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Zur Zukunft der internationalen Ordnung
Die Trümmer der liberalen Welt

Es ist etwas in Bewegung gekommen. Die Welt sortiert sich neu. Internationale Institutionen verlieren an Gewicht, die Diplomatie der Stärke feiert ein Comeback: Was bedeutet die neue „internationale Unordnung“ für Deutschland und das westliche Wertebündnis?

Auf absehbare Zeit wird es keine stabile und langfristige Weltordnung mehr geben. Da die USA als mächtigster Staat nicht mehr bereit und fähig sind, das internationale System anzuführen, und da es keine grundlegenden Spielregeln der Weltpolitik mehr gibt, befindet sich die Welt in einem Zustand der Unordnung, in dem Macht nicht mehr nachhaltig wirksam ist. Ganze Kontinente werden sich territorial neu gliedern. Davon ist Prof. Carlo Masala überzeugt. Masala ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München. Bei der Hanns-Seidel-Stiftung erklärte er in der Veranstaltungsreihe „Zur Zukunft der internationalen Ordnung“ seine bemerkenswerten Thesen, beispielsweise, dass es schon seit dem Ende des Kalten Krieges keine stabile Ordnung in der Weltpolitik mehr gebe. „Wir stehen vor den Trümmern der alten liberalen Welt“, so Masala.

Masala am Rednerpult. Im Hintergrund HSS-Stellwand mit Logo.

Könne die neue "Weltunordnung" für Deutschland auch "mehr Beinfreiheit" bedeuten?

Punktuelle Ordnung, keine strukturelle

Dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem damit einhergehenden Verschwinden der gemeinsamen Bedrohung sei in den Staaten des Westens ein Prozess der Renationalisierung gefolgt – dadurch sei „die Einigkeit des Westens zerbröselt“, so Masala. Zudem werde heute die eigentlich nötige, ordnende Rolle internationaler Organisationen sowohl durch den Westen als auch durch nach Macht strebende Staaten wie Russland und China unterminiert, denn diese Staaten fühlten sich nicht ausreichend in den Organisationen repräsentiert und wollten sie zu ihren Gunsten verändern.

Auch deshalb würde internationalen Organisationen zunehmend der Rang abgelaufen von „Koalitionen der Willigen und Fähigen“, da es dort keine Kontrolle und Hindernisse gebe und einzelne Probleme gelöst werden könnten – allerdings werde dadurch Masala zufolge „punktuelle Ordnung geschaffen, keine strukturelle.“

Er hob auch die veränderte Bedeutung von Macht in der internationalen Politik hervor: Staaten könnten heutzutage Machtmittel nur noch sehr schwierig effektiv als Einfluss geltend machen. Gründe für diese Entwicklung seien auch die Interventionsmüdigkeit der westlichen Gesellschaften und die Tatsache, dass der Westen versuche, „Ordnungspolitik relativ billig zu betreiben“, indem er nahezu ohne Bodentruppen agiere, punktuell auf Drohnenangriffe setze und kein langfristiges Engagement zeige – dies sei keine ordnende Politik, wie Masala meint.

Zwei Herren auf dem Podium im Gespräch

"Die Einigkeit des Westens zerbröselt." (Carlo Masala, links)

G.Till; HSS

Mehr Beinfreiheit

Den Nahen Osten und Teile Afrikas sieht er mitten in deren eigenem 30-jährigen Krieg: obwohl die Staatengemeinschaft die „Illusion des Territorialstaats“ immer wieder bestärke und in Sezessionskriegen stets Zentralregierungen unterstütze, brächen dennoch immer mehr kulturelle, soziale und politische Gräben in diesen Staaten auf. Diese Sezessionsbestrebungen sollten diplomatisch gehandhabt und nicht durch die uneingeschränkte Unterstützung von wankenden Regierungen behindert werden.

Und was bedeutet diese Weltunordnung für Deutschland? Laut Masala bedeutet sie: „Mehr Beinfreiheit.“ So halte sich die Bundesrepublik an die neue Unordnung, indem sie mit willigen Partnern kooperiere und ihre Außenpolitik vermehrt an nationalen Interessen ausrichte – ein klares Signal für den zweiten Aspekt sei die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat vor der Libyen-Intervention gewesen. Dies seien Zeichen, dass sich Deutschland die neue Beinfreiheit durchaus zunutze machen könne, so Masala.

INFO:

Prof. Dr. Carlo Masala leitet an der Universität der Bundeswehr in München den Leerstuhl für internationale Politik. Zudem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift für Politik (ZfP), der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) und der Zeitschrift für Strategische Analysen (ZfSA), sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, des NATO Defence Colleges und der Clausewitz Gesellschaft.  Die Veranstaltungsreihe „Zur Zukunft der internationalen Ordnung“ wird von der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung (HSBund) durchgeführt. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser, dem Leiter der Akademie und Prof. Dr. Martin Wagener (HSBund).

Kontakt
Leiter: Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser
Abteilung II: Akademie für Politik und Zeitgeschehen
Leiter:  Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser
Telefon: 089 1258-240
Fax: 089 1258-469
E-Mail: meier-w@hss.de