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Europäer und ihre Union
HSS-Interview mit Markus Ferber: 60 Jahre Römische Verträge

Unbestritten hat die Europäische Einigung Historisches erreicht: Zum Beispiel ein halbes Jahrhundert Frieden auf dem Kontinent, Reisefreiheit, Währungsunion, Wirtschaftswachstum. Aber wie sehen die Europäer heute ihr Gemeinschaftsprojekt und kann aus der Krise eine Chance erwachsen? Trotz Brexit, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Russland in der Ukraine und sicherheitspolitischer Abhängigkeit von der NATO, zumindest Europas Jugend sieht eher die Chancen der Union. Das war der Tenor eines Expertenseminars der Hanns-Seidel-Stiftung in München am ersten April. Europa sei kein Projekt der Eliten, sondern nur stark in dem Maße, in dem die Bürger Europas eingebunden würden. Als Experte mit dabei war auch Markus Ferber (CSU) vom Europäischen Parlament. Lesen Sie hier das HSS-Interview mit unserem Bayerischen Europaspezialisten Markus Ferber, MdEP.

Markus Ferber:	Sprecher des Parlamentskreises Mittelstand im Europäischen Parlament und	erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung

Markus Ferber: Sprecher des Parlamentskreises Mittelstand im Europäischen Parlament und erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung

Markus Ferber; www.markus-Ferber.de

HSS: Welche Integrationsschritte halten Sie historisch für die wichtigsten in der Geschichte der EU im Kontext gemeisterter Krisen der letzten 60 Jahre?

Die gemeinsame Währung und die Abschaffung der Grenzen sind für mich zwei ganz entscheidende Errungenschaften. Zwei Symbole der Trennung sind damit verschwunden: Grenzkontrollen und unterschiedliche Währungen. Gleichzeitig sind der Euro und Schengen auch zu zwei großen Bewährungsproben der EU geworden. Die Staatsschuldenkrise wurde zum Härtetest für die gemeinsame Währung und die Flüchtlingskrise hat das Schengensystem unter Beweis gestellt.

HSS: Wo sehen Sie inhaltlich den größten Mehrwert in der Geschichte der EU?

Die EU ist über 60 Jahre Garant für Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Bürgerinnen und Bürger Europas. Das ist für mich nach wie vor der größte Mehrwert. Aber diese Werte sind keine Selbstverständlichkeit, wie man an den um uns herum existierenden Krisen sieht, und müssen deshalb täglich aufs Neue aktiv verteidigt werden.

HSS: Wie bringt man Bayern nach Europa und wie bildet sich der deutsche Föderalismus auf europäischer Ebene ab?

Die Subsidiarität ist das grundlegende Gestaltungsprinzip der EU. Dieses Ordnungsmodell orientiert sich eng am Modell des Freistaats. Die Praxis sieht in Europa leider zu häufig anders aus und eine unnötige Regelungsdichte entsteht. Deswegen werbe ich in Brüssel immer für das bayerische Lebensmotto „Leben und leben lassen“.

HSS: Bayerische Europaabgeordnete haben eine lange Tradition, wenn es um Spitzenämter geht. Ich denke da an Otto von Habsburg, an Sie und an Ihren Nachfolger Manfred Weber. Macht sich auch hier, so wie im Bund, der besondere Status und die Bedeutung Bayerns deutlich?

Bayern ist für viele ein Vorbild. Man kann mit Recht behaupten, dass die eigenständige und weltoffene bayerische Lebensweise sowohl in Berlin als auch in Brüssel Eindruck hinterlässt.

HSS: Zuletzt ein Ausblick Herr Ferber: Wo geht es hin? Sehen Sie die aktuelle Krise auch als Chance für eine Neuausrichtung der EU?

Ja, ich glaube wir haben genau jetzt durch den bevorstehenden Austritt Großbritanniens, den ich sehr bedauere, die Chance für eine Neujustierung. Wir müssen endlich dahinkommen, dass große Probleme, die alle betreffen, in Brüssel gelöst werden und kleine Fragen vor Ort. Die EU sollte sich auf ausgewählte Politikbereiche wie Innovationen, Sicherheit, Einwanderung, Grenzschutz und Verteidigung konzentrieren und hier liefern. Denn überzeugende Antworten auf konkrete Probleme sind auch das beste Mittel gegen Populismus.

HSS: Herr Ferber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Kontakt
Referat III/6: Internationales, Sicherheit, Europa, Entwicklung
Leiter:  Erich J. Kornberger
Telefon: 089 1258-493
Fax: 089 1258-338
E-Mail: kornberger@hss.de