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Die königlich-bayerische Revolution

„Die gute alte Zeit“ – War sie so? War das Ende der Monarchie ein vorhersehbarer – also vermeidbarer – Unfall? Diesen Fragen gingen die Teilnehmer einer gemeinsamen Veranstaltung der Hanns-Seidel-Stiftung, der Promovierenden-Initiative docnet und des CdAS München am 23. April 2015 im Konferenzzentrum München nach.

Stefan März

Stefan März

Volker Göbner

Historiker Dr. Stefan März, ehemalige Promotionsstipendiat der HSS, hatte sich lange mit der Frage befasst: War das Ende der Monarchie ein vorhersehbarer – also vermeidbarer – Unfall? Er holte weit aus, als er das Ende der „königlich“ bayerischen Geschichte beleuchtete.

Andere Staaten hatten auch Regenten. „Aber andere Staaten hatten ihre Regenten bei Aufständen oder Revolutionen aufs Schafott gezerrt, vor ein Erschießungskommando gestellt,  sie vertrieben oder in ein Umerziehungslager gesteckt“, erinnerte eingangs Dr. Rudolf Pfeifenrath vom Institut für Begabtenförderung an das Ende zahlreicher Monarchen und Monarchien. „Nicht so die Bayern!“ In Bayern gingen die Uhren eben schon immer anders. Und sehr viel – neben den Wittelsbachern selbst  –  sei nach der Revolution bis heute übrig geblieben. Der Spruch „Extra Bavariam non est vita – et si est vita, non est ita“ habe noch heute Gültigkeit, wie etwa das Reinheitsgebot. Der Stolz der Bayern auf ihre Heimat sei ungebrochen – mit oder ohne König. Denn brauchen würde man einen solchen nicht – „aber schön wär’s schon“, denke so mancher verträumte Bajuware.

Bayern blühte, München leuchtete

Wie es also nun dazu gekommen ist, dass Bayern keinen König mehr hat, führte der Historiker Dr. Stefan März detailliert aus. Über „Das Haus Wittelsbach im Ersten Weltkrieg“ hatte der heute 35-Jährige promoviert, später eine Monografie über den letzten König von Bayern veröffentlicht. März skizzierte die „verklärten“ Verhältnisse Anfang des 20. Jahrhunderts im Königreich Bayern. In der Tat prosperierte Bayern wie das ganze Kaiserreich. In der Zeit von 1871 (Gründung des Deutschen Reichs) bis zum Kriegsbeginn 1914 gab es lediglich ein bis zwei Prozent Arbeitslose, das jährliche Wirtschaftswachstum bezifferte er mit durchschnittlich 3,4 Prozent. Geprägt war diese Zeit in Bayern durch den Prinzregenten Luitpold, der nach dem Tod von König Ludwig II. (1886) an der Spitze des Hauses Wittelsbach stand. Luitpold hatte sich schon mehr aufs Repräsentieren verlegt, denn aufs Regieren. Bayern hatte seit 1906 auch ein recht fortschrittliches Wahlsystem.

Die Bayern waren stolz auf ihren „Kini“ (der ja damals „nur“ der Regent und Reichsverweser war), stolz auf ihre Heimat, ihre Tradition, ihren weißblauen Himmel, die höchsten Berge des Reiches und das Oktoberfest, wie das auch aus den Geschichten von Ludwig Thoma hervorgeht oder die TV-Serie „Königlich Bayerisches Amtsgericht“ in den 1970er Jahren vermittelte. „München war ein Zentrum der Wissenschaft und der Kunst – München leuchtete“, fasste März zusammen. Die Zahl der Bayern wuchs rasant (damals rund sieben Millionen), doch eine zunehmende Verstädterung war bereits festzustellen. Dort wiederum wurde die Infrastruktur massiv ausgebaut: Gas, Wasser, Licht, elektrische Straßenbahn. Und auch die ersten Automobile erschienen im Stadtbild. Eine Vielzahl von Medien informierte über lokales wie globales Geschehen, viele Parteien buhlten um die Gunst der Wähler. Doch es gab – insbesondere in der auf fast 600.000 Einwohner geradezu explodierten Hauptstadt München – auch Spannungen, wachsende Umweltprobleme mit der zunehmenden Industrialisierung. Der wachsende Wohlstand kam nicht bei allen an.

Mit Luitpolds Tod im Dezember 1912 wurde dessen ältester Sohn, Ludwig, zunächst Prinzregent. Eine Verfassungsänderung der beiden bayerischen Kammern machte 1913 den Weg für dessen Krönung frei. Denn der eigentliche König war Otto I., der Bruder von Ludwig II. Doch Otto war ebenfalls wegen Geisteskrankheit für regierungsunfähig erklärt worden. Ludwig III. war also König nicht allein „von Gottes Gnaden“, sondern de facto auch „von Gnaden des Parlaments“, betonte Stefan März.

Die Monarchie war fest im Sattel

König Ludwig III. hatte sich schon als Thronfolger den Ruf eines volksnahen Reformers erworben. Er förderte Landwirtschaft, Industrie, Handel und Verkehr sowie Wissenschaft und Technik. Er gründete das Deutsche Museum und setzte sich für den Rhein-Main-Donau-Kanal ein. „Die höfische Etikette lag ihm wenig“, so März. „Ludwig III. war ein viel modernerer Herrscher als seine Vorgänger.“ Er wurde gar als Mustermonarch bezeichnet, sogar die bayerischen Sozialdemokraten verhielten sich „königlich-bayerisch“. „Zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung deutete kaum etwas auf ein baldiges Ende der Monarchie hin“, bestätigte Stefan März.

Das Attentat von Sarajewo

Mitten in diese Blüte platzte das Attentat von Sarajewo. Mit dem Mord am österreichischen Thronfolger, Erzherzog Franz-Ferdinand, begann eine Entwicklung, die die Welt in den Abgrund stürzen sollte. „Die verhängnisvolle Dynamik der Bündnissysteme führte schnell zum Flächenbrand“, so März. Ein Land nach dem anderen trat in den Krieg ein. Im Volk herrschte noch eine relativ große Kriegsbegeisterung. „Anfang August träumte man noch von einem romantischen Krieg. Weihnachten wollte man wieder daheim sein“, schilderte der Historiker die Stimmung vor allem der jungen, städtischen Bevölkerung. Viereinhalb Jahre später standen über 900.000 Bayern unter Waffen. Knapp 177.000 kehrten nicht mehr heim.

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Text: Dr. Volker Göbner

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