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Entwicklungspolitisches Forum
Klima- und umweltbedingte Migration

Ersteller: Silke Franke

Die Weltklimakonferenz in Bonn ist zu Ende gegangen. Deutschland war Gastgeber, die Präsidentschaft hatte Fidschi inne. Die 197 Vertragsparteien haben um Fortschritte bei der Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens gerungen und ein Regelwerk vorgestellt, das 2018 bei einem weiteren Gipfel im polnischen Kattowitz beschlossen werden soll. Dass es dringend notwendig ist zu handeln, zeigt das Beispiel der Fidschi-Inseln. Hier müssen Bewohner schon jetzt wegen des steigenden Meeresspiegels umsiedeln. Doch es gibt noch andere Probleme.

Während der Anstieg des Meeresspiegels vor allem die Inseln und die meist dicht besiedelten Küstengebiete bedroht, ist es in den Hochgebirgen das Abschmelzen der Gletscher, das für die Menschen ein Problem werden kann, ob in den Anden oder im Himalaya. Denn dadurch schwindet ein Trinkwasserreservoir. Gleichzeitig werden die Berggebiete instabile, mit der Folge von Bergstürzen und Murenabgängen. Naturkatastrophen wie Hurrikane und Tsunamis nehmen zu, auch Wetterextreme wie Überschwemmungen und Dürren.

Ein schmaler Sandstrand, befestigt mit Sandsäcken im Sturm. Wellen spühlen den Sand mit sich fort.

Vietnam gehört zu den Regionen der Welt, die besonders vom Klimawandel betroffen sind.

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Die Bedingungen für die Land- und Forstwirtschaft ändern sich, was sich wiederum auf die Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen auswirkt. Dazu kommen „Zivilisationsprobleme“, beispielsweise Böden, die durch Übernutzung unfruchtbar geworden sind, Grundwasservorkommen, die verseucht sind und sich nicht mehr regenerieren können.

Hot Spots – Besonders betroffene Regionen

Wie vielfältig und drängend die Probleme sind, verdeutlichen folgende Beispiele, die in einem Expertengespräch der Hanns-Seidel-Stiftung diskutiert wurden.  In Vietnam ist vor allem das Mekong Delta betroffen. Lê Anh Tuấn, stellv. Leiter des DRAGON Instituts (Delta Research and Global Observation Network) schilderte die Situation „Der Anstieg des Meeresspiegels führt auch zu einer Versalzung des Grundwassers und gefährdet damit den Reisanbau.

Männle am Rednerpult, wendet sich energisch ans Publikum.

„Unsere Auslandbüros führen mit unseren lokalen Partnerorganisationen weltweit Maßnahmen durch – wir sensibilisieren Betroffene für die möglichen Folgen des Klimawandels, und unterstützen konkrete Projekte im Bereich Umweltbildung und Umweltschutz.“ (HSS-Vorsitzende, Prof. Ursula Männle)

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Gleichzeitig droht das Flussdelta auszutrocknen, da aufgrund erhöhter Temperaturen mehr Wasser zur Bewässerung aus dem Fluss entnommen wird“. Die vietnamesische Regierung bezeichnet die Auswirkungen des Klimawandels mittlerweile als eine der größten Herausforderungen.

Umweltprobleme sind in China – das in kurzer Zeit eine rasante wirtschaftliche Entwicklung erfahren hat - mittlerweile eine große Herausforderung. „Das ist nicht nur der Smog in den Städten“, so Dr. Michael Klaus, Projektleiter der Hanns-Seidel-Stiftung in China, „sondern auch Desertifikation, Sandstürme, Überschwemmungen und sinkende Grundwasserspiegel.

China besitzt nur sieben Prozent der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, aber 20 Prozent der Weltbevölkerung.“ Dies zeige den Druck auf die Ressource Boden und die ärmere Bevölkerung auf dem Land. „China ist sich der Probleme bewusst und geht sie mit verschiedenen Strategien an, darunter auch gezielte Umsiedlungen.“ Die Klima- und Umweltveränderungen sind weltweit zu beobachten.

In der DR Kongo führen wie in Zusammenarbeit mit der EU ein Projekt im Bereich der Agroforstwirtschaft durch, um zur Nahrungs- und Energiesicherheit der Bevölkerung beizutragen und gleichzeitig die Abholzung von natürlichen Wäldern zu reduzieren.

In der DR Kongo führen wie in Zusammenarbeit mit der EU ein Projekt im Bereich der Agroforstwirtschaft durch, um zur Nahrungs- und Energiesicherheit der Bevölkerung beizutragen und gleichzeitig die Abholzung von natürlichen Wäldern zu reduzieren.

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Jacob Schewe vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) verwies auf die besondere Problematik der so gennannten Hot Spots: „Es gibt regionale Brennpunkte, in denen sich verschiedene Auswirkungen des Klimawandels bis zum Ende des Jahrhunderts überlagern werden. Dort geraten Menschen besonders unter Druck.“ 

Viele Ursachen für Migration

Migration, so die Experten, sei eine Form der Anpassung – wenn man denn überhaupt die Möglichkeit dazu hat und selbst entscheiden kann zu bleiben oder zu gehen. „Aber es gibt auch Menschen, die gezwungen sind ihre Heimat zu verlassen, um zu überleben“, betonte Mariam Traoré Chazalnoel, Klimaexpertin der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Häufig überlagerten sich mehrere Gründe für Migration. Neben Umweltveränderungen gehörten auch politische, soziale, demografische, ökonomische oder sicherheitspolitische Faktoren zu den Ursachen. Dass im 21. Jahrhundert die Zahl der Menschen massiv steigen wird, die vor unzumutbaren Zuständen in ihren Heimatländern fliehen, scheint nicht mehr abzuwenden.

Egal, wie entschlossen die Weltgemeinschaft gegen die Umweltprobleme vorgeht. Welche Schutzrechte genießen Betroffene unter internationalem Recht?

Junger Mann mit lauter Krawatte und gut sitzendem Anzug, sportlicher Haarschnitt, erklärende Gestik.

„Auch Marokko ist direkt vom Klimawandel betroffen. Wir unterstützen das Pariser Abkommen und haben unseren nationalen Selbstverpflichtungsbeitrag bereits erfüllt. Eine nachhaltige Entwicklung ist uns ein großes Anliegen. Sie ist sogar in unserer Verfassung verankert.“ (Ayman Cherkaoui, ehem. Berater des marokkanischen Umweltministers für die UN-Klimakonferenz in Marrakesch 2016)

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Kein Rechtsstatus für „Klimaflüchtlinge“ und „Umweltmigranten“

Menschen, die aus Umweltgründen migrieren haben keinerlei internationalen Rechtsstatus. Dieser wäre auch schwierig festzuschreiben, da Auswirkungen des Klimawandels oder Umweltveränderung nur selten der einzige Grund für Abwanderung sind. Bis heute gibt es daher weder eine verbindliche oder allgemein akzeptierte Definition des Begriffs, noch belastbare Daten zum wirklichen Ausmaß von Klima- und Umweltmigration. Dazu kommt, dass die unterschiedlichen nationalen Rechtsrahmen weltweit koordiniert werden müssten.

Eine gewaltige Aufgabe in Zeiten zunehmenden nationalen Egoismus. Immerhin hat die Problematik Eingang in die UN-Verhandlungsprozesse gefunden. Traoré Chazalnoel: „Die Rahmenvereinbarung von 2010 im mexikanischen Cancun fordert die Mitgliedstaaten erstmals zu Maßnahmen zur Verstärkung des Verständnisses der Koordination und Kooperation hinsichtlich der vom Klimawandel verursachten Vertreibung, Migration und geplanten Umsiedlung auf.“

Buddhistischer Tempel im Nebel auf einem Hügel vor dunklen Wäldern. Sehr romantisch

Anstieg von Temperatur und Meeresspiegel, Erosion, Umweltschäden: Süd-Asien ist ein Hotspot des Klimawandels.

naketakeout; CC0

Die UN-Generalversammlung hat 2016 in New York beschlossen, bis 2018 zwei globale Abkommen zu Migration und Flucht zu erarbeiten: den „Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration“ und den „Global Compact on Refugees“. Für Traoré Chazalnoel ist das ein Fortschritt, wenn auch noch nicht genug. Für sie steht fest: Die Menschen brauchen Perspektiven, egal wo sie sind, ob im Ursprungsland, in dem die meisten bleiben möchten, oder an den Zwischenstationen ihrer Migrationsrouten, von denen aus sie zum Teil nicht mehr weiterkommen. „Manchmal kann es auch schlichtweg notwendig sein, Menschen bei der Abwanderung zu helfen“, so Traoré Chazalnoel. „Migration ist meist traurig und schwierig und sie ist sicherlich eine Bürde für alle Beteiligten – aber sie kann auch mit Chancen verbunden sein!“  

Zum Beispiel, wenn die Sichtbarkeit der Flüchtlinge in westlichen Industrieländern dazu führen sollte, ein stärkeres Bewusstsein für die Folgen unseres Wirtschaftens für den Rest der Welt zu schaffen.

Kontakt
Referat II/6: Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
Leiterin:  Silke Franke
Telefon: 089 1258-226
Fax: 089 1258-469
E-Mail: franke@hss.de