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Interview mit Regisseur Sönke Wortmann
"Die Deutschen sind verunsichert"

Das "Wunder von Bern" ist nicht nur ein Fußballfilm, sondern auch eine Familiengeschichte und ein Abbild Nachkriegsdeutschlands. Im HSS-Interview beantwortet Sönke Wortmann Fragen zu seinem Film über einen deutschen Mythos und noch mehr.

Bei unserem Filmseminar zeigten wir kürzlich Sönke Wortmanns großartigen Film „Das Wunder von Bern“. Der Film handelt vom deutschen Weltmeistertitel 1954: Im Endspiel am 4. Juli siegte die nachkriegsdeutsche Nationalelf sensationell mit 3:2 über die hochfavorisierte ungarische Mannschaft. Es geht aber um viel mehr als um das Fußballspiel: um eine Familiengeschichte und das Begreiflich-Machen der historischen Dimension. Wortmann verknüpft drei Handlungsstränge und unterschiedliche soziale Ebenen miteinander: In einer Essener Bergarbeitersiedlung erlebt der elfjährige Matthias die Rückkehr seines leiblichen Vaters aus der russischen Kriegsgefangenschaft, was zu erheblichen Spannungen in der Familie führt. Für Matthias zählt nur der Fußball. Sein Idol und Ersatzvater, Rot-Weiß-Essen-Lokalheld Helmut Rahn, dessen Taschenträger er ist, fährt währenddessen mit der Nationalmannschaft in die Schweiz zur WM. Rahn wiederum wird vom Bundestrainer Sepp Herberger zunächst nicht aufgestellt, schießt später aber den Siegtreffer und macht damit Deutschland zum Weltmeister. Daneben tritt die Geschichte des Sportreporters Ackermann, dessen Ehe gefährdet ist und der seine reiche, Fußball verabscheuende Frau mit auf die Reportage in die Schweiz nimmt. Im siegreichen Finale von Bern lösen sich alle Konflikte der Protagonisten. Außerdem wurde mit diesem Weltmeistertitel der „Schatten der Nachkriegszeit“ überwunden, der 4. Juli gilt als Datum einer „nationalen Identitätsstiftung“, wie Journalisten und Historiker über diesen Fußball-Erfolg schreiben.

Besonders gefreut hat sich unser Mitarbeiter Peter Dorner über das Filmseminar. Dorner hat früher mit dem Regisseur in der Oberliga beim ESV Freimann gekickt. Wortmann war Stürmer, links außen und ein „sehr guter Spieler“, sagt Dorner.

Wir haben Sönke Wortmann zum Werk und zu seinem Wirken interviewt:

Mann im mittleren Alter, mit Sakko, offenes Hemd, ernster Blick

Sönke Wortmann ist ein deutscher Regisseur, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Sein erster großer Erfolg war der Film "Allein unter Frauen". Es folgten Filme wie "Kleine Haie", "Der Campus", "Das Wunder von Bern" oder "Deutschland. Ein Sommermärchen." Sein letzer Film war "Der Vorname".

Matthias Bothor; HSS; Little Shark Entertainment

HSS: Lieber Herr Wortmann, wir zeigten „Das Wunder von Bern“ - was hat Sie bewogen, gerade diesen Film zu drehen?

Sönke Wortmann: Ich habe früher selber sehr viel Fußball gespielt. Später habe ich an der Filmhochschule in München studiert, weil ich mich schon immer für den Film interessiert habe. Beide Leidenschaften mündeten dann in einem Film, der konsequenterweise Fußball als Thema hat. Und das war das Spiel der Spiele aus deutscher Sicht, ein deutscher Mythos, eine Legende – daraus habe ich versucht, einen Film zu destillieren.

HSS: Der Film ist ja nicht nur ein reiner Fußballfilm, sondern auch eine Darstellung der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland. Außerdem spielt die Heilung einer gestörten Beziehung zwischen Vater und Sohn eine Rolle - wozu dient die Verquickung dieser Erzählebenen?

Mir war immer klar, dass Fußball alleine nicht für einen kompletten Kinofilm reichen würde. Es musste also noch eine andere, eine möglichst noch größere Geschichte dazukommen, als Überbau. 1954 und auch danach kehrten noch viele Kriegsgefangene heim. Die Idee war deswegen, eine Familiengeschichte zu erzählen, bei der ein Vater aus Russland nach Hause kommt, sich dort nicht mehr zurechtfindet. Sein elfjähriger Sohn hat sich während der Gefangenschaft des Vaters einen Ersatzvater gesucht. Dieser Ersatzvater ist Mitglied der deutschen Nationalmannschaft von 1954. Diese Geschichten habe ich verknüpft und parallel erzählt.

Über Sönke Wortmann

Sönke Wortmann wird am 25. August 1959 in Marl geboren. Nach dem Abitur will er zunächst Profi-Fußballer werden. Nach drei Jahren beendet er diese Karriere und studiert Soziologie. Er erkennt schnell, dass dieses Studium nicht das Richtige für ihn ist. 1983/84 bewirbt er sich mit Erfolg an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Dort dreht Wortmann mehrere Kurzfilme, darunter "Nachtfahrer" (1985), der einen Spezialpreis des Londoner Royal College of Art erhält. Dort studiert er auch ein Jahr lang. "Drei D" (1988), ein ironisch-reflexiver Film-im-Film über einen Filmstudenten, der seinen Abschlussfilm über einen Filmstudenten bei den Dreharbeiten zu dessen Abschlussfilm dreht, wird für den Studenten-Oskar nominiert. Sein Studium an der HFF schließt Wortmann 1989 erfolgreich ab. Als Taxifahrer und Schauspieler („Die glückliche Familie“, Bayerischer Rundfunk) jobbte er zunächst, drehte dann aber zahlreiche, höchst erfolgreiche Filme. Sein Durchbruch gelang ihm 1991 „Allein unter Frauen“, der eine Million Zuschauer ins Kino lockte. Weitere Filme (Auswahl): „Kleine Haie“ (1992), „Der bewegte Mann“ (1994), mit 6,5 Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilme überhaupt, „Das Superweib“ (1995), „Der Campus“ (1998), „Der Himmel von Hollywood“ (2001), „Das Wunder von Bern“ (2003), „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006), „Die Päpstin“ (2009), „Schoßgebete“ (2014), „Frau Müller muss weg“ (2014), „Charité“ (Fernsehserie), „Der Vorname“ (2018).

Wortmann erhielt u.a. den Bundesfilmpreis, den Deutschen und Bayerischen Filmpreis sowie einen Grimme-Preis.

HSS: Sie haben ja selber Fußball gespielt. Die Unterschiede zwischen dem damaligen und heutigen Fußball sind gewaltig, oder?

Da kann ich nur mit ja antworten. Früher gab es nur einen Trainer und einen Assistenz-Trainer, heute sind das ganze Trainer-Teams. Ich bin ja kein Fußball-Profi, aber mein Eindruck ist, dass der ganze Fußball erheblich professionalisiert und kommerzialisiert worden ist, das ist heute im Gegensatz zu früher ein Milliardengeschäft. Ich will das aber gar nicht kritisieren, denn das ist eine Entwicklung, die sich so vollzogen hat, nicht nur im Fußball, sondern überhaupt in vielen Bereichen der Gesellschaft. Ich bin schon öfter gefragt worden, ob früher alles besser war… die Antwort ist: Keine Ahnung, aber wenn man Fritz Walter damals so viel Geld geboten hätte, wie heute im Umlauf ist, hätte der wohl auch nicht nein gesagt. Das war damals einfach eine andere Zeit mit ihren eigenen Umständen.

HSS: „Elf Freunde müsst Ihr sein“, sagte einst Bundestrainer Sepp Herberger - gilt das Ihrer Ansicht nach auch heute noch?

Das glaube ich nicht, das geht ja auch gar nicht, denn die Zahl 11 stimmt so gar nicht mehr. Ein Kader besteht heute schon aus mindestens 30 Spielern. Die können alle gar nicht befreundet sein. Aber Respekt sollte man wenigstens voreinander haben. Außerdem sind die Teams im Vereinsfußball in den höheren Ligen heute international. Da sprechen gar nicht mehr alle Spieler die gleiche Sprache. Das ist in der Nationalmannschaft anders, da sprechen schon alle die gleiche Sprache. Natürlich ist es so: Je besser die Spieler sich verstehen, desto besser ist die Stimmung und desto größer auch das Potenzial für Erfolg. „Ego-Shooter“, die nur ihr eigenes Fortkommen im Sinn haben, führen zu Problemen. Fazit: 11 Freunde sind es heute nicht mehr, muss man heute auch nicht mehr sein.

HSS: 1954 war die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs gerade einmal 9 Jahre her. Haben wir aus der Geschichte gelernt?

Was mich derzeit sehr stark beunruhigt, ist dieser Rechtsruck: Dass man wieder Dinge sagt, die ich vor fünf Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Dass es wieder möglich ist, wenn auch nicht unwidersprochen, solche Sachen auszusprechen, ist ein ganz schlechtes Zeichen. Dagegen hilft aus meiner Sicht Aufklärung, Bildung und den Leuten die Angst vor Veränderungen zu nehmen.

HSS: Sind Sie mit dem „Wunder von Bern“, „Deutschland – ein Sommermärchen“ und „Deutschland. Dein Selbstporträt“ ein Mann für deutsche Themen?

Ich bin ja einmal schon in die Komödien-Schublade gesteckt worden. Da bin ich aber wieder rausgekommen, auch durch Filme wie „Das Wunder von Bern“. Jetzt bin ich vielleicht in der „Deutsche-Themen-Schublade“. Das stört mich aber überhaupt nicht, denn ich bin ja nun einmal ein deutscher Regisseur, ich mache deutsche Filme. Das ist für mich keine negative Schublade. Mein letzter Film „Der Vorname“ beruht auf einem französischen Theaterstück, ist aber dennoch ein deutsches Thema. Ich glaube, das passiert automatisch: Wenn man als deutscher Regisseur einen deutschen Film dreht, ist man fast automatisch bei einem deutschen Thema. Als Mann für deutsche Themen bezeichnet zu werden, ist eine Schublade, mit der ich gut leben kann.

HSS: Wie beurteilen Sie die derzeitige Gefühlslage der Deutschen?

Die Deutschen sind verunsichert. Ich habe ja auch den Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ gedreht, der von der Fußball-WM 2006 im eigenen Land handelt. Dieser Film beschreibt etwas, was auch ich nicht für möglich gehalten hätte, denn da ist etwas ganz Positives passiert: Die Deutschen haben auf einmal gemerkt, dass sie gute Gastgeber sind, dass sie Humor haben, dass sie von den ausländischen Gästen gut gefunden werden. Dabei ist ein gutes Selbstbewusstsein entstanden, ein gesunder, fröhlicher Patriotismus. Das hat dem Land gut getan. Diese Gefühlslage haben wir jetzt leider nicht mehr, weil in den letzten Jahren eben diese Verunsicherung eingetreten ist, die in den Medien zum Teil auch noch gehypt wird. Eine solche Verunsicherung können natürlich Menschen und Parteien mit einfachen Formeln gut für sich nutzen. Deswegen haben bei den letzten Landtagswahlen auch so viele rechts gewählt, weil hier scheinbar einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte angeboten werden. Andere machen es sich zu Recht schwerer, weil die Welt ja nicht so einfach ist, wie manche behaupten. Verunsicherung ist daher die derzeitige Gefühlslage der Deutschen.

HSS: Lieber Herr Wortmann, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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