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Arbeit 4.0“ im „Internet der Dinge“
Frisst die digitale Revolution ihre Kinder?

Ersteller: Maximilian Rückert

Globale Vernetzung, Roboter, künstliche Intelligenz und 3-D-Druck – disruptive Technologieentwicklungen bereichern und bedrohen gleichermaßen das Arbeitsleben der Menschen heute. Internationale Think-Tanks beraten in München über eine Zukunft zwischen Dystopie und Utopie: Die Hanns-Seidel-Stiftung arbeitet gemeinsam mit dem Pew Research Center (Washigton D.C.), der deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Hochschule für Politik/TUM daran, die digitale Zukunft zu gestalten statt Angst zu schüren.

Alle reden von der Digitalen Revolution. Alles werde sich „disruptiv“, unvorhersehbar verändern, alle müssten sich für ihr Fortkommen dem Fortschritt anpassen. Dabei sind zwei Lager entstanden: Heilsversprecher, die für alles eine Lösung sehen, also jene, die glauben, ein utopisches Schlaraffenland mit wenig Arbeit bei maximaler Selbstverwirklichung und naturnaher Selbstbestimmung sei durch die Digitalisierung möglich1. Und es gibt die andere Seite, die dystopischen Unken: Sie glauben, die Digitalisierung bringe Massenarbeitslosigkeit durch 3D-Druck, Wertverlust der eigenen Arbeitsleistung durch effizenzgesteigerte Robotikpower, von künstlicher Intelligenz totalüberwachte Unfreiheit.

Drei Männer vor einem Obelisken im Gespräch. Herr Rainie in der Mitte erklärt offenbar gerade etwas.

„Je mehr man mit Technologie in Kontakt kommt, desto positiver fällt auch die individuelle Zukunftsvision aus.“ (Lee Rainie - Mitte)

Rafael Freckmann

Der digitale Graben

Für diese erwachsen aus einer solchen Ungewissheit diffuse Ängste und Gefühle des „Abgehängt-Seins“. Der real existierende „digitale Graben“ in der Gesellschaft zwischen denen, die vernetzt am digitalen Alltag teilhaben und denen, die es auf Grund infrastruktureller Umstände , geringer Bildung, mangelnder Neugier oder aus anderen Gründen nicht können oder wollen, verschärft dies noch. Das sei bei Weitem kein deutsches oder europäisches Phänomen alleine, wie Lee Rainie, Direktor des Pew Research Centers für „Internet and Technology“ anhand von Umfrageergebnissen auch für die USA nachweisen kann: „Je mehr man mit Technologie in Kontakt kommt, desto positiver fällt auch die individuelle Zukunftsvision aus.“

Die Angst um das eigene Arbeitsleben teilen die Menschen diesseits und jenseits des Ozeans. Das Pew Research Center hat ermittelt: 72% der US-Amerikaner haben große Sorgen, dass in Zukunft Roboter und Computerintelligenz die Arbeitskraft von Menschen ersetzen könnten. Das ist nicht unbegründet. Wurden 2009 nur 60.000 Industrieroboter weltweit ausgeliefert, waren es letztes Jahr bereits 290.000 Stück2 .

Prof. Reinie doziert vor einer kleinen Gruppe junger Studenten. Hinter ihm ein Whiteboard mit Schaubildern.

Die Studie "Future of Employment" der Universität Oxford legt nahe: 47% der US-Arbeitsplätze sind durch die Digitalisierung bedroht.

Rafael Freckmann

Kreative Maschinen mit Intuition?

Potenziert wird die Angst noch dadurch, dass künftig Algorithmen darüber entscheiden könnten, wer überhaupt eingestellt wird und wer nicht. Überhaupt wirkt auf viele beängstigend, dass innerhalb der nächsten 45 Jahre Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik traditionelle und hochkomplexe Arbeitsaufgaben der Menschen übernehmen könnten. Auf Grundlage neuester Forschung könnten beispielsweise bis zum Jahr 2053 folgende Arbeiten substituiert werden, so Rainie:

  • 2024: automatisierte Fremdsprachenassistenz 

  • 2027: automatisierte Lastwagenlogistik 

  • 2031: automatisierter Einzelhandel 

  • 2049: Künstliche Intelligenz als Bestseller-Autor

  • 2053: Chirurgische Eingriffe durch KI und Robotik  

Eine solche Prognose ängstigt deswegen, weil es auf den vermeintlichen Wesenskern des Menschen abzielt: Maschinen sollen auch Kreativität und Intuition mit Präzision und Schnelligkeit verbinden können? 47% der US-Arbeitsplätze seien durch die Digitalisierung bedroht3 , zitiert Rainie eine britische Untersuchung. Frisst die Revolution also doch ihre Kinder?

Die vier Personen vor HSS-Stellwand

Sie suchen nach Wegen, die Digitale Revolution menschenverträglich zu gestalten: Simon Hegelich, Eugénia da Conceição-Heldt, Lee Rainie und Wolf Krug.

Rafael Freckmann

Entwicklung gestalten

Noch belustigen uns smarte Haarbürsten, die via Bluetooth Berichte über Haarspliss an das eigene Mobiltelefon senden, oder smarte Hundehalsbänder, die die schlanke Linie der besten Menschenfreunde im Blick haben, eher als uns zu ängstigen. Das kann sich, und hat sich in den USA bereits geändert, wie Rainie ausführt: Die Angriffswellen von Hackern im letzten Jahr, die knapp eine Million vernetzte Babyphone, Kühlschränke, Drucker und sogar Glühbirnen gekapert und dazu genutzt haben Internetgiganten wie Amazon und PayPal lahmzulegen haben gezeigt, wie beängstigend verletzlich das vernetzte System ist. Die Frage ist: Haben wir heute noch eine Alternative zu weiter fortschreitender Vernetzung? Lee Rainie ist sich sicher, Internet wird bereits 2025 überall so selbstverständlich verfügbar sein, wie Elektrizität heute. Abschalten, sich freiwillig in die analoge Isolation begeben, sei keine Lösung. Nur etwa15% der US-Amerikaner würden dies in Betracht ziehen. 

Was also ist zu tun, um nicht im Schreckensszenario zu enden? Aus der Menschheitsgeschichte wissen wir: die Menschheit übersteht disruptive Revolutionen mithilfe emotionaler Intelligenz, Neugierde, Kreativität, Anpassungsfähigkeit, Problemlösungskompetenz und der gründlichen Analyse von Resilienzstrategien, so Rainie. Dies müsse vor allem gelehrt und lebenslang gelernt werden. Genau darin liege die große Chance, die digitale Revolution aktiv gestalten zu können, ihr eine positive Entwicklungsrichtung zu geben.

Die Hanns-Seidel-Stiftung und das Pew-Research-Center aus Washington treffen sich bei acatech und der HfP/TUM im Herzen Münchens: geballte Wissenskompetenz berät über die sozialen Folgen der digitalen Revolution auf die Arbeitswelt der Zukunft. Lee Rainie, Direktor Internet and Technology, meint: „Die digitale Revolution verändert alles. Aber: Die Angst vor Veränderung in den USA und in Deutschland ist größer als die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlich eintretenden Schreckensszenarios in der Zukunft!“

Prof. Rainie vor Flippchart mit der Aufschrift "The challenges of the Internet of Things"

Lee Rainie: "Angst vor Veränderung in den USA und in Deutschland ist größer als die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlich eintretenden Schreckensszenarios."

Rafael Freckmann

Mehrheit glaubt: mehr Jobs durch digitalen Wandel

Die gute Nachricht ist, dass sich darauf Arbeitnehmer bereits heute einstellen: 70% der befragten US-Amerikaner glauben, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Vielzahl neuer Aus- und Weiterbildungsprogramme die erforderlichen Kompetenzen vermitteln können, um die Arbeitsanforderungen der Zukunft bewältigen zu können. Eine weitere Umfrage lässt ebenfalls hoffen, wie Lee Rainie zeigen kann: Über die Hälfte der Befragten denkt, dass durch die digitale Revolution mehr Arbeitsplätze geschaffen als zerstört würden4.

Droht aber statt Arbeitsplatzsubstitution durch künstliche Intelligenz und Robotik in ferner Zukunft nicht viel akuter ein neues digitales Prekariat sklavenähnlicher Klickarbeiter zu entstehen, digitales Microjobbing ohne gewerkschaftliche Organisation und ohne Sozialversicherung? Wie können Unternehmen im Fachkräftewettbewerb zeitgemäße selbstbestimmte Arbeitsbedingungen – räumlich mobil und zeitlich flexibel – bieten und dennoch arbeitsrechtlich absichern? Wie muss ein neues Arbeitszeitgesetz aussehen? Das Pew Research Center, die deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech), die Hochschule für Politik (TUM) und die Hanns-Seidel-Stiftung werden sich weiterhin auch um diese drängenden Fragen kümmern, wissenschaftliche Analysen bereitstellen und Lösungen aufzeigen, damit die digitale Revolution eben keines ihrer Kinder frisst!

Quellenangaben:

  1. Interessant hierzu: Evgeny Morozov, To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. New York 2013.
  2. Zahlen aus: International Federation of Robotics, Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau, McKinsey, Handelsblatt vom 7.3. 2017, S. 24f.
  3. http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf
  4. http://www.pewinternet.org/2014/08/06/future-of-jobs
Kontakt
Leiter: Maximilian Rückert
Referat II/5: Digitalisierung und Politik, Medien
Leiter:  Maximilian Rückert
Telefon: 089 1258-203
Fax: 089 1258-469
E-Mail: rueckert@hss.de