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Weggeklickt und Weggewischt?
Der Mensch im Zeitalter 5.0

Ersteller: Angela Ostlender

Eine Revolution ist im Gange: Die rasante Entwicklung digitaler Technologien wird enorme Auswirkungen auf unsere Arbeits- und Lebenswelt haben.

Welchen Platz hat der Mensch im Zeitalter 5.0? Wie wird die Zukunft der Arbeit aussehen? Wo liegen die Grenzen zwischen dem technologisch Machbaren und dem ethisch Vertretbaren? Diese Fragen standen im Zentrum einer Diskussionsveranstaltung am 21. November 2017 in Brüssel.

Zisterziensermönch Justinus Pech beschreibt 'Hyper-KI': "[...] gottesähnliches Geschöpf mit künstlicher Intelligenz von unglaublichem Ausmaß"

Zisterziensermönch Justinus Pech beschreibt 'Hyper-KI': "[...] gottesähnliches Geschöpf mit künstlicher Intelligenz von unglaublichem Ausmaß"

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Wird Science-Fiction zur Wirklichkeit?

„Wenn mechanische Tätigkeiten in Zukunft gänzlich von Maschinen übernommen werden und zahlreiche Dienstleistungen aufgrund hochentwickelter intelligenter und selbstlernender Algorithmen nicht mehr von Menschen ausgeführt werden müssen, werden zahlreiche Berufsstände obsolet“, so beschrieb einleitend Ordenspriester Pater Justinus Pech eine bedenkliche Perspektive. Der Zisterziensermönch leitet das Institut für Führungsethik in Bochum. Seine Inspirationen zieht er aus den Thesen von Ray Kurzweil, Autor und Leiter der technischen Entwicklung bei Google, und des deutschen Informatikers und Erforschers von Künstlicher Intelligenz (K.I.) Prof. Jürgen Schmidhuber. Nicht nur der Fabrikarbeiter müsse dann um seinen Arbeitsplatz bangen, so Pech, sondern auch Controller, Dolmetscher oder Paketlieferanten und viele mehr.

Beunruhigend für ihn sei, so der Ökonom und Theologe, dass künstliche Intelligenz eine Eigendynamik entwickeln könne, an deren Ende der Mensch als fehlbares Element unterlegen sei und nicht mehr gebraucht werde. „Über allem steht dann ein gottesähnliches Geschöpf mit künstlicher Intelligenz von unglaublichem Ausmaß. Diese „Hyper-K.I.“ könnte aufgrund ihres allumfassenden Wissens in der Lage sein, alles zu steuern und alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen“, so der Fundamentaltheologe.

Pater Pech und Stephan Neugebauer nebeneinander auf dem Podium. Neugebauer hat das Mikro.

Für Stephan Neugebauer gilt: Noch ist nur der Mensch in der Lage, flexible Lösungsansätze im Straßenverkehr zu entwickeln.

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Er bezweifelte, dass eine solche Entwicklung irgendwie gestoppt werden könne. Denn immer schon habe die Menschheit ihre technischen Möglichkeiten ausgeschöpft und weiterentwickelt. Umso wichtiger sei es, die Weichen richtig zu stellen. Denn die digitale Revolution habe auch viele Vorteile. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, an dem klare Vorgaben und Grenzen definiert werden müssten. „Der Mensch muss die Kontrolle dieser Entwicklung fest in der Hand behalten“, forderte Pech.

Digitale Medien in die Lehrpläne

In der Podiumsdiskussion holten Dr. Stephan Neugebauer, Vorsitzender der ERTRAC  (Europäischer Beirat für Straßenverkehrsforschung) Executive Group, und der österreichische Europaabgeordnete Heinz K. Becker das Publikum wieder in die Gegenwart zurück. Die Automobilindustrie sei durch die digitale Entwicklung stark herausgefordert, so Dr. Neugebauer. Im Straßenverkehr biete sie jedoch auch viele Chancen und führe zu mehr Sicherheit, indem menschliches Fehlverhalten auf ein Minimum reduziert werde. Auch die Umweltbelastung könne durch intelligente Verkehrsleitsysteme in erheblichem Maße reduziert werden.

Vom vollständig autonomen Fahren sei man jedoch noch weit entfernt. „Die Industrie darf nichts versprechen, was sie nicht halten kann“, sagte Dr. Neugebauer im Hinblick auf den tragischen Tesla-Unfall in den USA. Komplexe Situationen, wie sie im Straßenverkehr häufig anzutreffen seien, erforderten flexible Lösungsansätze. Zu solchen sei momentan nur der Mensch fähig. 

"[...] Bildungssysteme hinken der rasanten technischen Entwicklung hinterher." (Österreichischer MdEP Heinz K. Becker) Links der Moderator, der Amberger Historiker und Autor Dr. Matthias Schöberl

"[...] Bildungssysteme hinken der rasanten technischen Entwicklung hinterher." (Österreichischer MdEP Heinz K. Becker) Links der Moderator, der Amberger Historiker und Autor Dr. Matthias Schöberl

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Für Heinz Becker, Mitglied im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten des Europäischen Parlaments, lautet das zentrale Thema Bildung. Die Technik könne Großartiges für den Menschen leisten, und man dürfe sich ihrem Nutzen nicht verschließen. Ein Alarmsignal in Europa sei jedoch, dass bereits heute rund ein Fünftel der Bevölkerung nicht mehr richtig lesen und schreiben könne. Und Diese Bildungskluft werde sich mit der zunehmenden Digitalisierung zumindest kurzfristig noch vergrößern. In den Lehrplänen der Schulen müsse der Umgang mit digitalen Medien daher schnellstmöglich Berücksichtigung finden, damit die Menschen in Zukunft beschäftigungsfähig blieben. Abgehängte Menschen sollten langfristig betreut werden. Der Staat stehe in der Pflicht, gerade ihnen eine neue Perspektive zu geben.

Was, wie und durch wen regeln? 

Die Podiumsteilnehmer waren sich darin  einig, dass die fortschreitende Digitalisierung gewaltige Potenziale bietet, die genutzt werden müssen. Es werde neue Berufsbilder und neue Arbeitsverhältnisse geben, um dem gesteigerten Wettbewerb standzuhalten, prophezeite Dr. Neugebauer. Bereits heute herrsche ein gewaltiger Mangel an qualifizierten Informatikern und Ingenieuren. Er befürwortete auch Finanzhilfen für den Erhalt von Arbeitsplätzten in traditionellen Betrieben. MdEP Becker warnte vor einer Überforderung der Sozialsysteme durch mehr Arbeitslose, da die Bildungssysteme der rasanten Entwicklung hinterherhinkten.

Pech, Neugebauer, Schöberl und Becker auf dem Podium. Links eine Stellwand der HSS.

Das Panel sieht Nachholbedarf bei der Digitalisierung besonders kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland und fordert: mehr Informatiker ausbilden, besseren Datenschutz umsetzen, Wandel nicht verhindern sondern gestalten.

Besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die 80% der Gesamtwirtschaft ausmachten, bereiteten sich oftmals unzureichend auf den digitalen Wandel vor. Auf europäischer Ebene habe man diese und weitere Probleme erkannt und Projekte vorgeschlagen. Die Verantwortung zur Umsetzung obliege jedoch den Mitgliedsstaaten. Viel Regelungsbedarf sah Dr. Neugebauer auch im Bereich des Datenschutzes. Die Bevölkerung müsse dahingehend sensibilisiert werden, verantwortlicher mit Daten umzugehen, um deren Missbrauch einzudämmen. Becker fügte hinzu, dass die EU im vergangenen Jahr eine Datenschutzgrundverordnung verabschiedet habe, die ab Mai 2018 europaweit Anwendung finden solle.  Pater Pech erinnerte daran, dass der Mensch gefordert sei.

„Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen“ zitierte er den verstorbenen Altbundespräsidenten Roman Herzog und fügte hinzu, dass wir nicht verhindern, sondern an der Speerspitze stehen sollten, um den technologischen Wandel mitzugestalten. „Wir sitzen alle in einem Boot und müssen unserer Politik helfen, richtige Entscheidungen zu treffen“, appellierte der Fundamentaltheologe abschließend.

Kontakt
Verbindungsstelle Brüssel
Leiter:  Dr. Markus Ehm
Telefon: +32 2 230-5081
E-Mail: bruessel@hss.de