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Bildung in der Wissensgesellschaft

- Hans Zehetmair
„Non scholae, sed vitae discimus!“ Dieser schöne lateinische Spruch, der es als geflügeltes Wort in Büchmanns „Zitatenschatz des deutschen Volkes“ geschafft hat, dürfte bis in die Gegenwart hinein zu den Lieblingszitaten deutscher Bildungsbürger und Bildungspolitiker zählen. „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Deutlich geringer dürfte hingegen die Anzahl derjenigen sein, die um den Ursprung dieses Zitats wissen. Er findet sich in den „Epistolae morales ad Lucilium“ des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca, dort allerdings mit der signifikanten Umkehrung „Non vitae, sed scholae discimus!“ – „Leider lernen wir nicht für das Leben, sondern für die Schule.“
In der Diskrepanz zwischen dem Unmut des Originalzitats und dem Idealismus seiner bürgerlichen Verkehrung liegt nicht nur das Wohl und Wehe zahlloser Schülergenerationen begründet. Am Ausschlag des Zitatenpendels hängt auch ganz entscheidend das Gelingen oder eben das Scheitern individueller Bildungsbiographien. Ein System, das nur darauf abzielt, im Rhythmus des Stundenplans zeitlich punktgenau abrufbares Wissen in den Schülerhirnen zu implementieren, hat den Namen Bildung nicht verdient. Es dient weder der Schule noch dem Leben. Es verfehlt den Bildungsauftrag unserer Schulen, die „nicht nur Wissen und Können“ vermitteln, „sondern auch Herz und Charakter bilden“ sollen, wie es die Verfassung des Freistaates Bayern in Artikel 131 so treffend formuliert. Vor allem aber geht es an den Anforderungen vorbei, die unsere Wissensgesellschaft heute für uns bereit hält, in der dank moderner Informationstechnologien Informationen jeglicher Couleur jederzeit und in fast jeder Lage auf Knopfdruck abrufbar sind.
Nicht der Zugriff auf Information wird die zentrale Herausforderung künftiger (Schüler-)Generationen darstellen. Es wird die Fülle der Informationen sein, die es zu sichten, einzuordnen und zu werten gilt. So paradox es klingt: Je reicher wir an Information und Wissen werden, desto ärmer erscheint unsere Orientierungskompetenz. Für diese Kompetenz aber stand einmal der Begriff der Bildung. Ihr kommt zentrale Bedeutung für die Zukunft einer Gesellschaft zu, in der sich Wissen, Information und Orientierung in atemberaubender Beschleunigung auseinanderbewegen.
Zwar ist die Gesamtmenge des Wissens nur schwer einzuschätzen, doch die Wachstumsrate des Forscherwissens ist zweifellos enorm. Sie ist abzulesen in der Zahl der jährlich benötigten Regalkilometer in den Universalbibliotheken, an der Gründung von Universitäten, an der Zahl der abgelegten Examina, an der Zahl der Dissertationen und an vielen weiteren Faktoren. Konkret soll der jährliche Zuwachs an Forschern weltweit etwa 350.000 Personen betragen. Pro Jahr werden rund 120.000 Dissertationen abgeschlossen. Dabei werden jährlich rund 46.000 Menschen in den USA promoviert, in Deutschland sind es 25.000. Indien erwägt gegenwärtig, die Zahl der Universitäten im Land innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte von aktuell 350 auf über 1.500 zu erhöhen. In der Türkei werden derzeit 15 neue Universitäten gegründet. Kaum wahrgenommen wird hierzulande auch die gewaltige Kulturoffensive Chinas mit der Gründung von über 100 Konfuzius-Instituten. Die Sammelstätten des Wissens schließlich, die großen Bibliotheken, beginnen in der Bücherflut unterzugehen. Auch digital ist die Fülle kaum noch zu archivieren. Wer sich in diesem monströs anschwellenden Informations-Zunami nicht zu orientieren vermag, dem droht der Untergang. Dieser Satz gilt für Personen ebenso wie für Gesellschaften.
Orientierungskompetenz lautet folglich das Gebot der Stunde. Den individuellen wie gesellschaftlichen Weg in die Zukunft weist hier der Begriff der Bildung, dem im klassischen wie im modernen Sinne der Begriff der Orientierung inhärent ist. Trefflich auf den Punkt gebracht hat dies der Staatsmann und Gelehrte Wilhelm von Humboldt mit dem schönen Satz aus seiner „Theorie der Bildung des Menschen“, dass für ihn der Gebildete derjenige sei, der „soviel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden“ suche. Bildung und Orientierung gehören nicht nur für Humboldt strukturell zusammen – in Form eines Könnens, das Welt in sich zieht und Welt durch sich selbst ausdrückt und orientierenden Ausdruck verleiht. Bildung ist bezogen auf gegebene Wissens- und Erfahrungsbestände und den gekonnten, orientierenden Umgang mit diesen.
Was hier sehr abstrakt klingt, trifft ziemlich genau den Punkt, an dem ein im übertragenen Sinne humanistisches Bildungsideal auch in unserer Welt wieder Fuß fassen könnte. Es geht um ein tätiges Begreifen der Welt. Es geht entgegen einer im Wesentlichen ökonomisch bestimmten Vorliebe des Zeitgeistes für eine Aufspaltung des Menschen in unterschiedliche Persönlichkeiten – in ein privates Ich, ein gesellschaftliches Ich, ein konsumierendes Ich etc. – um die Wiederherstellung eines ungeteilten Ich. Es geht darum, dem Begriff des Wissens, über den sich eine Gesellschaft zu definieren beginnt, die notwendige Klarheit zu verschaffen. Eben diese Klarheit scheint sich eigentümlicher Weise heute aufzulösen. Wo heute die Macht des Wissens thematisiert wird, sei es in der Universität, in der Wirtschaft oder – nicht zuletzt – im Feuilleton, da ist mit Vorliebe von der Vergänglichkeit des Wissens die Rede. Man spricht ungeachtet aller explosionsartig anwachsenden Wissensbestände von einer Halbwertszeit des Wissens und davon, dass in immer kürzeren Zeiträumen das zum Unwissen wird, was wir eben noch zu wissen meinten. Der Eindruck wird erweckt, als führe alles Wissen ein Verfallsdatum mit sich. Kommt und geht das Wissen wie ein launiger Gott? Bewegt sich ausgerechnet eine Wissensgesellschaft auf schwankenden Wissensplanken?
Entwarnung ist hier angezeigt. In der Rhetorik von Halbwertszeit und Verfall, die sich terminologisch an der Kerntechnik und der Lebensmittelchemie orientiert, macht sich viel Unsinn breit. Was einmal erkannt oder entdeckt ist, verliert – Irrtumsmöglichkeiten selbstverständlich immer in Rechnung gestellt – nicht automatisch etwa alle fünf Jahre seine Wahrheit. Das gilt von mathematischen Beweisen ebenso wie von vielen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, und selbst von der ein oder anderen ökonomischen und philosophischen Einsicht. Unser Wissen nimmt zu, aber es ist nicht sterblicher geworden, als es in weniger wissensorientierten und wissenstollen Zeiten war. Mit anderen Worten: Wir sollten beim Lobgesang des Wissens häufiger auch einmal wieder an das Beständige denken, statt mit einer falschen Halbwerts- und Verfallsrhetorik seine vermeintliche Vergänglichkeit rühmen. Am Vergänglichen tragen wir schon schwer genug. Erinnern wir uns lieber gelegentlich des Bleibenden! Davon gibt es in der Wissenschaft und an anderen Orten des Wissens noch immer die Fülle.
In einem anderen Bereich scheint Entwarnung allerdings weniger angezeigt. Wir erleben gegenwärtig eine nicht nur begriffliche Verwandlung des Wissens in Information. Tatsächlich verändern sich in der modernen Welt die Wissensstrukturen. Informationswelten treten an die Stelle von Wissens- und Bildungswelten. Eine neue Pädagogik versucht uns einzureden, dass wir alle von Wissenszwergen zu Informationsriesen werden sollen. Das Wissen als leichte Ware und die Informationsgesellschaft als neues gesellschaftliches Glück? Im Credo einer derartigen Gesellschaft wird die Unterscheidung zwischen Wissen und Information blass. Nicht beurteilte Information schreitet stolz im Gewande geprüften Wissens einher. Die Vorstellung macht sich breit, dass sich das Wissen selbst in Informationsform bildet respektive mit dem Informationsbegriff auch ein neuer, ein überlegener Wissensbegriff entstanden ist. Mit ihm treten an die Stelle eigener Wissensbildungskompetenzen Verarbeitungskompetenzen und das unhinterfragte Vertrauen auf die Richtigkeit der Information. Dabei gerät in Vergessenheit, dass man sich Wissen nur als Wissender aneignen kann, dass Wissen den Wissenden voraussetzt.
Wo allerdings der Unterschied zwischen Wissen und Information verloren geht, werden im Medium der Information auch Wissen und Meinung ununterscheidbar. Meinung artikuliert sich in Informationsform wie Wissen. Die Überlegenheit des Wissens gegenüber bloßer Meinung wird unkenntlich. Das Abbild der Informationswelt ist damit streng genommen auch eine Meinungswelt, keine Wissenswelt. Zudem öffnet sich in einer Gesellschaft, die sich als Informationsgesellschaft versteht, eine unerwartete Nische für eine neue Dummheit, allerdings eine Dummheit auf hohem Niveau. Sie gibt sich nur dem Nachdenklichen zu erkennen und fällt im Übrigen deshalb nicht sonderlich auf, weil sie technologisch gesehen ungeheuer erfolgreich ist.
Nachdenklichkeit ist die Schwester des Beständigen. Ohne das Vergängliche aus den Augen zu verlieren, folgt sie in puncto Wissen und einer mit dem Wissen verbundenen Orientierung nicht den hektischen Bewegungen des Zeitgeistes. Dabei ist es für die Nachdenklichkeit gegenüber einem Zeitgeist, der vornehmlich auf Innovationen und Märkte setzt, und in einer Welt, die es liebt, sich in Informations- und Medienwelten zu spiegeln, schwieriger geworden, sich Geltung zu verschaffen. Oberflächliche Kulturen gedeihen auch auf hohem gesellschaftlichem Niveau. Der Analphabetismus hat viele Formen, er reicht von der Lese- über die Schreibschwäche bis hin zur Denkschwäche. Wo aber das Denken aufhört, dort beginnt das Geschwätz. Eine solch exhibitionistische Geschwätzigkeit nimmt in unserer Gesellschaft inzwischen auf Kosten ernsten Nachdenkens beunruhigende Formen an. Wir sollten deshalb mit Argusaugen darauf achten, dass der Triumph der Information nicht den Verlust des Wissens zur Folge hat, dass der Wert des Wissens nicht allein an dessen unmittelbarer Verwertbarkeit in sich schnell verändernden gesellschaftlichen Situationen und der Wert der Nachdenklichkeit nicht an deren vermeintlicher Weltferne gemessen werden. Nach wie vor gilt, dass der Kopf der Navigator ist – und der beste Navigator ist noch immer der wissende und nachdenkliche Kopf. Auch diese Einsicht ist ein Element der Bildung. Sie unseren Schülern wieder neu zu vermitteln, wäre die Herkulesaufgabe unserer Tage – dann wäre auch nicht nur für die Schule, sondern etwas für das Leben gelernt.

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