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HSS-Interview mit Balázs Nováky
Fall des Eisernen Vorhangs

Dieses Jahr feiern wir den 30. Jahrestag der Grenzöffnung und den Fall des Eisernen Vorhangs. Ein Gespräch mit dem pensionierten Generalleutnant Balázs Nováky, ehemaligen stellvertretenden Landeskommandant und Oberst der ungarischen Grenzpolizei über die Ereignisse 1989, die er nicht nur hautnah erlebt sondern sogar mitgestaltet hat.

Balázs Nováky, Generalleutnant der ungar. Grenzpolizei a.D.

HSS: Herr General, bereits vor der Grenzöffnung im September ist einiges passiert, so z. B. die Pressekonferenz am 2. Mai, wo Sie den Abbau der Eisernen Vorhangs bekannt gaben. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Balázs Nováky: Die damaligen Ereignisse sind inzwischen Geschichte. Doch sie fingen nicht 1989, sondern 1986-1987 an, als wir dem Innenministerium die ersten Vorschläge zur Überprüfung der elektrischen Signalanlage gemacht und auf eine Entscheidung über die Zukunft dieser gehofft haben. Denn die Anlage war schon in einem ziemlich schlechten technischen Zustand. Außerdem führten einige Prozesse in der Gesellschaft dazu, dass rund 30 an Grenze zu Österreich gelegene Gemeinden sich gegen den Zaun auflehnten. So kam Ende 1988, Anfang 1989 Einiges zusammen. Vor der politischen Wende kam es außerdem zum Regierungswechsel, Miklós Németh wurde Ministerpräsident. Er sprach sich für den Abbau der Grenzanlage aus, so dass im April `89 der sog. „Testabbau“ begonnen wurde. Bis dahin hatte man alle wichtigen Verhandlungen auf höchster Ebene durchgeführt, etwa mit Kanzler Vranitzky und mit Gorbatschow. Dieser Testabbau war dermaßen erfolgreich, dass wir die Mitteilung bekamen, mit dem Abbau gar nicht aufzuhören. Dazu bedurfte es natürlich einer staatlichen Entscheidung, die des Politbüros des ZK. Zum Zeitpunkt der Erklärung auf der Pressekonferenz am 2. Mai bei Hegyeshalom wurde diese Entscheidung auf staatlicher Ebene noch gar nicht getroffen. Doch eigentlich waren mit dem Abbau alle einverstanden. Uns hat man schließlich eine Frist gesetzt, doch bereits vor Ablauf dieser, bis August waren die Grenzsperren praktisch weg. Dazu gab es Ende Juli eine Pressekonferenz in Kőszeg. Erneut wurde mir die Aufgabe zuteil bekanntzugeben, dass der Zaun abgebaut ist und die Einschränkungen an den Grenzen überall aufgehoben wurden. Die Genehmigungspflicht zur Einreise an der österreichischen bzw. jugoslawischen Grenze wurde also abgeschafft. Somit war der Prozess zum Abbau der elektrischen Signalanlage abgeschlossen.

Nun führte das zu weiteren Ereignissen. Der Zerfall der Sowjetunion hatte begonnen. Damals stieg die innenpolitische Spannung im benachbarten Rumänien an und die Situation in Jugoslawien war auch nicht gerade unproblematisch. Außerdem war Sommer, und wie üblich, trafen sich im Urlaub Ost- wie Westdeutsche am Balaton. Es gab nun keinen Grenzzaun mehr, daher hatten zahlreiche Touristen aus der DDR die Idee, die Grenze zu überqueren. Immer mehr DDR-Bürger kamen mit diesem Ziel nach Ungarn. Immer mehr versuchten tatsächlich den illegalen Grenzübertritt. In dieser Sache waren wir uns so ziemlich selbst überlassen und keiner hat sich getraut, zur Vorgehensweise Stellung zu nehmen. Was das Gesetz vorschrieb, haben wir pflichtgemäß getan. Doch das reale Leben und die besondere Situation rückten die Dinge schon zurecht. Es gab nämlich Vorgesetzte, die bereit waren, Entscheidungen vor Ort zu treffen und an der Grenze Instruktionen zu geben, wie etwa die Anweisung „den DDR-Bürgern gegenüber positive Diskriminierung walten zu lassen“. Man hat den einfachen Grenzsoldaten durch die Blume und trotzdem verständlich klar gemacht, was zu tun sei. Letzten Endes lief an den Grenzen bis zum Paneuropäischen Picknick alles problemlos weiter. Doch das Picknick hat den ganzen Prozess enorm beschleunigt und letztendlich zur Lösung der deutschen Frage geführt. Und wie man weiß, wurde diese Frage am 11. September gelöst.

HSS: Wer war der Organisator der Pressekonferenz am 2. Mai?

Die Presseabteilung des Innenministeriums. Uns hat man zwei Tage vorab informiert, dass es in Hegyeshalom zu diesem Presseereignis kommt, und dass wir für die Durchführung verantwortlich sind. Aber wer sollte die Information öffentlich machen? Wir waren eigentlich der Ansicht, dass so eine Erklärung verdient, auf einer höheren Ebene abgegeben zu werden. Doch letztlich fuhr ich mit dem damaligen Kommandanten von Győr, General Tibor Vidus, zusammen nach Hegyeshalom, und hielt die Pressekonferenz an der Grenze ab. Etwa 200 Journalisten aus aller Welt waren dabei, sogar welche aus Japan! So hat die Nachricht über den Abbau der elektrischen Signalanlage die gesamte Weltöffentlichkeit erreicht.

HSS: Auf dieser Pressekonferenz wurde deutlich, dass man die Berliner Mauer umgehen kann. Es war wohl der Flüsterpropaganda in der DDR zu verdanken, dass danach immer mehr DDR-Flüchtlinge, also „Grenztester“, nach Ungarn kamen. Wie war die Kommunikation mit den Behörden Österreichs und der DDR?

Gespräche mit den Behörden der DDR haben wir nicht geführt, das fiel in die Zuständigkeit der Regierung. Doch soweit ich weiß, war die ungarische Regierung – trotz missbilligender Äußerungen der DDR-Regierung – nicht willig, an ihrer ursprünglichen Absicht etwas zu ändern. An erster Stelle der Tagesordnung stand die Suche nach einer Lösung und nicht die Einführung verschiedener Verbote. Das merkte man schon daran, dass wir anders als früher vorgegangen sind. Zuvor wurden Personen, die beim Versuch des illegalen Grenzübertritts festgenommen wurden, zunächst den Behörden übergeben und später der DDR ausgeliefert, damit sie dort ihre Strafe absitzen. In den Pass solcher Grenzverletzer haben wir früher einen entsprechenden Stempel gedrückt. In jenem Sommer jedoch machten wir nur einen Eintrag auf ein Sonderblatt – das man jedoch jederzeit wegschmeißen konnte – und ließen die Personen frei. Die „positive Diskriminierung“ funktionierte so, aber auch auf andere Weise. Was die österreichischen Behörden betrifft, erinnere ich mich, dass uns am 2. Mai auf der Pressekonferenz die Frage gestellt wurde, wie die Sowjetunion und wie Österreich zu der Sache stehen würden. Meine Antwort Österreich betreffend lautete, dass die Errichtung der Signalanlage mit Österreich auch nicht abgesprochen war, wozu also den Abbau besprechen? Doch Kanzler Vranitzky war zuvor von Miklós Németh unterrichtet. Und ab diesem Zeitpunkt wurde die gesamte Zusammenarbeit mit den österreichischen Ministerien, den burgenländischen Sicherheitsbehörden auf ein neues Fundament gelegt. Es entstanden sehr gute, menschliche wie fachliche Beziehungen, die bis heute anhalten.

HSS: Sie haben die Flüchtlinge aus Rumänien erwähnt, die vermutlich größtenteils der ungarischen Minderheit angehört haben. Wie war das Verfahren in ihrem Fall? Wurden sie durchgelassen, um weiterziehen zu können?

Die Geschichte über die Flüchtlinge aus Rumänien war sehr interessant. Denn diese Menschen kamen auf zwei verschiedenen Wegen und mit unterschiedlicher Absicht. Die meisten baten um Schutz und wollten nicht aus Ungarn weiter. Die ungarischen Grenzposten an der rumänischen Grenze verfügten zu der Zeit praktisch über alles Notwendige – von Nuckelflaschen bis Windeln – damit die Flüchtigen provisorisch versorgt werden konnten. Doch die Siebenbürger Sachsen zogen alle weiter, in Richtung Deutschland. Besonders im September war das so, und nach dem 11. September erst recht. Nach den Ereignissen zur Weihnachtszeit entspannte sich dann die Lage. Viele sind wieder nach Hause gefahren, denn sie hatten ja ihre Wohnungen dort zurückgelassen. In diesem Zusammenhang hatten wir kaum Probleme. Die Situation selbst war trotzdem etwas besorgniserregend, denn die Ereignisse in Rumänien sind in unserer unmittelbaren Nachbarschaft passiert. Zum Glück waren wir davon nicht betroffen. Für uns als Grenzpolizisten bestand zu keinem Zeitpunkt Handlungsbedarf, schon gar nicht mit der Waffe. Wir hatten nur mit den Flüchtlingen zu tun.

HSS: Herr General, Sie haben vorhin den 28. Juli und Kőszeg erwähnt, da gab es auch eine Pressekonferenz. Was ist da passiert?

Dazu kam es, weil bis zu jenem Zeitpunkt praktisch die gesamte Signalanlage abgebaut war. Mit dem 1. August trat eine Verordnung der Regierung in Kraft, wodurch alle bis dahin geltenden Einschränkungen im Grenzverkehr aufgehoben wurden. Bis dahin musste man nämlich für alles eine Genehmigung einholen, z. B. darüber, wie weit man sich in Grenznähe begeben konnte oder wie im Bereich der Signalanlage – was übrigens für die Grenze nach Jugoslawien genauso galt. Ab dem 1. August durfte man sich frei bewegen und ohne eine Sondergenehmigung ganz bis zur Grenzlinie gehen. Das war also der Anlass für die Pressekonferenz. Ein anderer Grund war, dass die Anlage frühzeitig, fast ein Jahr vor der gesetzten Frist, abgebaut wurde.

HSS: Ungarn trat der Genfer Flüchtlingskonvention am 13. Juni 1989 bei. War das vielleicht auch schon ein Zeichen für zukünftige Ereignisse? Wie kam es zum Paneuropäischen Picknick?

Das war spannend. Denn das Picknick wurde auf dem Gebiet der Soproner Grenzpolizei, nahe der Grenzübergangsstelle abgehalten. Organisiert wurde das Picknick von zwei, voneinander sehr weit gelegenen Städten – auf der einen Seite von Sopron, auf der anderen Seite von Debrecen. Der eigentliche Plan handelte davon, dass wir dort eine provisorische Grenzübergangsstelle eröffnen, wo die Eingeladenen sich frei bewegen, in das Land des jeweils anderen sich begeben, essen, trinken, Bekanntschaften machen können. So also die ursprüngliche Absicht. Doch das Leben schrieb eine andere Geschichte. Auf einmal erschien eine Gruppe von DDR-Bürgern, es waren bestimmt mehr als 100, denn viele machten wohl auf Campingplätzen am Fertőtó/Neusiedlersee gerade Urlaub. An der Grenze stand scheinbar nur noch ein Hindernis, ein Tor, das wir symbolisch öffnen wollten. Da hat jemand den Korken aus einer Sektflasche gezogen. Es gab also einen Knall, und daraufhin rannte die Truppe los und marschierte über die Grenze. Dieses Ereignis zählte zu den Momenten, die jene Prozesse beschleunigten und die Entscheidungsträger praktisch dazu aufforderten, endlich eine definitive Entscheidung für die Zukunft zu treffen. Bald darauf, am 11. September, war diese Entscheidung tatsächlich gefallen. Ab dann durfte man im Besitz eines Reisedokuments Ungarn in eine beliebige Richtung, frei verlassen. Die am meisten frequentierte Grenzübergangstelle war Hegyeshalom, doch auch andere an der österreichischen Grenze wurden genutzt. Hegyeshalom kannte man wohl am meisten. Deutsche, österreichische und humanitäre Organisationen haben die Ankommenden auf der anderen Seite der Grenze bereits erwartet, und für Verpflegung bzw. Weiterfahrt gesorgt.

HSS: Welche konkreten Erinnerungen haben Sie an die Grenzöffnung am 10. September?

Pater Kozma sorgte dafür, dass ein Aufnahmelager errichtet wurde, und auf dem Hof der Pfarrei campierte eine große Menschenmenge. Man verfolgte die Ereignisse im Fernsehen und wartete auf eine Bekanntgabe, denn es sickerte durch, dass es so etwas geben wird. Von meiner Wohnung aus liegt der Pfarrhof in Zugliget ca. 150 m Luftlinie entfernt. So ging ich auf mein Balkon, und wartete gespannt. So einen Jubel, so einen Freudengeschrei habe ich bis dahin noch nie gehört! Ich erfuhr also an Ort und Stelle, dass tatsächlich geschehen ist, wozu der gesamte Prozess diente.

HSS:  Geschehen ist Folgendes: Durch den Abbau der Signalanlage im Eisernen Vorhang – ein Begriff, der von Winston Churchill geprägt wurde – entstand zunächst ein Spalt, dann fiel der Eiserne Vorhang und schließlich führte das indirekt zur Vereinigung Deutschlands und letztlich Europas. Vielen Dank für das Gespräch, Herr General!

Bitte, gern!

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Leiter: Henning Senger
Referat VI/2 Mitteleuropa, Osteuropa, Russland
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Telefon: 089 1258-440
Fax: 089 1258-359
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Regionalleiter und Repräsentant des Mitteleuropa-Projektes (mit Sitz in Prag): MdEP a.D. Martin Kastler
Ungarn
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