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Hanns-Seidel-Stiftung
Institut für Begabtenförderung
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80636 München
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Sprache und Sprachen - vom ersten Wort zum Linguistic Turn
Fachforum Geisteswissenschaften

- Die Seminarteilnehmer
Ein kleiner Kreis von 16 Stipendiaten und Altstipendiaten war vom 18. bis 20. Juni 2010 zum Fachforum Geisteswissenschaften nach Wildbad Kreuth gekommen. Unter dem Titel “Sprache und Sprachen – vom ersten Wort zum ‚Linguistic Turn‘” setzten sich die Teilnehmer in vier Vorträgen und einem praktischen Workshop mit diesem vielschichtigen Thema auseinander.
Am Freitagabend sprach Prof. Dr. Rosemarie Tracy vom Lehrstuhl für Anglistische Linguistik der Universität Mannheim über „Mehrsprachige Kompetenzen in der Kindheit“. Sie berichtete von Ihren Forschungen über zweisprachig aufwachsende Kinder und die Notwendigkeit, Eltern wie Erzieher und Lehrer über die Besonderheiten des Spracherwerbs bei mehrsprachigen Kindern aufzuklären. Einige der Teilnehmerinnen konnten die Diskussion mit Berichten über die Erfahrungen mit ihrer eigenen Mehrsprachigkeit bereichern. In der Bibliothek wurde anschließend angeregt weiterdiskutiert.
Am Samstagmorgen stellte die Historikerin Dr. Sabine Todt von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg “Die Bedeutungen des Linguistic turn für das geisteswissenschaftliche Denken” vor. Sie veranschaulichte am Beispiel der Metapher “Diva” und der Sängerin Maria Callas, was der Ansatz des “Linguistic Turn” für die Geisteswissenschaften leisten kann und zeigte Chancen wie auch die Grenzen des sogenannten wissenschaftlichen Paradigmenwechsels auf.
Die Frage “Gefährdet die Sprachenvielfalt den gesellschaftlichen Zusammenhalt?” stellte anschließend Prof. em. Dr. Hans H. Reich vom Institut für Bildung im Kindes- und Jugendalter der Universität Koblenz-Landau. Er zeigte im europäischen Vergleich die unterschiedlichen Modelle des Zusammenlebens zwischen Menschen mit verschiedener Muttersprache in einem Staat auf. Prof. Reich konnte darlegen, dass die sprachlichen Unterschiede in einigen Staaten als Problem thematisiert werden, dabei aber eigentlich meist starke wirtschaftliche Diskrepanzen in den entsprechenden Sprachregionen, und damit politische Interessen, dahinterstehen.

- Anthony Rowley von der Kommission für Mundartforschung bei seinem Vortrag
Am Samstagnachmittag vermittelte Dr. Andreas Hendrich, der die Einrichtung “Sprachraum”, an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet, den Teilnehmern des Fachforums ganz praktische Fertigkeiten. Im Workshop “Improvisation – Sprechen ohne Plan?” übten die Stipendiaten und Altstipendiaten anhand vielfältiger Techniken, wie man sich aus Berechenbarkeit, Strukturen und Plänen entfernt und aus Gegenwart der eigenen Person und der Beziehung zum Zuhörer Sprechinhalte schöpfen kann. Nach vier Stunden mit verschiedenen Übungen bewältigten die Teilnehmer einzelne Situationen improvisierten Sprechens souverän – eine Fähigkeit, die auch bei mündlichen Prüfungen oder Vorstellungsgesprächen hilfreich sein dürfte.
Am Sonntagvormittag schließlich sprach Prof. Dr. Anthony Rowley von der Kommission für Mundartforschung an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München über ”Potschamperl, Zamperl und Dult – Fremdes wird urbairisch: Von Lehn- und Fremdwörtern im Dialekt”. Die Teilnehmer des Fachforums, die vielfach selbst einen Dialekt beherrschen, erfuhren einiges über die vielfältigen fremdsprachigen Einflüsse im bairischen Dialekt, unter anderem durch die Hofsprache französisch, durch die Wörter aus dem nicht-bäuerlichen Lebensumfeld in die bairische Sprache wanderten, wie Potschamperl (pot de chambre, der Nachttopf) oder Parasol, der Sonnenschirm.
Bericht und Bilder: Barbara Six

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