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Einblicke in die schlesische Seele

Die Gruppe vor der Klosterkirche in Sankt Annaberg

„Schlesien heute – Lebenswirklichkeit, Zeitgeschichte und Identitätssuche einer polnischen Region“, so lautete der Titel einer vom Förderungswerk der Hanns-Seidel-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Club der Altstipendiaten (CdAS) und dem Schlesischen Museum zu Görlitz organisierten Fachtagung in Schlesien. Vom 2. bis 5. November 2010 wanderten Altstipendiaten auf den Spuren der wechselvollen Geschichte der Region und diskutierten über die Perspektiven in Europa – politische Bildung unmittelbar vor Ort.

Ausgangspunkt der Studienreise war Breslau (Wrocław). Die moderne Stadt an der Oder mit ihren 630.000 Einwohnern ist das kulturelle Zentrum Schlesiens und steht für eine Region mit bewegter Vergangenheit: Gegründet im 13. Jahrhundert nach deutschem Stadtrecht, fällt das Gebiet bald an Böhmen, bis es 1526 Teil des Habsburgerreiches wird; zwei Jahrhunderte später gehört Schlesien zu Preußen, es folgen eine Teilung nach dem Ersten Weltkrieg und die Vertreibungen der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dr. Jerzy Kos, Kunstgeschichtler an der Universität Breslau, ließ die Geschichte bei einem Stadtrundgang wiederaufleben, brachte das neue und alte Breslau mit allerlei Anekdoten ins Bewusstsein der Gruppe.

Die Rolle der Kirche in der heute tief katholisch geprägten Region war eines der Themen bei einem Besuch der Dominsel, ältester Teil Breslaus. Eine Exkursion zum Grabiszyński-Friedhof sowie zur wichtigsten katholischen Wallfahrtskirche Oberschlesiens in Sankt Annaberg verdeutlichte die große Bedeutung der Religion für die Polen. Bis in die Weimarer Republik gab es in Breslau zudem ein lebendiges jüdisches Leben, wovon der Alte Jüdische Friedhof Zeugnis ablegt, eine weitere Station der Tagung. Heute ist das verwilderte Gelände ein Museum.

Um die Zeit des Nationalsozialismus ging es in Kreisau. Das von Hitler ausgehende Leid vor Augen, bereitete hier eine intellektuelle Elite um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg während des Kriegs den politischen Neuanfang vor – und bezahlte zum Teil mit dem Leben. Annemarie Franke, Vorsitzende der Stiftung Kreisau, brachte den Besuchern im historischen Tagungsort die Geschichte des „Kreisauer Kreises“ näher. Das großzügige Areal wird heute als Gedenk- und internationale Begegnungsstätte genutzt.

Um die deutsche Minderheit im Kommunismus ging es bei einer Podiumsdiskussion im Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit im oberschlesischen Oppeln (Opole). Die Soziologin Prof. em. Dr. Dorota Simonides, ehemalige polnische Senatorin und frühere Vizepräsidentin des Komitees für Menschenrechte, Minderheiten und Demokratie der OSZE, berichtete von den Schwierigkeiten der in Polen verbliebenen deutschen Minderheit, der es während des Kommunismus selbst innerhalb der Familie verboten war, Deutsch zu sprechen. Bernard Gaida, Vorsitzender des Dachverbands der Deutschen Freundeskreise und damit Vertreter für geschätzte 300.000 bis 350.000 Menschen, schilderte das Leben der Minderheit früher und heute. Dr. Urszula Zajączkowska, Direktorin des Museums des Oppelner Schlesiens, konnte von einem Wandel auch im musealen Erinnern berichten: „Heute versuchen wir, stärker die multikulturelle Identität Schlesiens deutlich zu machen.“ Gastgeber Rafael Bartek sprach über die aktuellen Projekte seines Hauses und die Zukunft: „Ich hoffe, dass die Oberschlesier die Chancen nutzen, die sich aus ihrer Zweisprachigkeit ergeben.“

Um Chancen anderer Art ging es bei einem Treffen mit dem Solidarność-Zeitzeugen Leszek Budrewicz. Der Journalist begleitete den Generalstreik im Sommer 1980. Um die Bedeutung der Bewegung deutlich zu machen, führte er die HSS-Gruppe durch eine Ausstellung, die einen Bogen von den brutal niedergeschlagenen Studentenprotesten über den Einfluss der Kirche bis zu den ersten halbfreien Wahlen 1989 schlug. „Das waren keine Wahlen, sondern ein Plebiszit“, so der Zeitzeuge, „alle hatten genug von der kommunistischen Regierung.“

Das deutsch-polnische Verhältnis war Thema einer Diskussion mit Dr. Dariusz Wojtaszyn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte der Universität Breslau. Er erläuterte das Innenleben der polnischen Seele, das nach den Schicksalsschlägen des 20. Jahrhunderts von tiefem Misstrauen und einem stetigen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit geprägt ist. Erst mit dem EU-Beitritt, so der Wissenschaftler, fühlten sich die Polen in Europa angekommen.

Schlesien ist eine Region voller Geschichte, die noch heute sichtbar ist. So führte eine weitere Exkursion nach Schweidnitz (Świdnica). Die dortige evangelische Friedenskirche, 1657 eröffnet, ist mit 7500 Plätzen die größte Fachwerkkirche Europas. Sie war ein Zugeständnis an die schlesischen Protestanten im Westfälischen Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg; heute ist das imposante Bauwerk Teil des UNESCO-Weltkulturerbes – ebenso wie die Breslauer Jahrhunderthalle, ein weiteres Reiseziel. Der 1913 fertiggestellte Stahlbetonbau mit seiner 65 Meter weiten freitragenden Kuppel  war das Zentrum der Jahrhundertausstellung zur Erinnerung an die preußischen Befreiungskriege gegen Napoleon I und wird noch heute rege genutzt.

Nach vier intensiven Tagen in Schlesien blickte CdAS-Sprecher Dr. Christof Botzenhart, auf dessen Initiative die Tagung durchgeführt wurde, auf eine hochinformative Studienfahrt, die das Bild des östlichen Nachbarn für alle Teilnehmer klarer werden ließ.

Heiko Richter, Altstipendiat | Foto: Stephan Felsberg