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Migration jenseits von Anekdoten
Menschenschmuggel in Nordafrika, der Sahel und der Türkei

Um die Komplexität der aktuellen Migrationsdynamik zu verstehen, nähert sich die Hanns-Seidel-Stiftung dem Thema von verschiedenen Perspektiven. Diese umfassen empirische Studien der Schmuggler-Netzwerke und ihrer Verknüpfung mit der Wirtschaft der Länder, in denen sie operieren, sowie die Untersuchung der Beziehung zwischen gezielter Entwicklungszusammenarbeit und Migrationsbewegungen. Dabei geht es auch um die Einschränkung von illegaler Migration. Um Polarisierung und Populismus zu vermeiden, muss das Thema Migration auf der Grundlage von Fakten diskutiert werden.

Markus Ferber

Markus Ferber

Auf einer Konferenz in Brüssel am 23.03.2017 stellte die Stiftung die Ergebnisse dreier aktueller, empirischer Studien vor, die Migrationswege innerhalb Afrikas sowie zwischen Afrika, der Türkei und Europa analysieren. Die Studien wurden in Kooperation mit dem „Institute for Security Studies“ mit Sitz in Pretoria, Südafrika und der „Global Initiative against Transnational Organized Crime“ mit Sitz in Genf realisiert.

Markus Ferber, stv. Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und Mitglied des Europäischen Parlaments, verwies in seiner Eröffnung darauf, wie nötig ein umfassender und inklusiver Ansatz beim Umgang mit Flüchtlings- und Migrationsdynamiken sei. Politische Strategien müssten relevante Aspekte aus den Bereichen Sicherheitspolitik, Arbeitsmarkt, Entwicklungspolitik sowie die jeweilige lokale Wirtschaftslage einbeziehen.

Tuesday Reitano

Tuesday Reitano

Studienergebnisse

Als eine der HauptautorInnen der Studien stellte Tuesday Reitano die wichtigsten Ergebnisse vor. Zur Erhebung der Daten seien Interviews mit Migranten, Schmugglern, Regierungsvertretern, Wissenschaftlern, Journalisten und humanitären Arbeitern in neun Ländern durchgeführt worden. Der Menschenschmuggel sei in den Herkunfts- und Transitländern zu einem einflussreichen Wirtschaftsfaktor geworden, unterstützt durch international agierende kriminelle Netzwerke, die ein Interesse an weiter steigenden Umsätzen haben. Frau Reitano erläuterte die Strukturen, Prozesse und die Vielzahl der beteiligten Akteure in der Schmuggelindustrie: Diese reichten vom Rekrutierer/Broker, der sich ganz unten in der Hierarchie befinde und oft durch seine Ähnlichkeit zu den Migranten deren Vertrauen gewinne, bis zum Transporteur, Beschaffer von Unterkünften, Dokumentenfälscher oder Bestecher, der durch seine Kontakte in die staatlichen Institutionen den Transit erleichtere. Oben in der Pyramide ständen einige wenige Personen, die die gesamte Kette kontrollierten und koordinierten.

So profitierten zehntausende Personen vom Schmuggel. Er werde zu einem informellen Wirtschaftszweig, basierend auf Angebot und Nachfrage, und beeinflusse oft die Wirtschaft des jeweiligen Landes. Allerdings trage er in manchen Regionen auch weiter zu Instabilität und Konflikten bei. Die Bekämpfung der Schmuggler sowie schärfere Grenzkontrollen in den Transitländern dämmten zwar die Migrationsbewegungen ein, führten aber auf der anderen Seite zu einer stärkeren Kriminalisierung und zu höheren Preisen im Schmuggelmarkt. Zur Untersuchung des Charakters der Schmuggelindustrie dienten Fragen nach der Preisstruktur (bezahlen die Migranten vor oder nach der Reise, werden Bestechungsgelder bezahlt?), nach dem Reiseprofil (wie lange dauert die Reise, wie viele Personen reisen zusammen?), nach dem Profil des Schmugglers (hat er die gleiche Nationalität wie der Migrant?) und nach Gewalt (gab es Erpressung?). Erschreckend sei, dass die herrschende Gewalt im Verlauf der Reise – Vergewaltigung und Misshandlung sind sehr häufig – die Migranten nicht abschrecke. Vielmehr werde der Gewaltfaktor bereits bei der Planung der Flucht mit einkalkuliert – viele Migranten sind willens, Gewalt und Gefahren auf dem Weg nach Europa in Kauf zu nehmen. Durch das lukrative Schmuggelgewerbe werde Migration zur Win-Win-Situation für viele der Beteiligten in den Transitländern: die Migranten, die Schmuggler und die Staaten, die mitunter auf verschiedene Weise auch von den Bestechungsgeldern profitieren.

Ralph Genetzke, Tuesday Reitano, Wolf Krug, Michael Gahler

Ralph Genetzke, Tuesday Reitano, Wolf Krug, Michael Gahler

Die europäische Politik müsse sich zur Lösung des Problems auf einige Kernfragen konzentrieren. Wichtig sei die Verbesserung des Dialogs und der Zusammenarbeit zwischen Europa und den Herkunfts- und Transitländern. Es gilt, Antworten zu schwierigen Themen zu finden, wie zum Beispiel die Fragen, wie die Menschenschmuggel-Industrie wirksam bekämpft werden kann und wie Grenzregime in Transitländern wirksamer gestaltet werden sollten – beides in einer Weise, die sicherstellt, dass es nicht zu noch mehr Menschenrechtsverletzungen oder weiterer Destabilisierung kommt.

Wissenschaftliche Studien über die Schmuggelindustrie seien auch eine wichtige Voraussetzung, um die mögliche Reaktion der kriminellen Netzwerke auf politische Entscheidungen der EU vorherzusagen. Es müssten mehr und bessere Daten im Bereich des Menschenschmuggels gesammelt werden, um zielorientiert (re)agieren zu können. Ganz wichtig für eine Kommunikationsstrategie gegen illegale Migration sei auch die Einbeziehung der Diaspora in Europa.

Michael Gahler

Michael Gahler

Diskussion

Der Europaabgeordnete Michael Gahler ging in der anschließenden Diskussion auf EU-Politik als Reaktion auf die Herausforderung Migration ein. Als langfristige Strategie gehe es weiterhin darum, proaktiv die Grundursachen wie Konflikte und Armut zu beheben. Entwicklungszusammenarbeit leiste hier einen wichtigen Beitrag.

Ralph Genetzke, Leiter des Brüsseler Büros des International Centre for Migration Policy Development, schätzte den Wert der Studien vor allem zur Überprüfung der derzeitigen Handlungspraxis ein. Geld allein würde die Probleme nicht lösen. Die EU müsse sich basierend auf fundiertem Wissen über lokale Gegebenheiten und einem Verständnis komplexer Zusammenhänge einen breiteren Ansatz überlegen. Bislang fokussiere sie sich in Abkommen mit afrikanischen Staaten zu sehr auf die Rücksendung von Migranten. Über kurz oder lang müssten sich die EU-Länder auch ernsthaft überlegen, zur Aufnahme von wie vielen Menschen sie jeweils bereit seien.

Präsentation von Tuesday Reitano

Deutschsprachige Kurzfassungen der Studien

Kontakt
Projektleitung: Clemens von Doderer
Südafrika
Projektleitung:  Clemens von Doderer