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Die Zukunft der Arbeit beginnt jetzt
Beständiger Wandel

Die Arbeit wird sich ändern – aber ausgehen wird sie uns nicht. Menschliche Fähigkeiten werden auch in Zukunft gebraucht und sogar wichtiger werden. Wie beeinflussen grundsätzliche Herausforderung wie der gesellschaftliche Wandel, die Digitalisierung und Automatisierung unseren Arbeitsalltag und welche Auswirkung hat Covid-19 darauf?

Werden wir überhaupt noch gebraucht oder wird unsere Arbeit durch Roboter übernommen? Wie können wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft sichern? Welche Fähigkeiten und dementsprechende Bildungswege werden benötigt, um passende Kandidaten für den Arbeitsmarkt auszubilden?

Über ein modernes Leben als digitaler Nomade referieren Simone Engelhard und Simon Qualmann

Über ein modernes Leben als digitaler Nomade referieren Simone Engelhard und Simon Qualmann

© Johannes Schlapschy

Aktueller Bezug

Wenn Volkswirte von der aktuellen Krise und Covid-19-Pandemie sprechen, verwenden sie den Begriff Schock. Dieser Schock und das damit verbundene rasche Runterfahren hat nicht nur unser Leben im Allgemeinen, sondern speziell auch unseren Arbeitsalltag gravierend verändert. Besonders zeigt es, wie zentral die „Arbeit“ für unsere Gesellschaft ist. Es gibt unzählige Verbote, die unsere Lebensweise betreffen, nicht aber unsere Arbeitsweise.

In diesem Zuge wurde das teils von Arbeitgebern als lästig empfundene „Home-Office“ quasi über Nacht zum Standard-Arbeits-Modell. Applikationen wie Skype, Teams, oder Zoom boomen und können die gestiegene Auslastung teils nicht mehr bewältigen. Generell hat sich die Kommunikation innerhalb von Organisationen aber auch mit Akteuren außerhalb, wie Kunden und Lieferanten, in die digitale Welt verlagert. Aus Sicherheitsgründe kommunizieren und interagieren die Mehrheit der Mitarbeiter, Teams und Führungskräfte jetzt ausschließlich via E-Mail, chatten miteinander oder nehmen an Telefon- und Videokonferenzen (aus dem Wohnzimmer) teil. Sprich: Unternehmen und ihre Mitarbeiter sind gezwungen neue IT-Infrastrukturen auf- oder auszubauen, um ihr Geschäftsmodell und die dazu nötigen Kommunikations- und Prozessstrukturen zu erhalten.

Aber nicht nur zahlreiche Beschäftigte, sondern auch quasi alle Schüler und Studenten arbeiten und lernen aktuell von zuhause. So hat sich auch das Stiftungsleben verändert - Veranstaltungen werden als Webinare angeboten.

Die Corona-Krise bietet frei nach dem chinesischen Schriftzeichen [chinesisch Krise setzt sich zusammen aus Gefahr und Chance] auch die Chance längst fällige Digitalisierungs-Maßnahmen direkt umzusetzen und dem Arbeitnehmer mehr Flexibilität einzugestehen. Die Frage, die sich hieran anschließt, aber offenbleibt, ist inwieweit dieser Schock anhält und sich nachhaltig verfestigt.

Mit welchen langfristigen Trends, Herausforderungen und Implikationen wir grundsätzlich konfrontiert sind und wie sich diese auf die Zukunft der Arbeit auswirken, haben wir bereits vergangenes Jahr in dem Fachforum der Wirtschaftswissenschaften intensiv diskutiert.

Arbeit im Wandel

Diesen Themen wollten wir nachgehen und sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Sie sind nicht so neu, wie wir gerne denken, denn den Wandel der Arbeitswelt gab es schon immer. So stellte schon der griechische Philosoph Heraklit fest: 

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“.

Seit Beginn der industriellen Revolution flammte die Debatte über die Zukunft der Arbeiterschaft mit jeder neuen technologischen Welle wieder auf – diese Einsicht vermittelte uns Professor Bonin vom Institut für Arbeitsmarktforschung in Kassel. So protestierten z. B. 1740 die Segelmannschaften gegen die Einführung des Dampfschiffs und 1930 die Spielfilmorchester gegen die Einführung des Tonfilms. Wie die Geschichte zeigt, ließen sich diese Entwicklungen jedoch nicht aufhalten und erscheinen uns aus heutiger Perspektive unumgänglich. Interessanterweise entstanden insgesamt mehr neue Arbeitsmöglichkeiten als alte verschwanden, da sich die Menschen an die veränderten Bedingungen anpassten und neue Berufe entwickelt wurden.

Prof. Holger Bonin hielt einen Vortrag über den Einfluss der Digitalisierung auf unsere künftige Arbeitswelt

Prof. Holger Bonin hielt einen Vortrag über den Einfluss der Digitalisierung auf unsere künftige Arbeitswelt

© Johannes Schlapschy

Auswirkungen der Digitalisierung

Bisher ging bei jedem Wechsel also alles gut. Manche vertreten die Meinung, dass sich dies beim digitalen Wandel zum ersten Mal anders verhalten könnte. Fortschritte in der Robotik, in der Datenverarbeitung und Quantensprünge in Techniken wie Maschinellem Lernen ermöglichen die Automatisierung von Aufgaben, die bisher nur von Menschen effizient gelöst werden konnten. Ist die Angst vor dem großflächigen Jobverlust diesmal also berechtigt? Professor Bonin zeigte mit seinen Analysen, dass der digitale Wandel insbesondere den typischen „Facharbeiter“-Beruf bedroht: die Jobs in der Mitte der Einkommenspyramide sind häufig besonders leicht zu automatisieren und ermöglichen den Unternehmen hohe Einsparungen. Gering bezahlte Arbeiten lohnen oftmals den Aufwand der Automatisierung nicht, während Stellen, die konzeptionelles Denken, Kreativität, Intuition und menschliche Führung voraussetzen, durch digitale Technologien nur unterstützt, nicht aber ersetzt werden können.

Lebenslanges Lernen

Damit wird auch deutlich, dass diese Fähigkeiten in Zukunft eine besonders wichtige Rolle für den beruflichen Erfolg spielen werden. Altstipendiatin Isabell Fries von der University of Cambridge machte aber auch klar, dass es dabei nicht bleibt: Lebenslanges Lernen und Umlernen wird überlebensnotwendig. Auch das bayerische Arbeitsministerium beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitnehmer für die Zukunft gerüstet werden können, so Ministerialdirektor Dr. Markus Gruber. Daneben müssten auch gesellschaftliche Änderungen und ein immer größer werdendes Bedürfnis nach individueller Selbstverwirklichung berücksichtigt werden.

Die Art und Weise der Zusammenarbeit in der Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzenten schon drastisch verändert, wird dies auch noch weiterhin. Daher stellten wir die Frage, wie wir künftig (zusammen-) arbeiten werden.

Engagiert erarbeiten die jungen Teilnehmer in einem Workshop die Voraussetzungen und Eigenschaften, die ein digitaler Nomade kennen sollte

Engagiert erarbeiten die jungen Teilnehmer in einem Workshop die Voraussetzungen und Eigenschaften, die ein digitaler Nomade kennen sollte

© Johannes Schlapschy

Neue Möglichkeiten und Formen des Arbeitens

Selbstverwirklichung, auch berufliche, ist der Generation Y, also den zwischen 1980 bis 2000 geborenen Menschen, besonders wichtig. Zusammen mit den Möglichkeiten der Digitalisierung stellt sich die Frage: Was tue ich und wo ist der beste Ort dies zu tun? Die Wissenschaft bezeichnet diese Fragestellung als Heterotopie, oder wie der Raum das Verhalten seiner Menschen prägt. Nach Martial Pittet, der Unternehmen bei der Einrichtung ihrer Arbeitsplätze berät, kommt es auf die vier Cs an: Concentration, Communication, Collaboration und Community. Ein gutes Raumkonzept, das diese vier Faktoren beachtet, kann die Produktivität der Mitarbeiter positiv beeinflussen – er illustrierte das am Beispiel eines Kindergartens, dessen Räume einem Labyrinth gleichen.

Manche machen sich jedoch am liebsten von allen Räumen frei: Digitale Nomaden ziehen mit ihrem Laptop um die Welt und arbeiten remote. Als Beispiel erzählten uns Simone Engelhard und Simon Qualmann von ihren Erfahrungen des Arbeitens während ihrer Panamerica-Reise: von atemberaubenden Ausblicken aus dem Camper, einem Monat in einer Autowerkstatt in Kolumbien und Treffen an den Hotspots digitaler Nomaden. Spannend dabei war, dass sich ein ganzes Drittel der Stipendiaten so eine Arbeitsweise für sich selbst vorstellen könnte.

Autoren: Dr. David Enzenhöfer, Florian Lerch, Tim Helmes

Kontakt
Leiterin: Isabel Küfer, M.A.
Referat IV/5: Universitätsförderung Bereich Internationale Studien, Medizin sowie Promotionskolleg, Fachforen
Leiterin:  Isabel Küfer, M.A.
Telefon: 089 1258-354
Fax: 089 1258-403
E-Mail: kuefer@hss.de