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Flüchtlinge aufs Land?

Ballungsräume wachsen, während ländliche Räume an Bevölkerung verlieren. Auch Flüchtlinge scheinen städtische Zentren zu bevorzugen. Angesichts der Knappheit von Wohnraum und Segregationsgefahren in Großstädten sowie Leerstand und Facharbeitermangel auf dem Land, werden Forderungen laut, die Migrationsströme gleichmäßiger zu verteilen. Der Frage „Flüchtlinge aufs Land?“ ging das Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum mit der Hanns-Seidel-Stiftung am 18. Juli in München nach.

Holger Magel

Dass Großstädte wie München auf den starken Zuzug reagieren, indem sie - „koste es was es wolle“ - noch mehr bauen und verdichten, vergleicht Prof. Dr. Holger Magel mit einem aussichtslosen ´Hase-und-Igel-Spiel´, das die spezifischen Probleme der Land-Stadt-Wanderung nur verschärft. Vor dem Hintergrund beschäftigt den Präsidenten der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum besonders die Frage, wo die Flüchtlinge vorübergehend oder auf Dauer „verortet“ werden und eine Lebensperspektive entwickeln können. Werte und Haltung, Offenheit und Veränderungsbereitschaft sowie Zuversicht und Selbstvertrauen gelten für beide Seiten, Flüchtlinge wie Einwohner.

Wer sich also mit den Herausforderungen und Chancen der Flüchtlinge für die ländlichen Räume beschäftigt, wird sich daher zugleich die Frage stellen müssen, wie es um den räumlichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt bestellt ist, bemerkte Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser, Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in seiner Begrüßung.

Armin Nassehi

„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Einwanderungsland, und zwar ein erfolgreiches – obwohl sie nie Einwanderungsland sein wollte“, leitete der Münchner Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi seinen Vortrag ein. Er erinnerte an den massiven Zuzug der Vertriebenen aus den ehemaligen Deutschen Ostgebieten und an die Gastarbeiter, die gezielt angeworben wurden. Integrationsfragen hätten sich für diese - zumindest in der ersten Generation - gar nicht gestellt. „Man nahm an, dass sie wieder zurückgehen würden – was dann aber so gut wie gar nicht der Fall war“. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende der 80er Jahre und mit dem Jugoslawienkrieg Anfang der 90er Jahre stieg die Zahl der Aussiedler und der Asylbewerber sehr stark an; das Asylrecht wurde modifiziert, und es gab zunächst wieder einen Rückgang der Zahlen. Die Einwanderung, die aktuell geschieht, bezeichnet Nassehi als eine besondere Form, denn „Flucht ist ungeplant und kaum steuerbar. Und man muss es deutlich sagen: Niemand hat sie gewollt.“

Wann kann man von einer erfolgreichen Integration sprechen? Laut Nassehi, dann, wenn das Leben in der Gesellschaft nicht vom Merkmal ‚Migrant‘ bestimmt ist und wenn ‚Integration‘ nicht thematisiert werden muss. Ohne dass es uns bewusst ist, folgt unser Verhalten „alltagsmoralischen Selbstverständlichkeiten“ einer Gesellschaft, in die auch wir „Autochtonen“ erst durch unsere Familie und später durch den Kontakt mit anderen in der Arbeit integriert wurden. „Integration gelingt dann, wenn Menschen an diesem Alltag teilhaben können und wenn Werte und Bekenntnisse nicht ausdrücklich kommuniziert werden müssen, sondern miterlebt und selbst gelebt werden können.“

Der renommierte Soziologe streitet allerdings nicht ab, dass es auch negative Erscheinungsformen gibt, allen voran sind dies für ihn die viel zu lange ignorierten Parallelstrukturen, in welchen Menschen nach eigenen Gesetzmäßigkeiten leben: “Parallelgesellschaften halten wir in Europa nicht aus!“

Ein gewisses Integrationsproblem gibt es allerdings auch ohne Migration, stellte Nassehi klar. Demnach sind etwa Zehn bis 12 Prozent der Bevölkerung nicht in den Arbeitsmarkt und nicht in die Gesellschaft integrierbar. Viele der Dinge, die wir heute an den Flüchtlingen lernen, könnten wir womöglich auf die Integration von Unterschichten übertragen.

Thomas Huber

„Wir sollten darauf achten, den Druck in den Ballungsräumen nicht noch mehr zu verstärken“. Thomas Huber, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Demographische Entwicklung der CSU-Landtagsfraktion, lenkte in seinem Beitrag den Blick auf die enorm gestiegenen Mietpreise in manchen Städten, allen voran München. „Es wird gebaut und gebaut - dabei gibt es andernorts viele Leerstände“. Für den Landtagsabgeordneten wäre es daher wichtig, die Menschen ausgewogen auf städtische und ländliche Regionen zu verteilen – „in Einklang mit der Bevölkerungszahl und den vor Ort vorhandenen Kapazitäten“. Vertreter der verschiedenen Ministerien stellen in ihren Beiträgen entsprechende Förderprogramme vor, die (auch) der Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum zugute kommen: Von der Städtebauförderung über die ländliche Entwicklung bis hin zu den Orientierungs- und Sprachkursen.

Wie sieht die Datenlage aus? Dr. Reiner Braun, Vorstandsmitglied des Forschungsinstituts empirica, bestätigte: Laut Mikrozensus gab es 2011 in Deutschland 1,7 Mio. Leerstände und das nicht nur in Ost-Deutschland. Er weiß auch von Bürgermeistern, die freiwillig mehr Flüchtlinge aufnehmen, als der Verteilungsplan vorsieht, etwa die Gemeinde Altena in Nordrhein-Westfalen, die in den vergangenen 40 Jahren stark von Abwanderung betroffen war. Nun saniert die Gemeinde gemeinsam mit den Flüchtlingen leerstehende Wohnungen. Die Erhebungen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zeigen, dass der größere Anteil an Geflüchteten in den Kreisen lebt. Ihre Altersstruktur ist extrem jung, die Motivation zu Arbeiten durchaus hoch, allerdings gibt es große Unterschiede bei der Schulbildung und ein erheblicher Teil der Personen hat lediglich Berufserfahrung im Land- und Forstwirtschaftlichen Bereich – was allerdings, so Braun, für den ländlichen Raum sprechen würde.

Die ExpertInnen aus Wissenschaft, Politik und Ehrenamt

Dr. Jürgen Weber (Regierung von Niederbayern) gab zu bedenken, dass Flüchtlinge meist ohnehin schwierig zu erreichen sind. Oft gelinge dies erst über die Jobcenter. Größere Gemeinschaftsunterkünfte sind nicht nur kostengünstiger, sie erleichtern auch die Organisation der dringend benötigten Hilfe-Angebote. Dies spricht seiner Meinung nach also eher für die zentralen Orte im ländlichen Raum. Weber rät außerdem zu regionaler Vernetzung oder den Rückgriff auf die Strukturen etablierter Regionalentwicklungsinitiativen.

Ein solches Netzwerk konnte Bürgermeister Dieter Möhring als Mitglied der unterfränkischen „Hofheimer Allianz“ vorstellen. Die Interkommunale Arbeitsgemeinschaft hat sich schon früh mit dem Flüchtlingszustrom beschäftigt und neben einer Asylberatung eine klare Organisationsstruktur aufgebaut. Der „Freundeskreis Asyl“ arbeitet mit den caritativen Einrichtungen und den Helferkreisen und Selbsthilfegruppen vor Ort zusammen. Vom Aufnahmezentrum in der Stadt Haßfurt aus werden Flüchtlinge in dezentrale Unterbringungen vermittel. Möhring: „Bis auf das Thema Mobilität bzw. Mobilitätskosten gibt es keine Probleme wegen der dezentralen Unterbringung. Viele Flüchtlinge, die eigentlich in andere Städte weiter wollten, um in die Nähe von Verwandten und Bekannten zu kommen, bleiben nun doch“.

So zog Magel als Fazit: Die ländlichen Räume wären für die Integration von Flüchtlingsfamilien gut geeignet und dies würde eine Entlastung für Städte darstellen, die ohnehin unter Zuzugsdruck stehen. Achillesferse des ländlichen Raums bleibt die Mobilität, aber er bietet durchaus Perspektiven. Gut aufgestellte und koordinierte regionale Netzwerke mit Kommunen, Verwaltungen, Organisationen und Ehrenamtlichen sind hilfreich. Es braucht jemanden, der auf Flüchtlinge zugeht und von ihnen auch etwas fordert. Bei einem richtigen „matching“ nutzt dies Flüchtlingen, Kommunen und Unternehmen. Anhand der inzwischen vorhandenen Praxiserfahrungen und „Pionieren des Wandels“ sollten gute Beispiele verbreitet werden. Letztendlich müssen wir alle „Integration lernen“.

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"Flüchtlinge aufs Land"

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Referat II/6: Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
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