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Das 20. Jahrhundert - ein Jahrhundert der Gewalt?

Im Osten der Bundesrepublik folgte auf das NS-Regime beinahe nahtlos eine kommunistische Diktatur - in beiden spielen Brandenburg und Berlin eine wichtige ideologische und politische Rolle. Vom 8. bis 11. September 2016 begaben sich zwanzig Stipendiaten auf eine Wanderung durch die Diktaturgeschichte der Mark Brandenburg.

Die Bedeutung, welche der weiteren Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte auch in Zeiten freiheitlich-rechtsstaatlicher Grundordnungen und vermeintlich etablierter demokratischer Herrschaftssysteme zukommt, ist durch die Ukraine-Krise oder den Putschversuch in der Türkei erst jüngst wieder unter Beweis gestellt worden. Sich der Fragilität der eigenen Gesellschaftsordnung bewusst zu werden und zu erkennen, welche Lehren Deutschland aus der eigenen Geschichte im 20. Jahrhundert, dem "Jahrhundert der Extreme" (Eric Hobsbawm), gezogen hat und womöglich in Zukunft ziehen sollte, war eine wesentliche Motivation für das Seminar.

Den Auftakt im Hauptstadtbüro der HSS bestritt die Historikerin Kerstin Lorenz, welche die StipendiatInnen mit dem Konzept der "doppelten Vergangenheit" in Bezug auf die Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts vertraut machte. Aufgrund gänzlich anderer Interessen in der Gedenkstättenarbeit in Ost und West vor 1990 stellten sich nach der Wiedervereinigung viele Fragen nach dem Umgang mit der eigenen "deutsch-deutschen" Vergangenheit. Erschwerend kam noch hinzu, dass es gerade in Ostdeutschland eine Vielzahl an Orten gibt, deren besondere historische Bedeutung sich daraus ableitet, dass sie von verschiedenen politischen Systemen für ähnliche Funktionen genutzt wurden. Gefängnisse, Polizeiwachen oder generell Lager eigneten sich schon auf Grund ihrer spezifischen, universell nutzbaren Architektur für eine derartige Weiterverwendung über die historischen Zäsuren des Nationalsozialismus (NS), der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sowie der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) hinweg. Bezieht man weiterhin auch die älteren Traditionen des Deutschen Kaiserreichs sowie die Zeit der Bundesrepublik ein, könnte man teilweise gar von drei-, vier- oder fünffacher Vergangenheit sprechen. Die Aufgabe historisch-politischer Bildung sei es dann laut Kerstin Lorenz, jeweils auf die an diesen Orten unter unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen gemachten Erfahrungen Rücksicht zu nehmen und ihnen entsprechend in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Im Gegensatz zu dem, was der Begriff womöglich impliziere, sei das Ziel also nicht, individuelle Erfahrungen gleichzusetzen, aufzuaddieren oder gegeneinander in Konkurrenz zu setzen. Stattdessen gilt es, auf die kontinuierlichen Entstehungsbedingungen von Gewalt hinzuweisen und dem Vergessen der eigenen vielfältigen (Gewalt-)Geschichte entgegenzuwirken.

In der vom parteipolitischen Tagesgeschehen geprägten Auseinandersetzung um geschichtspolitische Deutungshoheit bleibt dieses Bemühen um kritische Differenzierung allerdings häufig auf der Strecke, wodurch sich die Opfer von früher wiederum in der Situation befinden, dass sie bzw. ihre Geschichte für politische Ziele missbraucht werden. Gleichzeitig gäbe es aber gerade von Interessenverbänden ehemaliger Opfergruppen auch immer wieder Einwände gegen ein vermeintlich gleichmachendes "gemeinsames Gedenken". Im Laufe des Seminars sollten die StipendiatInnen verschiedene konkrete Beispiele einer derartigen "Opferkonkurrenz" und damit die Fallstricke der deutsch-deutschen Erinnerungskultur kennenlernen.

Das erste Ausflugsziel war am Folgetag die Justizvollzugsanstalt (JVA) Plötzensee, dessen Areal schon seit dem Ende der 1860er Jahre und durchgehend bis heute für verschiedene Hafteinrichtungen gedient hat. Unserer Referent Andreas Heerer ließ uns durch seine ungemein plastischen Schilderungen an seinen langjährigen Erfahrungen im modernen Strafvollzug teilhaben und führte uns im "laufenden Betrieb" durch die aktuelle Anlage. Selbst bereits seit den 1990er Jahren in der JVA tätig, beeindruckte er uns durch seine pragmatische Sicht auf das eigene Tätigkeitsfeld sowie den scheinbar ungezwungenen und entspannten Umgang mit den uns begegnenden Insassen. Zugleich wurde aber auch deutlich, unter welchen schwierigen Bedingungen beide Seiten in Berliner Haftanstalten arbeiten bzw. leben müssen. Nicht nur die räumliche Enge, sondern auch Hektik, Lärm und Gerüche stellten schon immer große Belastungen für Vollzugsbeamte wie Häftlinge dar und sind wohl auch heute nie komplett zu vermeiden. Wenn dazu aber aufgrund finanzieller Engpässe noch Überbelegung und Unterausstattung an Platz, Personal, Ausrüstung und Gebrauchsgegenständen kommen, gibt dies neue Anlässe für Konflikte zwischen Häftlingen oder mit den Sicherheitskräften. Solche zusätzlichen Risiken für beide Seiten zu vermeiden, sollte im allgemeinen Interesse unserer Gesellschaft liegen. Der Besuch in einer für die meisten TeilnehmerInnen "fremden Welt" bot damit auch Anlass, über die eigene Verantwortung zu reflektieren.

Nach dieser Begegnung mit der Gegenwart des Strafvollzugs tauchten wir in die Vergangenheit des Ortes ein. Am prägnantesten sticht dabei die Zeit des "Dritten Reiches" hervor. Damals hatte sich unweit der heutigen Haftanstalt einer der zentralen Hinrichtungsplätze für die Verurteilen des nationalsozialistischen Volksgerichtshofes befunden. An die rund 3.000 Opfer erinnert heute die Gedenkstätte Plötzensee. Während es sich bei Andreas Herrers Insassen zum großen Teil um "Ersatzfreiheitsstrafer" handelt, die "nur" in Plötzensee einsitzen, weil sie die ihnen auferlegten Geldstrafen für kleinere Diebstahlsdelikte oder wiederholtes Schwarzfahren nicht zahlen können, hatten die Nationalsozialisten Plötzensee als Ort der gezielten Vernichtung ihrer Gegner auserkoren. Eine alte Arbeitsbaracke war hier zur Hinrichtungsstätte für oppositionelle Politiker, Gewerkschaftler sowie Angehörige verschiedenster Nationen aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten transformiert worden. Zu den prominenteren Opfern gehörten auch ehemalige Widerstandskämpfer wie beispielsweise Helmut James Graf von Moltke vom Kreisauer Kreis. Die im krassen Gegensatz zur Hektik der JVA von einer Todesstille umgebene Gedenkstätte und die spartanische Rekonstruktion des früheren "Hinrichtungsschuppens" vermittelten mit fast brutaler Eindrücklichkeit, wie wenig Mittel ausreichend sein können, um die eigenen Absichten in tödliche Gewalt umzusetzen.

Der anschließende Besuch der in den 1960er Jahren erbauten "Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933–1945" vermittelte wiederum einen anderen Umgang mit der Plötzenseer Vergangenheit. Während in der Gedenkstätte eine beinahe erdrückende Geräuschlosigkeit herrschte, konnten wir in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum die erholsame Stille der Oberkirche zur inneren Einkehr und Besinnung nutzen. In der Krypta wiederum begegneten wir dem bereits genannten Helmut James Graf von Moltke wieder, welchem – neben den Katholiken Erich Klausner, Bernhard Lichtenberg und Alfred Delp – seit Jüngstem durch eine Installation in der Grabkirche gedacht wird. Wie uns Schwester Mirjam vom angrenzenden Kloster "Karmel Regina Martyrium" berichtete, war es den Karmelitinnen ein besonderes Anliegen gewesen, die Freundschaft und den Zusammenhalt zwischen dem Jesuitenpater Alfred Delp und dem Protestanten von Moltke zu würdigen. Beide hatten sich ungeachtet ihrer konfessionellen Unterschiede zusammen im Kreisauer Kreis für ein besseres Deutschland engagiert und waren deswegen, wie auch Klausner und Lichtenberg, von den Nationalsozialisten ermordet worden. Diese gelebte Ökumene, welche laut Schwester Mirjam auch unser Gedenken an die Opfer des "Dritten Reiches" inspirieren sollte, wird auch durch den Wandteppich hinter dem Altar zum Ausdruck gebracht, der von einem jüdischen Holocaustüberlebenden gestiftet worden ist.

Die durch die moderne Architektur sowie den behutsamen Einsatz einzelner Kunstwerke und Installationen geschaffene Atmosphäre der Versöhnung und der Hoffnung bildete einen passenden Übergang zum vergnüglicheren Abendprogramm des ersten Seminartages. Dieser wurde schließlich von Volker Niemetz vom "Berlin Geschichte e.V." mit einer ganz eigenwilligen Stadtführung durch das Berliner Regierungsviertel abgerundet, die selbst die "Langzeitberliner" mit einer Vielzahl erstaunlicher und kurioser Anekdoten zu unterhalten wusste.

Am folgenden Tag ließen wir Berlin erstmals hinter uns und brachen auf nach Potsdam. Nach einem Stadtrundgang entlang der baulichen Kapriolen der Nachwende-Zeit trafen wir im ehemaligen Potsdamer Amtsgericht wieder auf Kerstin Lorenz, welche hier maßgeblich an der Entwicklung des Konzepts für die neue "Gedenkstätte Lindenstraße 54/55" beteiligt gewesen war. In dem barocken Stadtpalais, das bereits seit dem 19. Jahrhundert verschiedene Funktionen als Haft- und Gerichtsgebäude erfüllt hatte, waren im 20. Jahrhundert nacheinander politische Häftlinge der NS-Justiz, des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) gefoltert, abgeurteilt und eingesperrt worden. Im Zuge einer Führung und selbstständiger Projektarbeit hatten wir die Möglichkeit, den verschiedenen Zeitschichten nachzuspüren, die an diesem "historischen Ort" zusammentreffen und sich so mit den (Dis-)Kontinuitäten politischer Strafgewalt im 20. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Der Besuch der Gedenkstätte war ein besonders intensives Erlebnis, da man durch die zum großen Teil erhaltene "Innenausstattung" des Gefängnisses sowie eine Vielzahl historischer Artefakte und Zeitzeugenberichte einen direkten Einblick in die grausamen Erfahrungen der hier einst Inhaftierten erhalten konnte. Der viel zu beengte Raum in den Zellen, die verschachtelten Beton-Stallkonstruktionen im Gefängnistrakt, und die tiefen feuchten Decken der Keller – schlicht die gesamte Architektur war dazu angetan, die Häftlinge zu peinigen. Das Knarzen und Quietschen der Eisentore und das knallende Zuschlagen der Türriegel klingt noch heute in den Ohren der BesucherInnen nach. Die Zeitzeugenberichte wiederum heben vor allem die zermürbende Wirkung des "Kratzens und Wimmerns" der Mithäftlinge hervor sowie die gewaltige Anspannung, welche die Insassen erfasste, sobald sich die Schritte der Wärter ihrer Zelle zu nähern schienen. Wiederum war es das Zusammenspiel von Raum und Klang, das – diesmal ganz bewusst – ein Gefühl des Ausgeliefertseins bei den Verurteilten hervorrief. Anhand vieler Beispiele machte unsere Referentin Kerstin Lorenz zudem deutlich, welche Nichtigkeiten bisweilen genügen konnten, um in die Fänge der politischen Strafverfolgung zu gelangen. Es sind jene Willkür und die aus Sorge vor dieser ausgebildeten Vermeidungsstrategien, mit denen die Regime des 20. Jahrhunderts ebenso Herrschaft über ihre Bürger ausübten.

Die extremste Form der Gewaltausübung begegnete uns schließlich am letzten Tag unseres Seminars als wir das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen besuchten. Der riesige Komplex im Norden Berlins hatte einst als Vorzeigeobjekt und Schaltzentrale des gesamten nationalsozialistischen Lagersystems gedient. Wie in Buchenwald war auch das KZ Sachsenhausen nach der Befreiung durch die Alliierten Truppen im April 1945 bereits im August 1945 durch die sowjetische Militäradministration als eins von insgesamt zehn "Speziallagern" weitergenutzt worden. Wie uns unsere Referenten Stephan Horn und Ivan Kulnev aufklärten, gestaltet sich das Gedenken an diese "doppelte Vergangenheit" gerade in Sachsenhausen besonders schwierig: Die Interessenvertretung der früheren NS-Insassen lehnte es nämlich ab, dass an gleicher Stelle auch jenen gedacht wird, die vermeintlich gerade wegen ihrer NS-Vergangenheit dann in das sowjetische Speziallager gekommen waren. Dass die Häftlingsbiographien im stalinistischen Terror der SBZ und frühen DDR allerdings in Wahrheit ähnlich diffus waren wie zuvor im "Dritten Reich", wurde bei der Führung durch den historischen Ort selbst sehr schnell deutlich. Dass die Ausstellung für die Lagerinsassen seit August 1945 sich jenseits der früheren Außenmauer befindet und vom früheren Lager aus gesehen in einer Senke "versteckt" liegt, ist in der Tat ein sprechender architektonischer Ausdruck für die Nachwirkungen der deutsch-deutschen Gewaltgeschichte.

Dass unsere Führung bei strahlend blauem Himmel und über 30 Grad stattfand, vermittelte uns gleichzeitig eine vage Ahnung der extremen Lebensbedingungen, denen die Häftlinge in beiden Epochen ausgesetzt gewesen sein müssen: unnachgiebige Hitze und stehende Luft auf den endlosen Betonflächen der Exerzierplätze im Sommer – klirrende Kälte und faulige Nässe in den völlig überfüllten zugigen Holzbaracken im Winter. Neben der im Zweiten Weltkrieg betriebenen "Vernichtung durch Arbeit" u.a. im angrenzenden Klinkerwerk forderte so schon allein das Zusammenwirken von Architektur und Klima in Sachsenhausen einen enormen Blutzoll. Diese durchlittenen Extremerfahrungen sind menschenunwürdig, und gerade weil es gemeinsame Erfahrungen sind, könnten sie eine Chance für gegenseitiges Verständnis und Anteilnahme für ehemalige Opfer sein, genauso wie für die nachfolgenden Generationen.

Die potentiell "gewalttägige" Wirkung der Architektur, die tiefgreifenden Folgen der zielgerichteten Nutzung und Zurichtung bestimmter Räume für die Insassen, stellen wohl die nachhaltigsten Eindrücke des Seminars dar. Daraus leitet sich gleichzeitig die Erkenntnis ab, dass die Gründe, für die man heute in den Strafvollzug geraten kann, sowie die Bedingungen, unter denen man diesen zu verbringen hätte, unser aller Aufmerksamkeit verdienen. Einfach mal über die Verhältnismäßigkeit gewisser Straftatbestände und des angedrohten Strafmaßes sowie die Vollzugsbedingungen in historischer Perspektive nachzudenken, kann dafür sehr hilfreich sein. Insofern hält eine Reise durch die vermeintlich längst vergangene "Diktaturgeschichte der Mark Brandenburg" durchaus noch Lehren für unsere Gegenwart bereit.

Jens Weinhold

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