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Energiekonzepte aus und für Bayern
Fachtagung der CdAS-Fachgruppe Ingenieurwissenschaften/Physik
Politiker, Praktiker, Visionäre und Taktiker hatten Christoph Häpp und Helmut Scherer, die Sprecher der CdAS-Fachgruppe Ingenieurwissenschaften/Physik, als Referenten zur Fachtagung „Energiekonzepte aus und für Bayern“ am 17. April 2010 eingeladen. Über 50 Stipendiaten und Altstipendiaten kamen zu der Veranstaltung ins Konferenzzentrum München der Hanns-Seidel-Stiftung.

- Julia Schmitt-Thiel, Markus Blume
Markus Blume, CSU-Landtagsabgeordneter und selbst ehemaliger Stipendiat der Stiftung, erläuterte eingangs das Energiekonzept der Bayerischen Staatsregierung. Bis zum Jahr 2030 sollen im Freistaat über 40 Prozent des Stromverbrauchs aus regenerativen Quellen stammen (heute 25 Prozent). Angestrebt wird der geringste CO2-Ausstoß pro Kopf – weniger als fünf statt bisher sechs Tonnen pro Kopf und Jahr. Bayern soll das Land mit der höchsten Energieeffizienz werden. Ein besonderer Trend soll die E-Mobilität werden, sprich das Fahren mit Elektromobilen. Dabei soll die Unabhängigkeit von auswärtigen Stromlieferanten gewährleistet sein.
Dass diese Ziele nicht so ganz einfach zu erreichen sind, ist Blume klar. So befürchtet er, dass mit einhergehenden höheren Energiekosten die Produktion ins Ausland verlagert werden könnte. „Intelligente Energiesysteme“ sei das Zauberwort für die Zukunft. Erster und wichtigster Schritt sei die Frage, wo Energie gespart werden könne. Sodann ginge es darum, Energie möglichst CO2-arm bereitzustellen. Schließlich müsste Energie intelligent nutzbar gemacht werden. Die Grundlastfähigkeit müsse sichergestellt werden, also regenerativer Strom nicht nur dann verfügbar sein, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Gerade die gewaltigen Unterschiede der Einspeisung von Strom aus alternativen Quellen ins Netz müssten geglättet werden. „Virtuelle Kraftwerke“ und „smarte Stromnetze“ seien die Maßnahmen der Zukunft. Pumpspeicherkraftwerke sollten Wind und Sonne „speichern“ und zeitversetzt wieder als Strom ins Netz, in das gewaltig investiert werden muss, eingespeist werden. „Die meisten Maßnahmen lohnen sich volkswirtschaftlich“, nahm Blume aber schließlich der Warnung vor Billigstromproduktionsverlagerung den Wind wieder aus den Segeln.
Nachhaltigkeitskonzepte für Megastädte entwickelt Dr. Andreas Mehlhorn von der Siemens AG. Das Bevölkerungswachstum sei rund um den Globus in den Städten am stärksten. Eine Balance zwischen den verschiedenen Bedürfnissen der Bewohner sei zu finden, um die Lebensqualität in diesen Städten zu steigern. Was treibt Megastädte wie London oder Shanghai an, ist daher die grundlegende Frage, der die Arbeitsgruppe auch mit einem acht Kriterien umfassenden „Green City Index“ auf die Spur kommen möchte. Insbesondere müsse man auch priorisieren. „Was ist nur ein Hype, was beeinflusste Städte nachhaltig?“, hat Mehlhorn zu differenzieren. Um eine Technologie einzuführen müssten auch die Kosten des kompletten Lebenszyklus betrachtet werden, nicht nur kurzfristige Effekte. Wenn Nutzen und Kosten zusammentreffen, hätten intelligente Modelle eine Chance. „Es reicht nicht, Ziele zu haben“, kam Mehlhorn aufs Wesentliche. Visionen müssten zu Realität werden, um einen Mehrwert zu erzeugen. Oft sei dazu die Salamitaktik sinnvoll: „Wir müssen sie in kleine Stücke zerschneiden, sonst ersticken wir dran!“
Eine Vision hatte Erwin Pfeil aus dem fränkischen Altershausen. Viel von der ursprünglichen Idee ist bis heute nicht übrig geblieben, aber es funktioniert trotzdem, könnte man 30 Jahre Erfahrung mit regenerativen Energiequellen zusammenfassen. 1980 wollte der Landwirt und Zweite Bürgermeister für seinen Ferkelstall eine Strohheizung einbauen. Den Wärmespeicher baute er dazu selbst in die alten Heizöltanks ein. Später wurde eine Gemeinschaftsanlage daraus, Zuschüsse wurden gezahlt. Viele technische Unzulänglichkeiten oder zunehmend strengere Emissionsvorschriften sorgten dafür, dass es fast immer Nachbesserungsbedarf gab. Doch Erwin Pfeil und die Altershauser gaben nicht auf. Heute hat das 300-Seelen-Dorf eine Biogasanlage, eine Hackschnitzelheizung, einen Wertstoffhof mit Traktorwaschplatz, eine Pflanzenkläranlage und eine Ökosiedlung. Jüngst kam auch noch eine Photovoltaikanlage dazu. Arbeitsplätze wurden im Ort geschaffen und inzwischen mehr Strom erzeugt als verbraucht. „Man darf nicht zu viele Querdenker im Ort haben“, betonte Pfeil.
Solarstrom aus der Wüste nach Europa bringen soll das Projekt „Desertec Industrial Initiative“ (DII), das Harald Rosenberger vom Initiator, der Munich Re, vorstellte. Eine Machbarkeitsstudie der DLR habe ergeben, dass mit solarthermischen Verfahren ausreichend Strom in Nordafrika erzeugt werden könnte, der über verlustarme Leitungen bis nach Europa transportiert werden soll. In enger Kooperation mit den dortigen Regierungen soll ein Konsortium aus zunächst zwölf Partnern das Projekt vorbereiten. Die Produktion der Anlagen soll vor Ort erfolgen und dort neue Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft generieren. Nur „übriger“ Strom (die Studie geht von 15 Prozent bis zum Jahr 2050 aus) soll nach Europa kommen. Eine Fläche von 150 mal 150 Kilometern würde ausreichen, um ganz Europa mit Strom zu versorgen. Der Fahrplan für das Projekt soll bis 2012 stehen.

- Die Organisatoren freuen sich über die gelungene Tagung: Christoph Häpp, Gabriele Brummer und Helmut Scherer
In der abschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Altstipendiatin und CdAS-Mitglied Julia Schmitt-Thiel, vertieften die Referenten ihre Themen. Erwin Pfeil sah in der Landwirtschaft noch viele Reserven. Insbesondere die Saatgutproduzenten seien gefragt, um zwei Ernten auf einer Fläche pro Jahr zu ermöglichen. Die zementierten Denkweisen in der Autobranche, besonders was Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor angehe, kritisierte Andreas Mehlhorn. Und Markus Blume war überrascht über den Vorschlag aus dem Teilnehmerkreis, mit Blick auf den per Dekreten regulierten Automarkt in China auch hier bei uns in diesem Bereich doch politisch stärker aktiv zu werden: „Da hat noch gar niemand drüber nachgedacht, ob wir in Europa so einen drastischen Schnitt machen wollen!“
Bericht und Fotos: Dr. Volker Göbner

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