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Der Weg zum Ostermorgen
„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“

Autor: Susanne Breit-Keßler

Michelangelo, der große renitente, widerspenstige Maler, hat über Ostern gesagt: "Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf. Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume. Ich leb in euch, ich geh in eure Träume, da uns, die wir vereint, Verwandlung traf. Ihr glaubt mich tot, doch dass die Welt ich tröste, leb ich mit tausend Seelen dort, an diesem wunderbaren Ort, im Herzen der Lieben. Nein, ich ging nicht fort, Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste."

Es gibt den Himmel, manchmal auf Erden, öfter nicht. Aber nach unserem Tod bestimmt, dann wenn alle Tränen abgewischt, kein Geschrei zu hören, kein Leid und Schmerz mehr zu fühlen ist.

Es gibt den Himmel, manchmal auf Erden, öfter nicht. Aber nach unserem Tod bestimmt, dann wenn alle Tränen abgewischt, kein Geschrei zu hören, kein Leid und Schmerz mehr zu fühlen ist.

styleuneed; HSS; AdobeStock

Ist das zu zart, zu lyrisch beschrieben? Wir kennen ja die zahllosen Karfreitage, die uns die Leiden dieser Welt vergegenwärtigen, von denen es so viele gibt. Glauben gegen den Anschein – das ist uns immer wieder mal aufgegeben. Und es fällt wirklich nicht leicht – aber christliche Überzeugung ist nicht süß und kuschlig wie die meisten Osterpräsente. Sie ist manchmal edelherb und ziemlich bitter. Aber Gott selbst hat sich dem in seinem Leben ausgesetzt.

Er hat sich nicht am Honig des Wohllebens totgefressen, sich und andere eingelullt in flauschig-fluffige Frömmigkeit. Sein Tod war grausig. Ein Tod, den er teilt mit den Ertrinkenden im Mittelmeer, den an Land gespülten Flüchtlingen, den Ausgebombten, Verfolgten und Gemarterten. Gott sucht die innige Solidarität mit den Menschen, die leiden und verzweifeln. Er ist an ihrer, unserer Seite – und verheißt eine Gemeinschaft, die im Tod nicht getrennt wird.

Die Gemeinschaft mit Gott wird durch den Tod gefestigt zu einer Seligkeit, die ihresgleichen sucht. Es gibt den Himmel, manchmal auf Erden, öfter nicht. Aber nach unserem Tod bestimmt, dann wenn alle Tränen abgewischt, kein Geschrei zu hören, kein Leid und Schmerz mehr zu fühlen ist. Gott wird diese höchst unvollkommene Welt vollenden. Das ist Auferstehung.

Portrait von Susanne Breit-Keßler

Die Autorin Susanne Breit-Keßler ist ehemalige Regionalbischöfin und seit 2019 stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung.

Susanne Breit-Keßler

Im „Zauberberg“ von Thomas Mann, im Schneetraum des jungen Hans Castorp heißt es: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Recht österlich gesprochen! Auferstehung, Ostern – das ist der Glaube an ein Leben nach und an eines vor dem Tod. Nein, wir lassen uns unsere Überzeugungen nicht von Resignation und Pessimismus, gar von Hass durchkreuzen. Kommt nicht in Frage!

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Das Leben ist schön. Das Leben hat elende Abgründe und Tiefen. Aber die wollen wir beleuchten, die Schatten verjagen, soweit es an uns ist, das Osterlicht hineinstellen, um es allen warm ums Herz, hell im Geist und wohlig im Leib zu machen. Wie im Himmel. So könnte es bei aller Unvollkommenheit doch auch ein bisschen auf Erden sein, oder? Lebenslanges Wohnrecht in Gottes Reich für jedes Geschöpf.

"In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen" sagt Jesus. Dieser himmlischen Vielfalt entspricht irdische existentielle Weite. Diese Weite darf sich in dem widerspiegeln, wie wir mit Kindern, mit kranken, alten oder behinderten Menschen umgehen, mit denen, die bei uns Zuflucht suchen. Wieviel Respekt und Achtung wir ihnen entgegenbringen und denen, die mit ihnen als Erzieherinnen arbeiten, als Ärzte, Pflegekräfte und Therapeutinnen, als Rettungskräfte, Polizei und Sanitäter. Als wohlmeinende Beamte und Verwaltungsleute.

Die Auferstehung ist Kontrapunkt zu jedem Tod. Er hat vielleicht das vorletzte vorlaute, nicht aber das letzte Wort. In Ibsens Stück „Wenn die Toten erwachen“, dem letzten vor seinem Tod, wird die Frage gestellt: Was sehen wir, wenn wir Toten erwachen? Und dann kommt wegen des verfehlten Lebens die deprimierende Antwort: „Wir sehen, dass wir nicht gelebt haben.“ Das entspricht nicht dem Willen Gottes! Er will, dass wir auferstehen, er liebt unser Leben, er will es mit uns fortsetzen.

Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume, sagt Michelangelo. Ein Mensch, der die Räume tauscht, bleibt er selbst – allein die Orte wechseln. Natürlich wissen wir nicht genau, wie es mit unserer Auferstehung werden wird. Ich denke, wir behalten unsere Individualität. Wir sind besonders geschaffen. Jeder und jede von uns. Wer sich so viel Mühe mit unserer Kreatur gibt, wer so beispiellos einfallsreich ist wie Gott, der wird aus so viel menschlicher Vielfalt nicht bloß selige Ahnungslosigkeit basteln

Christus ist gestorben, wie er immer stirbt, wenn wir Menschen das Leben nehmen – leiblich oder im übertragenen Sinn. Er wurde begraben, wie begraben werden sollte, was Menschen gegen andere im Schilde führen, was sie an Üblem im Sinn und Herzen haben. Christus ist auferstanden, nachdem er durch die Hölle gegangen ist – wie wir trotz unserer Nöte leben dürfen. Und Christus ist gesehen worden. Er wird gesehen von denen, die ihn entdecken an vielen Ostermorgen ihres Lebens. Die ihn finden, in den Augen der liebsten und fernsten Menschen, in Händen, die sie falten und halten, in bergenden Armen und tröstenden Umarmungen. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Er ist da.

 

Mehr Information über Susanne Breit-Keßler

Die Theologin und frühere Journalistin Susanne Breit-Keßler war Medienbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Als erste Frau wurde sie im Jahr 2000 zur Oberkirchenrätin und Regionalbischöfin für den Kirchenkreis München und Oberbayern ernannt. Sie ist Vorsitzende des Bayerischen Ethikrats und seit 2019 stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung.

Kontakt

: Susanne Hornberger
Leiterin
Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Onlineredakion
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