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Integration von Flüchtlingen – Herausforderung für Kommunen

Die Integration von Flüchtlingen, wie auch jede Form von Zu- oder Abwanderung, stellt eine große Herausforderung für Kommunen dar. Wie gehen die Gemeinden mit den Veränderungen um, vor allem mit Neuem und Fremden? Wie fördern sie den Zusammenhalt? Welche Instrumente haben sie, um sich anzupassen, im baulichen wie auch im sozialen Bereich? Und was kann man aus der Resilienzforschung lernen?

Die Dokumentation des Fachforums ist seit Juli 2016 online verfügbar. © TU München, Lehrstuhl für Bodenordnung und Landentwicklung

Die Dokumentation des Fachforums ist seit Juli 2016 online verfügbar. © TU München, Lehrstuhl für Bodenordnung und Landentwicklung

Dies waren die Fragen, mit denen sich die diesjährigen Münchner Tage für nachhaltiges Landmanagement beschäftigen. Veranstalter der zweitägigen Fachkonferenz waren der Förderkreis Bodenordnung und Landentwicklung, die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft nachhaltige Landentwicklung und die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung. Anliegen war, andere Perspektiven kennenzulernen, Herausforderungen, Chancen und Konzepte zu diskutieren sowie von Praxisbeispielen zu lernen. 

Dr. Uwe Brandl, Präsident des Bayerischen Gemeindetags und Bürgermeister der Stadt Abensberg, ging in seinem Vortrag direkt auf das aktuelle Thema ein – den Zustrom an Flüchtlingen: „Das wird uns noch lange beschäftigen“. So werde sich das ehrenamtliche Engagement fundamental ändern müssen, „denn es geht hier nicht um einen kurzfristigen, sondern um einen dauerhaften Einsatz und der Einsatz geht in Bereiche hinein, bei denen man mit Menschen aus anderen Kulturkreisen umgehen muss oder mit Menschen, die schwer traumatisiert sind“. Notwendig sei daher eine engere Verbindung von ehrenamtlichem Einsatz und professioneller Begleitung.

Die Fähigkeit, konstruktiv mit kultureller Vielfalt umgehen zu können, gehört für den Soziologen Stefan Zech zu den „Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts - sowohl in einer Einwanderungsgesellschaft als auch in der international immer stärker vernetzten Arbeitswelt“. Auf dem Weg dorthin lauern allerdings immer wieder Stolpersteine und frustrierende Erfahrungen mit den eigenen Grenzen, weiß er aus seiner Tätigkeit als Experte für konstruktive Konfliktbearbeitung und interkulturelle Kooperation.

Uwe Brandl

Uwe Brandl

Dr. Uwe Brandl, Präsident des Bayerischen Gemeindetags und Bürgermeister der Stadt Abensberg, ging in seinem Vortrag direkt auf das aktuelle Thema ein – den Zustrom an Flüchtlingen: „Das wird uns noch lange beschäftigen“. So werde sich das ehrenamtliche Engagement fundamental ändern müssen, „denn es geht hier nicht um einen kurzfristigen, sondern um einen dauerhaften Einsatz und der Einsatz geht in Bereiche hinein, bei denen man mit Menschen aus anderen Kulturkreisen umgehen muss oder mit Menschen, die schwer traumatisiert sind“. Notwendig sei daher eine engere Verbindung von ehrenamtlichem Einsatz und professioneller Begleitung.

Die Fähigkeit, konstruktiv mit kultureller Vielfalt umgehen zu können, gehört für den Soziologen Stefan Zech zu den „Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts - sowohl in einer Einwanderungsgesellschaft als auch in der international immer stärker vernetzten Arbeitswelt“. Auf dem Weg dorthin lauern allerdings immer wieder Stolpersteine und frustrierende Erfahrungen mit den eigenen Grenzen, weiß er aus seiner Tätigkeit als Experte für konstruktive Konfliktbearbeitung und interkulturelle Kooperation.

Gaston Florin in Frauenrolle

Gaston Florin in Frauenrolle

„Man kann nicht nicht kommunizieren: Auch Körpersprache ist sehr mächtig. Unsere Gegenüber reagieren auf Mimik, Gestik und Kleidung“. Der Schauspieler, Moderator und Coach Gaston Florin vermittelte dem Publikum aus seinen eigenen Erfahrungen heraus, wie es ist, als befremdlich wahrgenommen zu werden: Als er einmal in eine Frauenrolle schlüpfen sollte, war dies ein beruflich veranlasster Perspektivwechsel, auf den er sich zunächst nur zögerlich einlassen konnte. Er studierte die Rolle ein – über entsprechende Kleidung und Schminke, Stimmlage und Gangart – und erprobte sie schließlich in Alltagssituationen. Für seine Umgebung war seine Erscheinung sehr befremdend, und er war froh, wenn er Freunde dabei hatte, die eingeweiht waren. Sobald andere sahen, wie natürlich diese mit der irritierend Mann-Frau-Person in ihrer Mitte umgingen, entspannten auch sie sich. Nach und nach verschwand dann meist die Scheu und es gelang auch direkt ins Gespräch zu kommen. Entscheidend ist dabei auch die eigene innere, positive Haltung, denn „mit missmutiger Einstellung wird man keine Freunde gewinnen“. Für die Teilnehmer der Tagung wurden die Ausführungen von Gaston sehr gut nachvollziehbar, da der Schauspieler auf dem Podium zeitgleich seine Verwandlung von Mann zur Frau vorführte und immer wieder augenzwinkernd das Publikum direkt ansprach: „Wie geht es euch? Seid ihr noch irritiert? Ich habe übrigens lange üben müssen, bis ich mit den Frauenschuhen laufen konnte“. So war für jeden erfahrbar: In direkten Kontakt kommen. miteinander reden, lachen und etwas tun verbindet Fremde sehr schnell.

Tagungsleitung Silke Franke bei der Moderation des Workshops

Tagungsleitung Silke Franke bei der Moderation des Workshops

Eine der derzeit größten Herausforderungen für die Kommunen ist die Unterbringung der Flüchtlinge. Wo stehen in den oft ohnehin überspannten Immobilienmärkten überhaupt geeignete Wohnungen oder bebaubare Flächen zur Verfügung? Brandl rechnete vor: „Nimmt man für 1.3 Millionen Flüchtlinge eine Wohnfläche von 25 qm pro Person an, dann bräuchte man so viele Gebäude, dass sie - vier Stockwerke hoch und zehn Meter breit - aneinandergereiht die Länge von 848 km umfassen würden. Wie ist das so schnell zu schaffen? Wie ist das städtebaulich zu integrieren? Die Frage der Unterbringung wird uns zu anderen Siedlungsformen führen“.

Kommunen tun sich allerdings schwer zu planen, wenn sie nicht wissen, welcher Zielperspektive sie folgen sollen. Wer von den Flüchtlingen kann überhaupt bleiben? Wie verteilen sie sich regional? Bislang würden sich die Migrationsströme auf Ballungsräume konzentrieren, weil sich die Menschen dort die meisten Lebenschancen erhoffen. Gerade für Flüchtlinge spielt auch eine Rolle, dass sie dort auf Ihresgleichen treffen. Brandl: „Dies kann eine gute Starthilfe sein – aber auch zu Segregation und Parallelgesellschaften führen, die eine Integration scheitern lässt“.1

Für den Gemeindetagspräsidenten lautet die zentrale Aufgabe, Flüchtlingen möglichst in ganz Deutschland unterzubringen - in Stadt und Land – und sie mit einer vernünftigen Perspektive ausstatten, so dass sie gerne in Deutschland leben und gerne Teil unserer Gesellschaft werden. Einfach wird es nicht werden: Brandl verwies auf die ohnehin schon bestehenden Engpässe bei den Betreuungseinrichtungen für Kinder, auf die Schwierigkeit der Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt und ähnliche anstehende Aufgaben im Zuge einer gelingenden Integration. Brandl: „Wir haben 1.500 Gemeinden mit weniger als 1.000 Einwohnern. Hier wird es mit den bestehenden Verwaltungsstrukturen kaum möglich sein, einen Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen“.

Nötig sind „kreative, flexible und modulare Lösungen“, entsprechende Investitionen und auch ein Abbau bürokratischer Hemmnisse. Brandl: „Wir werden vielleicht bestehende Instrumente wie den Mindestlohn Infrage stellen und neue Instrumente diskutieren müssen, um den Kommunen mehr Planungssicherheit zu verschaffen. Ein Ansatz wäre beispielsweise eine auf fünf Jahre befristete Residenzpflicht. Flüchtlinge sollten auch möglichst früh digital erfasst werden. Dabei sollte auch gleich abgefragt werden, ob sie weitere Familienmitglieder in der Heimat haben, für die Deutschland ebenfalls das Ziel ist, so dass man besser abschätzen kann, was an Zustrom zu erwarten ist“.

Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum – was sind die besonderen Merkmale? Hierzu informierte auch Dr. Bettina Reimann vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Geringere Siedlungsdichte, schlechtere Nahverkehrsausstattung sowie eingeschränkter Arbeits- und Ausbildungsmarkt und die hohen Anpassungserwartungen an Fremde sprechen eigentlich nicht gerade für den ländlichen Raum. Doch er hat auch Potenzial: Lokal verankerte klein-und mittelständische Unternehmen, die hohe Bedeutung von Vereinen und bürgerschaftlichem Engagement wie auch die geringe Wohnsegregation stellen gute Bedingungen dar.

Viele Aufgaben, bemerkte Brandl abschließend, würden auch ohne Flüchtlingskrise anstehen. Bei all dem dürfe die eigene Bevölkerung nicht vernachlässigt werden, ihre Angst vor Veränderung müsse ernst genommen werden. Brandl: „Wir müssen einen breiten Dialog über die Frage, wohin die Reise geht, führen, denn sonst befördern wir eine rasante Polarisierung der Gesellschaft mit einer Gefährdung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung“.

Die Beiträge der zweitägigen Fachkonferenz liegen nun als Publikation vor, die in der Schriftenreihe des Lehrstuhls Bodenordnung- und Landentwicklung herausgegeben wurde. Sie steht Ihnen auf dieser Website zum Download zur Verfügung:

Hier erfahren Sie z.B., wie die Ländliche Entwicklung und das geänderte Baurecht zur Integration von Flüchtlingen beitragen und was es mit dem Begriff „Resilienz“ (Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit) in Theorie und Praxis auf sich hat.