsums bei Kindern.

Panel-Diskussion II: (v.l.) Birgit Kelle, Curd Michael Hockel, Karin Kekulé, Rainer Böhm, Fabienne Becker-Stoll

Im zweiten Panel diskutieren Prof. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik, die freie Journalistin Birgit Kelle, Dr. Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Curd Michael Hockel über Bindung als Basis von Erziehung und Bildung. Angeborene Neugier sei Voraussetzung für das Lernen des Kindes. Neugieriges Verhalten werde dann gebremst oder sogar eingestellt, wenn die Lernumgebung nicht sicher oder nicht vertraut ist. Die familiäre Atmosphäre schaffe in den meisten Fällen diese stabile und verlässliche Vertrautheit und Geborgenheit, auf deren Grundlage ungestörtes Lernen und Entwickeln möglich ist. Frau Kelle betonte in diesem Zusammenhang, dass fast 90% der Kinder in guten familiären Verhältnissen aufwachsen würde. Dr. Böhm bestätigte, dass nur 2% der Eltern als „erziehungsunfähig“ und ca. 10% als überautoritär bzw. zu nachlässig zu klassifizieren seien. Mit Blick auf die außerhäuslicher Betreuung von Kleinkindern konnte Dr. Böhm einen empirischen Zusammenhang von chronischer Stressbelastung infolge zu früher und zu langer Krippenbetreuung und externalisierenden Verhaltensauffälligkeiten nachweisen. Herr Hockel veranschaulichte anhand von Praxisbeispielen die Auswirkung unsicherer frühkindlicher Bindung auf den Lebensverlauf.

Die Beiträge der Experten werden 2012 in einem Tagungsband veröffentlich.

Tagungsprogramm