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Referat IV/5 Journalistisches Förderprogramm für Stipendiaten (JFS)/ Fachforen
Isabel Küfer
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Zwischen Deutschlandzentrismus und dem Zauber des Fremden
Fachforum Medien 2010 zum Thema Auslandsberichterstattung

- Stipendiaten und Altstipendiaten waren zum Fachforum Medien nach Berlin gekommen

- Andrea Nüsse vom "Tagesspiegel" erzählte aus ihrem reichen Erfahrungsschatz als Auslandskorrespondentin im Nahen Osten
In Zeiten der Globalisierung sind nicht nur Güter- und Finanzströme grenzenlos, sondern auch die Nachrichten, die aus aller Welt zu uns nach Deutschland vordringen. Auslandskorrespondenten und Nachrichtenagenturen recherchieren und selektieren täglich unzählige Nachrichten aus aller Herren Ländern. Doch auch Deutschland ist für den Rest der Welt Ausland. Daher gibt es - insbesondere in der Bundeshauptstadt Berlin - hunderte Vertreter ausländischer Medien, die das Deutschlandbild in der übrigen Welt prägen. Genau bei diesen wechselseitigen Verflechtungen setzte das diesjährige Fachforum Medien an, das vom 3. bis 5. März 2010 in Berlin stattfand.
Im Rahmen eines Einführungsvortrages am Mittwoch berichtete zunächst Andrea Nüsse, Redakteurin beim Tagesspiegel, von ihrer langjährigen Tätigkeit als Auslandskorrespondentin für die Arabische Welt. Neben grundsätzlichen Erläuterungen zum Arbeitsalltag eines Korrespondenten, zu Fragen der Themenbeschaffung und -recherche, waren es dabei vor allem die persönlichen Aspekte ihrer Schilderungen, die den Fachforumsteilnehmern den Beruf des Auslandskorrespondenten näher brachten. Wer hätte gedacht, dass im Ausland häufig das Networking aufwändiger ist als die Recherchen selbst? Oder dass Korrespondenten häufig von ihren Heimatredaktionen dazu aufgefordert werden, bei wirklich jedem Thema einen Deutschlandbezug herzustellen – und dann oft händeringend danach suchen? Aber auch in Bezug auf die Artikel selbst unterscheidet sich die Arbeit eines Korrespondenten von der eines in Deutschland arbeitenden Redakteurs: „Problematisch für die Arbeit eines Korrespondenten sind vor allem die Klischees und die Unwissenheit in der Heimat“, betonte Nüsse. Nicht selten musste ein Korrespondent daher in einem Bericht erst mal lang und breit die Hintergründe darlegen, bevor er sich dem eigentlichen Thema zuwenden könne.

- Gemma Pörzgen, Pascal Thibaut und Prof. Dieter Weirich standen bei der Podiumsdiskussion Rede und Antwort
In der am Donnerstagvormittag stattfindenden Podiumsdiskussion wurden einzelne Aspekte der Auslandsberichterstattung schließlich kontrastiv aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet: Gemma Pörzgen von „Reporter ohne Grenzen“ und ehemalige Korrespondentin am Balkan und in Israel, Pascal Thibaut vom Verein der ausländischen Presse in Deutschland und Professor Dieter Weirich, langjähriger Intendant der Deutschen Welle, verdeutlichten mit ihren Schilderungen die enorme Vielfalt des Themenbereiches.
Im Rahmen der Diskussion wurde zunächst einmal Kritik laut an dem häufig übermächtigen Deutschlandzentrismus innerhalb der deutschen Medien, aber auch an der Tatsache, dass generell das Interesse an Auslandsmeldungen in weiten Bevölkerungsteilen eher gering ist. Gemeinsam mit den Fachforumsteilnehmern wurde dann unter anderem diskutiert, was eine News berichtenswert macht und wie innerhalb der Berichterstattung sinnvoll Schwerpunkte gesetzt werden können. Als besonders bedenklich wurde dabei die häufig einseitige Berichterstattung, bei der die Themenbereiche Krise, Krieg und Katastrophe ebenso dominieren, wie News aus nur einer Hand voll Staaten, genannt: „Manche Regionen sind für uns nur weiße Flecken auf der Landkarte“, kritisierte Pascal Thibaut. Gleichwohl stellten die Diskussionsteilnehmer auch die Faszination am Berufsbild des Korrespondenten dar und erläuterten die Chancen, die neue Technologien wie das Internet heute für die Auslandsberichterstattung bieten. „Der Nutzer steht heute vor der Herausforderung, selbst Gebrauch von der globalen Vielfalt an Information zu machen“, sagte Professor Weirich.

- Beim Besuch der AFP erläuterte Oliver Junker anhand des hausinternen Systems die Auswahl und Priorisierung von Nachrichten aus aller Welt
Am Nachmittag splittete sich die Gruppe dann. Ein Teil der Fachforumsteilnehmer besuchte die Räumlichkeiten von Deutsche Welle – TV (DW-TV), dem deutschen Auslandsfernsehen. Nach einer kurzen Führung durch die Studios wurden die Stipendiaten und Altstipendiaten vom Fernsehdirektor Christoph Lanz persönlich empfangen. Dieser erläuterte die besonderen Herausforderungen des Auslandsrundfunks allgemein und schilderte, wie DW-TV Tag für Tag rund um die Uhr "aus der Mitte Europas" Nachrichten in alle Teile der Welt liefert. Zielgruppe von DW-TV sind neben den im Ausland lebenden Deutschen vor allem auch junge Multiplikatoren im Ausland. Daher sendet die Deutsche Welle neben dem deutschsprachigen Programm auch Programmteile in Englisch, Spanisch und Arabisch.
Eine zweite Gruppe besuchte die Agence France-Presse (AFP). Dort bekamen die Fachforumsteilnehmer interessante Einblicke in die Alltagsarbeit einer Nachrichtenagentur. AFP-Redakteur Oliver Junker nahm sich viel Zeit, die Agentur vorzustellen, die Aufgabenteilung und auch das System zur Verwaltung und Veröffentlichung von Nachrichten an die Kunden zu erläutern. Obwohl die AFP eine französische Nachrichtenagentur ist, arbeiten dort deutsche Journalisten wie bei anderen in Deutschland angesiedelten Agenturen auch. Jedoch sind sehr gute Englisch- und Französischkenntnisse Voraussetzung, Spanischkenntnisse sind von Vorteil. Am Beispiel tagesaktueller Nachrichten aus aller Welt zeigte Junker anschaulich, wie durch die Agentur die Priorisierung der Nachrichten vorgenommen wird.
Am Freitag hatten die Teilnehmer des Fachforums schließlich die Gelegenheit, zu überprüfen, wie das in den Tagen zuvor Diskutierte in der Praxis umgesetzt wird. In Kleingruppen wurden verschiedene Printmedien hinsichtlich der Quantität aber auch der Qualität der darin enthaltenen Auslandsberichterstattung ausgewertet. Interessant war hierbei, wie wenige Meldungen mit Auslandsbezug in vielen Zeitungen zu finden sind und wie hoch dabei der Anteil der 1:1 übernommenen Agenturmeldungen ist. Kritisch wurde von den Teilnehmern angemerkt, dass bei einigen Zeitungen keine Quellen für Auslandsmeldungen angegeben werden. Hoffnung gaben jedoch Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine mit korrekten Quellenangaben und einem relativ hohen Anteil an Berichten und Meldungen mit Auslandsbezug.
Im Anschluss an den Workshop stand traditionell die Neu- bzw. Wiederwahl der Fachforumssprecher auf dem Programm. Als Nachfolgerinnen für die langjährigen Fachforumssprecher Julia Schmitt-Thiel und Anton Preis wurden Jana Wolf und Katharina Eckert ins Sprecheramt gewählt. Dagmar Gehl wurde erneut in ihrem Amt bestätigt. Thema des Fachforums 2011 wird das „Social Web“ sein.
Bericht und Bilder: Anton Preis

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