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Interview - 100 Jahre Frauenwahlrecht
Die Rolle der Frau in der Politik

"Was du ererbt von deinen Müttern, erwirb es dir, um es zu sichern, für dich und deine Kinder": Im Interview mit Ursula Männle spricht die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung über die Rolle der Frauen in der Politik und wie noch mehr Frauen für eine aktive Rolle in der Gesellschaft begeistert werden können.

Politik war früher reine Männersache. Seit dem 8. November 1918 dürfen Frauen in Bayern wählen, seit dem 12. November 1918 in ganz Deutschland. Aber auch nach der Einführung des Frauenwahlrechts war die Politik im Wesentlichen männlich geprägt. Das gilt jedoch nicht für Sie, Frau Männle – bereits 1964 sind Sie mit gerade einmal 20 Jahren in die CSU eingetreten, 1966 wurden Sie Landesvorsitzende des RCDS, 1973 stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Union, 1981 Landesvorsitzende der Frauen Union in der CSU. Später waren Sie Staatsministerin, Bundes- und Landtagsabgeordnete, Sie sind Mitglied im Parteivorstand. Darüber hinaus sind Sie vielfältig politisch und gesellschaftlich engagiert, nicht zuletzt als Vorsitzende der HSS.

 

Rechte Hälfte des Panels mit Moderatorin, Männle und Amberger (rechts).

In Anlehnung an ein Goethe-Zitat sagte Ursula Männle: "Was du ererbt von deinen MÜTTERN, erwirb es dir, um es zu SICHERN, für dich und deine Kinder."

Witte; HSS

Prof. Ursula Männle, geboren 1944 in Ludwigshafen am Rhein, verheiratet, ist seit 2014 Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, war davor 20 Jahre lang deren stellvertretende Vorsitzende. Der Stiftung ist Männle schon seit ihrem Studium eng verbunden. Zunächst betreute sie Seminare, später folgten Einsätze als Seminarleiterin und Referentin.  Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Neueren Geschichte an den Universitäten München und Regensburg begann Männle 1970 ihre berufliche Karriere als Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Von 1976 bis 2009 war Männle Professorin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen München, zehn Jahre Vizepräsidentin des Hochschullehrerbundes und war von 2009 bis 2015 Mitglied des Hochschulrates der Hochschule München.  

1964 trat Ursula Männle der CSU, der JU und der FU bei und war 1966/67 Landesvorsitzende des RCDS. Sie hatte diverse führende Positionen in den verschiedenen Gremien und Arbeitsgemeinschaften der Partei inne. 1979/80 und 1983 bis 1994 war Männle Mitglied des Deutschen Bundestages, zwischen 2000 und 2013 des Bayerischen Landtags. Von 1994 bis 1998 übte sie das Amt der Staatsministerin für Bundesangelegenheiten aus.  Männle ist darüber hinaus in zahlreichen katholischen Frauenorganisationen an vorderster Stelle engagiert, seit 2008 ist sie Honorarkonsulin des Königreichs Marokko und seit 2009 Vorsitzende des Landesverbandes der Pfälzer in Bayern.

HSS: Frau Professor Männle, ganz grundsätzlich - ist Politik unweiblich, wie das einmal eine Lehrerin von Ihnen formulierte?

Ursula Männle: Natürlich nicht! Die Frage ist, wie man Politik definiert: Wenn man Politik nur als Herrschaft begreift, dann ist das Etikett unweiblich durchaus angebracht. Wenn man Politik aber im Sinne Hannah Arendt‘s so begreift, dass man das als richtig und wichtig Erkannte gemeinsam mit anderen durchzusetzen will, dann ist Politik weder männlich noch weiblich, sondern menschlich. In der Politik soll es um Beteiligung, gemeinsame Lösungen und Kompromisse gehen.

HSS: Was sind aus Ihrer Sicht die historisch wichtigsten Stationen auf dem Weg der Frauen in die Politik?

Ein zentrales Ereignis war im Jahr 1908, als der Vereinsparagraph und das Verbot fiel, dass Frauen politische Veranstaltungen besuchen durften. Erst ab dann war politische Beteiligung auch für Frauen überhaupt möglich. Ein weiterer Meilenstein war im Jahr 1918, als das aktive und passive Wahlrecht für Frauen zuerst in Bayern und dann im Bund eingeführt wurde. 1949 wurden dann durch das Grundgesetz in Art. 3 GG Männer und Frauen gleichberechtigt. Die aktive Frauenförderung durch den Staat kam aber erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Rahmen der Verfassungsanpassung ins Grundgesetz.  

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Art 3  
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

HSS: Der frühere bayerische Landtagspräsident Michael Horlacher beschrieb ca. 1950 die Rolle der Frauen in der Politik so: „Als einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, aber in der Masse wie Unkraut.“ Wie stehen Frauen heute in der Politik da: Blume oder Unkraut?

Nur schmückendes Beiwerk sollen die Frauen nicht sein, sondern sich im Gegenteil aktiv in die Politik einbringen. Im Übrigen ist heute längst der ökologisch positive Wert des Unkrauts erkannt!  

HSS: Noch immer sind Männer in der Politik deutlich in der Überzahl, auch wenn der Frauenanteil gestiegen ist (Frauenanteil im Bundestag derzeit 30,7 %, im Bayerischen Landtag 28,3 %), – was wäre aus Ihrer Sicht erforderlich, mehr Frauen für die Politik zu begeistern und in Mandate, aber auch auf wichtige Positionen und Posten in den Parteien zu bringen?

Frauen muss klar sein, dass Politik auch sie selbst sehr stark betrifft. Und, dass sie gerade in und mit der Politik viel verändern können. Diese Beteiligung ist wichtig innerhalb der Parteien, denn solange die Frauen auch in den Parteien in der Minderheit sind, ist es schwerer, Frauen in Mandate und Positionen zu bringen bzw. durchzusetzen. Daher ist Mitmachen die Devise. Schon jetzt bestehen Programme, wie das Mentoring-Programm der Frauen Union, die Politik ganz praktisch erlebbar machen. An solchen Maßnahmen muss man eben teilnehmen, wenn man sich in die Politik aktiv einbringen will. Hier wird das erforderliche Handwerkszeug vermittelt.

HSS: Was bringt es der Gesellschaft, wenn mehr Frauen in der Politik aktiv mitmachen?

Ganz pauschal: Männer und Frauen gehen Politik anders an. Sie setzen auch oft andere Themenschwerpunkte. Frauen haben grundsätzlich vielfältigere Lebensentwürfe, weil sie sich mit völlig unterschiedlichen Lebensbereichen befassen, wie zum Beispiel Beruf und Kindererziehung, und sich in anderen, eher nach innen gerichteten ehrenamtlichen Tätigkeiten, wie etwa im Elternbeirat etc. engagieren; anders als Männer, die eher in nach außen gerichteten ehrenamtlichen Tätigkeiten aufgehen. Es ist wichtig, dass auch diese Erfahrungen der Frauen in die Politik eingebracht werden. Politik würde verarmen, wenn dies nicht der Fall wäre. Frauen haben eine andere, mehr gemeinschaftliche, konsensuale Art, Konflikte zu lösen und Herausforderungen zu meistern. Politik bedarf aber des Zusammenwirkens beider Geschlechter, denn sonst würde eine negative Einseitigkeit entstehen.

HSS: Hilft die HSS dabei, Frauen fit für die Politik zu machen und wie?

Wir bieten vielfältige Seminare für Frauen an, in denen die Persönlichkeit gestärkt wird und Fertigkeiten gelehrt werden, wie z. B. „Clever Netzwerken“, „Karriere-Coaching“ „Führung 3.0“ oder „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Aber natürlich bieten wir auch zahlreiche inhaltliche Seminare für alle an, um sich für die politische Debatte zu wappnen.  

HSS: Sehr geehrte Frau Professor Männle, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bildgalerie

„100 Jahre Frauenwahlrecht“ haben wir zum Anlass genommen, in unserer Reihe „Frauen gestalten Politik“ Politikerinnen einzuladen, um von sich und ihren Vorbildern zu erzählen.  Zentral war außerdem, die Diskussion über die zukünftige Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Kontakt
Leiter: Thomas Reiner
Referat I/2: Onlineredaktion/Internet
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E-Mail: Reiner-T@hss.de