Kontakt
Referat IV/5 Journalistisches Förderprogramm für Stipendiaten (JFS)/ Fachforen
Isabel Küfer
Tel.: 089 1258-354 | Fax: -403
E-Mail: kuefer@hss.de
Publikationen
Aktuelle Veranstaltungen
Gesundheitssystem: Vorbeugen günstiger als Heilen
Gesundheitsexperten fordern eine Kurskorrektur in unserem Gesundheitssystem und drängen darauf, dass mehr in die Vorbeugung vor Krankheiten investiert wird als bisher. Damit könnten Kosten bei Maßnahmen zur Heilung eingespart und die Ausgaben der Kranken- und Pflegekassen deutlich gesenkt werden. Im diesjährigen Fachforum Medizin setzten sich Stipendiaten, darunter sowohl Medizinstudenten als auch Studenten anderer Fachrichtungen, vom 12. bis 14. November 2010 in Kloster Banz mit dem Thema "Prävention - eine Investition in unsere Gesellschaft" auseinander.
Prof. Dr. med. Bernhard Liebl, Leitender Ministerialrat, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und Bereichsleiter des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, erläuterte die Möglichkeiten der Pandemieprophylaxe im öffentlichen Gesundheitswesen. Am Beispiel der sogenannten "Schweinegrippe" erläuterte er die WHO-Klassifikation der Pandemie, welche sich interessanterweise nur auf die Ausbreitung, nicht aber auf die krankheitsauslösenden Eigenschaften eines neuen Virus bezieht. Er stellte die Säulen der Pandemieprophylaxe dar, welche im Falle einer drohenden Pandemie in Bayern zum Einsatz kommen: Überwachung und Hygienemanagement, Bevorratung von Medikamenten, Entwicklung von Impfstoffen. Bei der Analyse des Vorgehens des bayerischen Staates bei der „Schweinegrippe“ im Jahr 2009 kam er auf gelungene und noch zu verbessernde Maßnahmen zu sprechen.
In seinem Vortrag "Individuelles Gesundheitsmanagement - die Eigenverantwortung des Menschen stärken" sprach sich Prof. Dr. med. Dieter Melchart, seit 2010 Professor für Naturheilkunde und Komplementärmedizin an der Technischen Universität München, für ein individuelles Gesundheitsmanagement aus. Es müsse aus einer persönlichen Betreuung durch medizinisches Fachpersonal sowie einem ansprechenden und individuell zugeschnittenen Gesundheitsportal im Internet bestehen. Mit diesem Portal sei es jedem Nutzer möglich, seine Schutz- und Risikofaktoren im Rahmen einer angeleiteten Selbstbeobachtung zu ermitteln, um sie anschließend mit Hilfe einer entsprechenden Lebensstilberatung (beispielsweise hinsichtlich Ernährung, Bewegung, Entspannung) zu beeinflussen. Besonders hilfreich wäre dies für Personen mit drohendem Metabolischen Syndrom, das Risiken für schwere Gefäßerkrankungen birgt, Diabetes mellitus, Burnout oder Fettleibigkeit.
Über einen neuen Präventionsansatz zur psychischen Stabilisierung durch Sport und Bewegung referierte Prof. Dr. med. Norbert Thürauf, Oberarzt der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg. Er stellte die Bedeutung von Sport zur Vorbeugung vor depressiven Episoden dar. Eine neue Theorie, nach der Depression durch Mangel an diversen neuronalen Wachstumsfaktoren entsteht, kann möglicherweise den positiven Einfluss von Sport auf die Stimmungslage erklären. Demnach führt Sport zu einem Anstieg der bei Depression verminderten Wachstumsfaktoren. Etablierte Therapien, wie zum Beispiel die Elektrokrampftherapie oder Antidepressiva, führen ebenfalls zu einer Erhöhung dieser Wachstumsfaktoren. Damit haben Sport und herkömmliche Therapien in ihrer Wirkung also „einen gleichen Endweg“.
Entsprechend seiner Position als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung widmete er sich zudem dem Thema Raucherentwöhnung, also der Prävention von rauchassoziierter Erkrankungen. 25 % der Frauen und 37 % der Männer rauchen. Das mittlere Einstiegsalter liegt bei 12,5 Jahren. Mit etwa 110.000 Todesfällen pro Jahr werden Rauch assoziierte Erkrankungen bald zur Todesursache Nummer eins in Deutschland aufsteigen. Rückfälle nach Entwöhnung werden vor allem durch Konditionierungsvorgänge, Habit Learning (Lernen von Gewohnheiten) und Verstärker(-ketten) verursacht. Für die Diagnose einer Nikotinabhängigkeit stehen verschiedene Tests und Fragen zur Verfügung. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Tag sowie die Zeitspanne zwischen dem Aufwachen am Morgen und der ersten Zigarette. Es stehen verschiedene, gegebenenfalls komplementäre Therapien zur Rauchentwöhnung zur Verfügung.
Prof. Dr. med. Ortrud Steinlein, Direktorin des Instituts für Humangenetik, legte die Möglichkeiten, Chancen und Gefahren von präventiv eingesetzten Genanalysen dar. Sie zeigte die Chancen von Genanalysen für die Prävention – im Sinne einer Früherkennung – von monogenen Erkrankungen, wie z. B. Krebserkrankungen, auf. Sie beschäftigte sich auch mit der Frage, ob genetische Reihenuntersuchungen zur Feststellung bestimmter Risikofaktoren sinnvoll sind. Was die Vorbeugung multifaktorieller Erkrankungen betrifft, sei es ein fernes Ziel, anhand von Risikofaktoren, schützenden Faktoren und Umweltfaktoren das Lebenszeitrisiko einer Person zu berechnen. Das Fazit von Prof. Steinlein lautete, dass man den Einsatz von Genanalysen für die Prävention differenziert betrachten müsse. Denn durch die Genanalysen entstünden „gesunde Kranke“. Nicht für alle Krankheiten gebe es wirksame Präventionsmaßnahmen und ein Gentest entspräche zudem nicht der Bereitschaft, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

Themen

