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Börsenspekulation und Rohstoffmärkte

Rohstoffe, insbesondere Agrarrohstoffe aus aller Welt, stellen mehr als ein Drittel aller Güter im Welthandel dar. Sie sind größtenteils die Grundlage unserer alltäglichen Waren und Lebensmittel. Das Fachforum Wirtschaftswissenschaften vom 17. bis 19. Oktober 2014 in Kloster Banz beleuchtete die Komplexität des Themas "Börsenspekulation und Rohstoffmärkte" aus verschiedenen Perspektiven.

Isabel Küfer

Rohstoffe stellen mehr als ein Drittel aller Güter im Welthandel dar und sind die Grundlage der meisten Waren, mit denen wir Tag für Tag in Berührung sind. Dies trifft insbesondere für Agrarrohstoffe zu, die auf unserem "Teller" landen und aus der ganzen Welt stammen. Das Fachforum Wirtschaftswissenschaften vom 17. bis 19. Oktober 2014 in Kloster Banz verfolgte das Ziel, die Komplexität des Themas "Börsenspekulation und Rohstoffmärkte" aus verschiedenen Perspektiven zu verdeutlichen.

Christoph Weber-Berg

Isabel Küfer

Zum Auftakt des Seminars wagte Dr. Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau (CH), eine heuristische Annäherung an die Begriffsdefinition der Spekulation aus ethischer Perspektive. In seiner Dissertation hatte er sich bereits mit der Kulturbedeutung des Geldes auseinandergesetzt. Er führte zunächst vor Augen, wie stark jede einzelne Person in ihrem Alltag mit dem Begriff der Spekulation in Berührung steht. So könne der Kauf einer Hose letztlich auch davon geprägt sein, sich darüber den Zutritt zu oder das Verbleiben innerhalb einer Peergroup zu verschaffen. Ob dies gelinge, sei zum Zeitpunkt des Kaufs nicht eindeutig zu sagen. Dieser bliebe eine Wette auf die Zukunft und beim Kauf drehe es sich dann weniger um den Nutzen des Gegenstands der Hose, sondern vielmehr um den Geldwert, den dieser liefere. Nicht zuletzt sei jeglicher Handel, sei es der Börsenhandel oder eben auch der Einzelhandel eine Form der Spekulation, bei der es darum gehe, durch eine Transaktion die Verbesserung der eigenen Situation herbeizuführen. In seiner Aufschlüsselung ethischer Kriterien zur Bewertung von Spekulation im Allgemeinen offenbarte sich schließlich die wahre Komplexität, als immer weiter relativierende Begriffe hinzutraten.

René van der Poel

Isabel Küfer

René van der Poel, General Manager Trade and Execution bei Archer Daniels Midland (ADM), ermöglichte darauf folgend einen Einblick in die Welt des Agrargroßhandels. Nach einer Einführung in das ABC des Handels stellte er die Verflechtung der Interessen einzelner Teilnehmer an den Rohstoffmärkten am Beispiel der Ölsaaten, zum Beispiel Raps, Soja, Sonnenblumen, heraus. Während ein Landwirt in Deutschland das Interesse an einem möglichst stabilen und nicht über die Jahre fallenden Preis für Ölsaaten habe, stehe dieser nicht nur mit der Konkurrenz und der Nachfrage in der Region, sondern auf der ganzen Welt im Zusammenhang. Eine chinesische Marktmacht, die über ihre große Absatz- und Nachfragemenge zentral den internationalen Marktpreis beeinflusse, sei in ihrer Preisstrategie neben den zahlreichen anderen großen Marktteilnehmern schwer durchschaubar für den einzelnen Landwirt. Hier komme ein Akteur wie ADM ins Spiel, der im Handel von unterschiedlichen Erwartungshaltungen Angebot und Nachfrage überbrücke.

Thomas Seeger

Isabel Küfer

Ihm schloss sich der Vortrag aus der Perspektive des Industriekonzerns Thomas Seeger, Leiter Markenrechte und Öffentlichkeitsarbeit der Alfred Ritter GmbH & Co. KG, an. Mit seinem Hauptprodukt der quadratisch abgepackten Qualitätsschokolade, ist das Unternehmen ganz eng mit den Rohstoffmärkten insbesondere für Kakao und Nüsse verbunden. Die Besonderheit dieser beiden Rohstoffe und der mit ihnen verbundenen Märkte liege, gerade mit Blick auf das Thema Spekulation, auf genau eben ihrer überschaubaren Größe im Verhältnis zum Markt für beispielsweise Ölsaaten. Während letzterer weltweit eine Produktion von ungefähr 500 Millionen Tonnen umfasst, werden global 4 Millionen Tonnen Kakao produziert. Der Preis an einem solch kleineren Markt sei mit verhältnismäßig kleineren Kapitalmengen in Bewegung zu versetzen als ein diesem gegenüberstehender Massenmarkt. Für einen mittelständischen Betrieb können starke Preisschwankungen das Aus für die Produktion bedeuten. Um sich vor zu starken Preisschwankungen stärker zu schützen und die Marktabhängigkeit zu senken, hat Ritter in den Eigenanbau von Kakao investiert. So entstehen in Nicaragua auf einer Fläche von 2500 ha 1.5 Millionen Kakaobäume. In Mischkulturen sollen sie in 5-7 Jahren ungefähr 30 Prozent des Eigenbedarfs an Kakaomasse decken.

David Hachfeld

Isabel Küfer

Zum Abschluss des Fachforums warf David Hachfeld, Referent für Wirtschaft und Globalisierung bei Oxfam Deutschland, nochmals einen kritischen Blick auf das Themenfeld. Er betonte, dass der Handel von Lebensmitteln sich nicht auf den reinen Geldwert konzentrieren dürfe, sonst bestünde die Gefahr, dass Lebensmittel zu Gegenständen eines Spiels rein ums Geld würden. Diese Gefahr dürfe bei der Regulierung der Märkte nicht aus den Augen verloren werden. Dazu seien der Hunger und die Armut in der Welt einfach zu groß. Die für die Regulierung Verantwortlichen sehen sich jedoch einer hohen Komplexität ausgesetzt, die zuerst zu durchschauen sei, bevor wirksame Regulierungsansätze festgelegt werden können. Schließlich sei bei der Betrachtung der einzelnen Rohstoffmärkte, auch die Zentralbankpolitik, genauso wie das Agieren spezifischer Finanzmarktakteure zu berücksichtigen, ebenso wie das der Produzenten oder Agrargroßhändler. Um Spekulation an Rohstoffmärkten zu beurteilen, ist jeder Einzelfall im Detail zu betrachten.

Die einzelnen Fachvorträge wurden durch sehr rege und umfassende Diskussionen zwischen Referenten und Teilnehmern begleitet. Als neue Fachforumssprecher wurden Christina Werner, Daniel Gottal und Markus Aichele gewählt. Sie werden sich im nächsten Jahr dem Thema der Rüstungsexporte in Krisenzeiten widmen.

Steffen Seibert

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