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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Ida Roland

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Ida Roland – Schauspielerin und Mutter der europäischen Einigung.

Ida Roland war ein in ganz Mitteleuropa umjubelter Bühnenstar und als Ehefrau des Gründers der Paneuropa-Bewegung, Richard Graf Coudenhove-Kalergi, schon in den 1920er Jahren die erste Vorkämpferin der Einigung Europas, wie sie heute in der Europäischen Union Wirklichkeit wird. Ihr Leben und das Bild, das sie in den Augen ihrer jeweiligen Umwelt abgab, waren ungemein facettenreich.

 

Wurzeln in Mähren

In ihrer Geburtsstadt Wien erschien sie als die vor Bildung und Intelligenz geradezu überquellende Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Der Vater stammte aus dem heutigen Polen, die Mutter aus Göding/Hodonin, einer kleinen Stadt an der mährisch-slowakischen Grenze. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert resultierte die Bekanntheit dieser für Ida Roland wichtigen Wurzelheimat ihrer Mutter aus einem kaiserlichen Mustergut, den in ganz Mitteleuropa angesehenen Betrieben der Politiker- und Industriellenfamilie Redlich sowie nach 1918 aus der Tatsache, dass dort der Gründerpräsident der Tschechoslowakei, Tomáš G. Masaryk, zur Welt kam. Masaryk wurde später zu einem bedeutenden Förderer der Paneuropa-Idee, und die Redlichs halfen dem Ehepaar Roland/Coudenhove in der Zwischenkriegszeit, vor allem aber, als diese vor Hitler in die USA flüchten mussten, in der nordamerikanischen politischen wie gesellschaftlichen Szene Fuß zu fassen.

Münchner Kammerspiele

Ida Klausner, wie die Kaufmannstochter ursprünglich hieß, debütierte 1898 siebzehnjährig am Innsbrucker Stadttheater und entwickelte sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts an den Bühnen in Ulm, Düsseldorf und Berlin zu einer bekannten Schauspielerin, die den Namen „Ida Roland“ annahm. In München galt sie ab 1911 als die Frau an der Seite von Eugen Robert Weiß, der unter dem Namen „Eugen Robert“ die Münchner Kammerspiele gründete. An die Isar kehrte sie auch zurück, nachdem die Beziehung mit Robert gescheitert war und er seine Laufbahn in Berlin, sie ihre zunächst wieder in Wien fortgesetzt hatte. 

In einem Essay über die „Mutter Paneuropas“ fasst Stephanie Waldburg den Eindruck, den Ida Roland an der Donau hinterließ, wie folgt zusammen: „Am Wiener Burgtheater spielte sie die anspruchsvollsten Rollen der Weltliteratur: Cleopatra und Lady Macbeth, Phaedra, Judith und L'Aiglon. Ebenso überzeugte sie durch ihr Temperament, ihren Charme und ihren Humor in Komödien von Sommersset Maugham, Molnár oder Verneuil. Zu ihren Bewunderern zählte auch Rainer Maria Rilke, der eine bestimmte Szene in einer ihrer Aufführungen 'einen der eindrücklichsten und reichsten Eindrücke, der mir je durch eine gestaltende Schauspielerin überkommen ist', nannte. In einem Brief schildert er 'die Frische ihrer Natur, die Gebärden, Einfälle und Steigerung des Spieles, aus fortwährender Erneuerung heraus, klar und quellenrein.' 
Bei einem Abendessen, zu dem Ida die aus Japan stammende Gräfin Mitsuko Coudenhove-Kalergi eingeladen hatte, brachte diese ihren Sohn Richard mit. Aus der Begegnung entwickelte sich rasch eine Liebesgeschichte zwischen der Schauspielerin und dem Philosophiestudenten, die nicht nur zu einer langen glücklichen Ehe führte, sondern auch der Entstehung der Paneuropa-Bewegung den entscheidenden Rückhalt geben sollte.“

Richard Coudenhove-Kalergi

Für die Münchner Gesellschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg war das junge Paar die Attraktion schlechthin, obwohl es selbst eher ein zurückgezogenes und arbeitsreiches Leben bevorzugte. Der junge und recht schüchterne Graf aus Böhmen hätte jedoch bei seinen Bemühungen, die europäische Einigung voranzutreiben und dem Nationalismus entgegenzutreten, niemals jene europaweite Ausstrahlung entwickelt, wäre er nicht über Ida Roland in München und Wien mit Intellektuellen wie Franz Werfel, Stefan Zweig, Bronislaw Hubermann, Max Reinhardt, Albert Einstein oder den Gebrüdern Thomas und Heinrich Mann zusammengetroffen - viele von ihnen jüdischer Herkunft -, die sich in den folgenden Jahrzehnten allesamt zumindest zeitweise für einen europäischen Zusammenschluss engagierten.

Revolution in Bayern

1914 heirateten Ida Roland, die zu diesem Zeitpunkt in einer Villa in der Münchner Romanstraße lebte, und Richard Coudenhove-Kalergi in der Nymphenburger Schloßkapelle. Nach dem Ende des Völkerringens begann Richard nach und nach seine Vision eines politisch und kulturell geeinten Europa - von ihm Pan-Europa genannt - zu entwickeln und hoffte, dass dieses im Rahmen der Pariser Friedensverhandlungen aus der neuen demokratischen Gesellschaft heraus entstehen werde.

In seinen Erinnerungen „Ein Leben für Europa“ berichtet er aus dieser Zeit: „Die Intellektuellen Mitteleuropas waren gespalten in Anhänger Wilsons und Lenins, in Demokraten und Kommunisten ... Anfang April 1919 begleitete ich meine Frau zu einem Gastspiel ... an den Münchner Kammerspielen ... Wir wohnten im Parkhotel am Maximiliansplatz. Eines Nachts um drei Uhr wird meine Frau aus dem Schlaf geweckt: 'Aufmachen! Staatspolizei!' Eine Gruppe schwerbewaffneter Matrosen mit roten Armbinden stürzt in ihr Zimmer. Sie fragen nach ihrem Namen. 'Ida Roland.' - 'Ah, Sö san die Kammerspülerin! Muntern S' Ihnen net auf! Geben S' nur Ihren Paß.' Der Führer der Gruppe stutzt, sobald er den Paß liest: 'Was, Sö san a Gräfin?' - 'Ja, mein Mann ist ein Graf.' - 'Wo ist er?' - 'Im Zimmer nebenan!'

Nun stürmt die Horde in mein Zimmer: 'Sö san a Graf? Ziegn S' Ihnen an und kommen S' mit!' Während ich mich anzog, durchsuchten die Matrosen alle Schubladen nach versteckten Waffen und antikommunistischer Literatur. Idel beginnt, im bayerischen Dialekt, ein Gespräch mit dem Gruppenführer: 'Was haben S' denn gegen einen Grafen, Tolstoi war ja auch ein Graf!' Der rote Matrose scheut sie erstaunt an. Er weiß keine Antwort. Denn in jenen Tagen war auf den Münchener Plakaten öfters die Rede gewesen von Tolstoi als Vorläufer Lenins, um den Bolschewismus in dieser Kunststadt populär zu machen.“ So rettete Ida Roland den Vater der Europa-Idee, die sonst niemals in dem 1922 als Bestseller erschienenen Buch „Pan-Europa“ das Licht der Welt erblickt hätte.

Paneuropa-Bewegung

Für die daraus entstandene Paneuropa-Bewegung, die 2022 hundert Jahre alt wird, opferte die ursprünglich politikfern aufgewachsene Frau fortan ihr ganzes Leben. Sie wurde nicht nur zur engsten Beraterin und Mitarbeiterin ihres Mannes, sie redigierte auch die Flut seiner Bücher und Artikel, organisierte maßgeblich den ersten großen Paneuropa-Kongress 1926 in Wien, auf dem der ganze Kontinent mit prominenten Persönlichkeiten vertreten war, begleitete ihn  und unterstützte die Paneuropa-Arbeit mit ihren erheblichen Gagen als Schauspielerin, emigrierte mit ihrem Mann vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die USA, wo sie die einflussreichen Frauenclubs zur Unterstützung des Europagedankens mobilisierte, und sorgte bei Kriegsende schließlich dafür, dass ein „Austrian Relief“ als Hilfswerk für das hungernde und frierende Nachkriegsösterreich gegründet wurde.

Schon auf dem Schiff, das das Ehepaar 1946 aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurückführte, traf ein Telegramm Winston Churchills ein mit der Bitte um ein Gespräch. Darauf basierte dann dessen Züricher Rede von 1946, in der er die Europäer unter Bezugnahme auf die Paneuropa-Bewegung und Coudenhove dazu aufrief, „so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa“ zu schaffen. Um dies umzusetzen, schickte Ida Roland im Auftrag ihres Mannes tausende von Fragebögen, in denen es um Schritte zum Aufbau einer europäischen Staatlichkeit ging, an Parlamentarier der verschiedenen europäischen Länder. Daraus entstand die Europäische Parlamentarier-Union, die wesentliche Impulse zur Gründung des Europarates und zur Entstehung des Europäischen Parlamentes gab.

Über Richard Coudenhove-Kalergi wird in der heutigen EU viel zu wenig gesprochen, obwohl sie seinen Ideen ihre Entstehung verdankt. Ida Roland ist bislang noch gar nicht richtig entdeckt, trotz ihrer weithin strahlenden Berühmtheit als Künstlerin in den 1920er und 30er Jahren. Beide waren Pioniere jenes politisch geeinten Europa, dessen Ausbau zu einer handlungsfähigen Friedensmacht mit der bisherigen EU erst begonnen hat und zudem von neuen Nationalismen gefährdet wird.

Autor: Dr. h.c. Bernd Posselt vertrat München und Bayern zwanzig Jahre lang im Europäischen Parlament und ist Präsident der Paneuropa-Union Deutschland.

Richard N. Coudenhove-Kalergi: Ein Leben für Europa. Neuauflage 2019 im Paneuropa-Verlag, Augsburg.

Martyn Bond: Hitler's Cosmopolitan Bastard: Count Richard Coudenhove-Kalergi and his Vision of Europe, McGill-Queen's University Press, Montreal & Kingston, London, Chicago 2021.

Anita Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren. Böhlau Verlag, Wien 2004.

Stephanie Waldburg: Bühnenstar und Mutter Europas. Vor 70 Jahren starb Ida Roland. Zeitschrift „Paneuropa Deutschland“ 44. Jahrgang/Juli 2021.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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