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20 Jahre nach dem Fall der Mauer – wie gehen wir mit dem Erbe der DDR um?
Zwischen Resignation und Hoffnung: Sind die Falschen die Sieger der deutschen Revolution?

- Arnold Vaatz, MdB
Ein streckenweise düsteres Bild schlug den Altstipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung bei der Fachtagung „20 Jahre nach dem Fall der Mauer – wie gehen wir mit dem Erbe der DDR um?“ vom 4. bis 7. Mai 2009 in Berlin entgegen. Durch die Bank beklagten alle Gesprächspartner die zunehmende Verniedlichung der DDR. Verklärte Bilder vom „Arbeiterparadies“ verdrängen die Tatsache des diktatorischen Unrechtsstaats.
„Sieger der Revolution sind nicht diejenigen, die sie gewollt und betrieben haben. Sieger sind im wesentlichen die alten Eliten der DDR“, äußerte sich Arnold Vaatz, CDU-Bundestagsabgeordneter und in den 90er Jahren Umweltminister in Sachsen, unmissverständlich. Die in Zeiten suspendierter Grundrechte angeeignete Besitzstände galt es, fortzuschreiben und unter den Schutz des neuen bundesrepublikanischen Grundgesetzes zu stellen. Die Enttäuschung über das Scheitern ihrer Gesellschaftsform hätten diese Kader nicht überwunden und würden nun alles tun, um die aktuelle Gesellschaftsform zu zerstören. Abgesehen davon sei die Wiedervereinigung so abgelaufen, wie er als Bürgerrechtler sie sich vorgestellt habe. „Wir haben eine neue Periode erreicht, das ist die Westausdehnung der Linken“, kam Vaatz auf den aktuellen Zustand. „Wenn man etwas bewegen will, muss man die Linkslastigkeit der Presse beenden“, gab er den Besuchern mit auf den Weg.
DDR mutiert zum sozialistischen Märchenland

- Freya Klier
Auch die Autorin, Regisseurin und einstige Bürgerrechtlerin Freya Klier sieht die DDR längst zum sozialistischen Märchenland mutiert. „Da wird von einem Staat geschwärmt, dem die Leute in Scharen den Rücken kehren wollten oder gekehrt haben“, stellte sie in den Vordergrund. Es könne ja wohl doch nicht so ein Arbeiterparadies gewesen sein. „Dageblieben sind immer nur die Genossen“, während die Intelligenz geflohen sei. In einflussreichen Positionen sieht sie heute die Kinder der einstigen Kader, die das alte internationale Netz weiter aufgespannt halten. Deshalb werde das Problem auch nicht mit den Altvorderen aussterben. Vor allem „die Medien sind fest in der Hand der Genossen“, gab sie zu bedenken.
„DDR – das ist nicht ostdeutsche Regionalgeschichte“, betonte Dr. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die gesellschaftliche Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Opposition ist die Aufgabe der Bundesstiftung. Sie stieß ins gleiche Horn: Bilder aus DDR-Zeiten würden heute fröhliche Urstände feiern. „Das war ja kein Diktatürchen“, warnt sie vor der Verniedlichung des damaligen Geschehens. Ein alltäglicher Ausruf, etwa auf nicht systemkonformes Verhalten von Kindern, war schließlich „Wegen euch komm ich noch nach Bautzen!“ – schlichtweg Ausdruck einer ubiquitären Bedrohung durch den Staat.
"Jede Akteneinsicht ist ein Nein zum Schweigen"

- Marianne Birtler, Christof Botzenhart
Mit Sorgen, „aber nicht panisch“ betrachtet Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, diesen Trend zur Verniedlichung der DDR. „Es gibt auch Gegenbewegungen“, erläuterte sie. Allein 2008 wurden wieder 97.000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt, für dieses Jahr erwartet sie wieder eine sechsstellige Zahl. „Jede Akteneinsicht ist ein Nein zum Schweigen“.
Nicht nur die Verwaltung der unvorstellbaren Menge an Akten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, das die eigene Bevölkerung systematisch überwacht hatte, ist die Aufgabe der Behörde. Auch Bildungsmaterial zu diesem Kapitel deutscher Geschichte zu erstellen, gehört dazu. Über die Darstellung persönlicher Schicksale würde man mehr erreichen, als über die schlichte Archivierung. „Dass Sie hier einige positive Aspekte sehen, das beruhigt uns, auch wenn wir das Thema nicht abhaken“, erwiderte CdAS-Vorstandssprecher Dr. Christof Botzenhart. „Das Problem ist immer noch, die Einheit in den Köpfen herzustellen.“
Dieses einst mehr als sichtbare Problem der Stadt ist verschwunden: Die Mauer. Doch wie soll man Kindern von heute und morgen erklären, was die Mauer und ihr „hinterer Sicherheitsstreifen“ war, wenn alles davon weg ist? An der Bernauer Straße, wo die Grenzlinie zwischen sowjetischem Sektor und dem alliierten Gebiet der Stadt teilweise direkt an der Hauswand verlief, besichtigten die Altstipendiaten das Dokumentationszentrum. Dramatische Szenen spielten sich 1961 an dieser Stelle ab. Der über den Stacheldraht springende Soldat, von Fenstern in Sprungtücher der Westberliner Feuerwehr fallende Menschen – das alles war an der Bernauer Straße. Hier ist auch ein 50 Meter langes Stück des „antifaschistischen Schutzwalls“ (O-Ton DDR) annähernd im Originalzustand erhalten, eine Gedenkstätte wird gerade gebaut.
„Den Alltag in einer Diktatur darzustellen, ist im Museum am schwierigsten“, bekannte Dr. Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des privaten „DDR-Museums“. Plaste und Elaste zieren die Ausstellung, die im Gegensatz zu anderen Museen eines „zum Anfassen“ ist, was nicht nur für den Trabbi dort gilt. „Der Geruch der DDR fehlt“, wurde bemängelt, doch die vorgesehene Geruchsmaschine hätte nicht funktioniert, antwortete Wolle. Ost-Berliner Baugeschichte wurde nach Führung und Diskussion vom Schlossplatz bis zur Stalin-Allee (heute Karl-Marx-Straße) erwandert.
Abgerundet wurde das Programm durch die Besichtigung des heutigen Bundesministeriums der Finanzen an der Wilhelmstraße. Als Reichsluftfahrtministerium von den Nazis erbaut, später insbesondere als Haus der Ministerien Machtzentrum der DDR und dann als bundesdeutsches Ministerium renoviert, hat das Gebäude die Luft der Geschichte geatmet. Durch den Reichstag führte CdAS-Vorstandsmitglied Dr. Elisabeth Wohland und zum Mittagessen auf Einladung von Gerda Hasselfeldt, MdB, kam auch CdAS-Mitglied und stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär.
Bericht und Fotos: Dr. Volker Göbner

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