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Interview mit Dr. Lars Gutow
Müll in den Ozeanen – ein Erbe der Menschheit

Das Experten-Interview rund um Plastik: Was ist Plastik eigentlich genau? Und warum ist es ein Problem für unsere Umwelt? Und natürlich am wichtigsten: Was können wir dagegen tun?

Portrait eines jungen Mannes

Dr. Lars Gutow arbeitet als Wissenschaftler und Biologe am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, das Umweltaspekte in gemäßigten Breiten und in den Polarregionen untersucht. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Reaktion von Arten und Ökosystemen auf eine sich verändernde Umwelt. Ursachen für Veränderungen sind beispielsweise der Klimawandel sowie die Verschmutzung der Ozeane.

Dr. Lars Gutow; HSS; Dr. Lars Gutow

Beim „Fachforum ABC: Life in plastic - it's fantastic? Chancen und Herausforderungen rund um den Allrounder Plastik“ in Kloster Banz ging es diesmal um das Thema Plastik. Im HSS-Interview erklärt Biologe Dr. Lars Gutow, was Plastik von anderen Stoffen unterscheidet, warum der Stoff die Natur ganz besonders belastet und was wir dagegen tun können.

Hanns-Seidel-Stiftung (HSS): Herr Dr. Gutow, als Biologe untersuchen Sie einen relativ jungen Bewohner der Ozeane, den Plastikmüll. Können Sie kurz definieren, was Plastik überhaupt ist?

Dr. Lars Gutow: Kunststoffe, deren umgangssprachliche Bezeichnung Plastik ist, sind synthetische Polymere. Sie werden meist aus Erdöl künstlich hergestellt und sind langkettige Kohlenstoffverbindungen. In Aufbau und Struktur unterscheiden sich verschiedene Polymere stark voneinander. Hervorragende Eigenschaften von Kunststoffen sind das geringe Gewicht, welches Transportkosten einspart, die kostengünstige Herstellung und die Langlebigkeit. Gerade diese Eigenschaft führt aber auch zu einem großen Problem der Kunststoffe. Der Abbau dieser Makromoleküle erfolgt in der Umwelt nur sehr langsam, meist unter Einwirkung von UV-Strahlung. Somit ist Plastik nicht im größeren Maße natürlich abbaubar. Im Meer erschweren zudem die geringe Temperatur und der niedrige Sauerstoffgehalt den Zersetzungsprozess.

HSS: Wie funktioniert das Müllentsorgungssystem in Deutschland, was Plastik angeht?

Dr. Lars Gutow: Plastikmüll wird in Deutschland großteils verbrannt und zur Energiegewinnung genutzt oder recycelt. In anderen Ländern landet der Müll auf offenen und manchmal illegalen Deponien. Hier wird der Müll vom Wind verweht und gelangt in die Umwelt. Aber auch in Deutschland, etwa durch illegale Entsorgung, unsachgemäßen Transport oder Unachtsamkeit.

HSS: Wie kommt dieser Müll ins Meer und was geschieht dort mit ihm?

Dr. Lars Gutow: Müll kommt auf zwei Arten in Meer. Einerseits gibt es den seeseitigen Eintrag, zu dem beispielsweise Fischereigerät gehört, das im Einsatz verloren geht oder an Riffen hängenbleibt sowie illegale Entsorgung von Müll, um die Entsorgungskosten zu sparen. Zusammenfassend kann man sagen, dass jegliche Aktivität des Menschen auf dem Meer, wie auch Kreuzfahrten oder Offshore-Bohrinseln, zur Verbreitung von Kunststoffen in den Ozeanen führt. Der größte Teil des Mülls kommt allerdings vom Land, entweder direkt von der Küste und den Städten am Meer oder auch vom Landesinneren. Dort wird der Müll, der in der Umwelt ist, über Flüsse bis in die Ozeane transportiert. Eine hohe Konzentration von Plastik in den Ozeanen finden wir nahe der Zentren menschlicher Aktivität, wie Küstenstädte, am Meeresboden, in Tiefseegräben sowie in den fünf Müllwirbeln. Diese Wirbel werden durch Oberflächenströmungen hervorgerufen und befinden sich in allen großen ozeanischen Becken. Plastik, das an der Oberfläche treibt, wird nach und nach zu den Zentren dieser Wirbel transportiert.

ABC-Fachforum 2020

Das diesjährige Fachforum ABC "Life in plastic - it's fantastic? Chancen und Herausforderungen rund um den Allrounder Plastik" vom 7. bis 9. August 2020 auf Kloster Banz beschäftigte sich mit der aktuellen Problematik des Allrounder Plastik in vielen Aspekten. Neben der Verschmutzung der Ozeane wurden die Themen Mikroplastik in der Umwelt und Plastikvermeidung im Alltag behandelt.

HSS: Welche Auswirkung hat die Verschmutzung der Ozeane?

Dr. Lars Gutow: Die größte Auswirkung trägt die Umwelt. Tiere verfangen sich in Netzen und Leinen und können sich dadurch nur noch eingeschränkt fortbewegen, was die Flucht vor Räubern oder den Nahrungserwerb beeinträchtigt. Auch verwechseln Tiere Müll oft mit Nahrung, da sie potenzielle Nahrung mit dem Maul testen. Dies führt zu inneren Verletzungen bei scharfkantigen Gegenständen und nimmt gerade bei Seevögeln viel Platz im Magen ein. Da der Magen dieser Vögel mit Plastik ausgefüllt ist, können sie nicht genug reguläre Nahrung aufnehmen und sind dadurch chronisch unterernährt. Auch führen Kunststoffe zum Tier- und Pflanzensterben auf den Meeresböden, da diese den Boden abdecken und die Zufuhr von Sauerstoff und Nährstoffen vermindern. Für den Menschen ist der Müll vor allem ein ästhetisches Problem, da er das Landschaftsbild gerade in Urlaubsregionen beeinträchtigt. Aber auch die Schiffsicherheit kann beeinträchtigt werden, wenn beispielsweise Steuer- und Antriebssysteme blockiert werden und dies zu Schiffsunfällen führt. Gesundheitliche Risiken kommen nicht unbedingt von dem Kunststoff an sich, jedoch von den Zusätzen, die dem Kunststoff bei der Produktion beigesetzt werden. Diese Additive verbessern die Eigenschaften des Kunststoffes und wirken als Flammschutzmittel, Weichmacher und UV-Stabilisatoren, können allerdings auch aus den Kunststoffen abgegeben werden. Bei der Aufnahme der Additive haben diese eine schädliche Wirkung auf Menschen und Tiere und beeinträchtigen den Stoffwechsel und die Fortpflanzung und können zur Bildung von Tumoren führen.

HSS: Diese Folgen sind ernüchternd. Welche Maßnahmen können ergriffen werden?

Dr. Lars Gutow: Es gibt Organisationen, die versuchen den Müll aus den Ozeanen zu entfernen. Dies ist allerdings nicht so einfach, da die globalen Ozeane alle miteinander verbunden sind. Möchte man den Müll großräumig entfernen, kann man dabei nicht mehr selektiv vorgehen. Dabei werden Netze durch die Meere gezogen oder schwimmende Barrieren auf der Meeresoberfläche eingesetzt, die jedoch unweigerlich auch viel Biomasse herausholen. Die Meeresoberfläche ist ein wichtiger Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten, deswegen ist die Meinung unter Wissenschaftlern, dass solche unselektiven Aufräumaktionen mehr Schaden als Nutzen anrichten. Im kleinen Maßstab ist dies anders, wenn beispielsweise Touristenstrände sauber gehalten werden. Dies ist aber keine Lösung für das globale Problem. Der Müll, welcher im Ozean ist, soll dort bleiben. Allerdings muss die Eintragung unterbunden werden, sodass kein neuer Müll in die Ozeane gelangt.

HSS: Welchen Einfluss hat Plastikmüll auf die Biodiversität in den Ozeanen?

Dr. Lars Gutow: Kunststoffe sind omnipräsent in den Ökosystemen der Meere. Alles, was in die Meere reingelangt, und somit auch der Müll, wird unmittelbar mit Organismen besiedelt. Treibt der Müll an der Oberfläche, so transportiert er Organismen. Dies wird als Rafting bezeichnet und kommt auch natürlich vor. Makroalgen, Bimsstein, Holz und Tierkadaver dienen als Transportmittel. Meist sind diese aber auf bestimmte Regionen beschränkt, welches allerdings beim Kunststoff nicht der Fall ist und der so Verbreitungsmöglichkeiten für Tiere und Pflanzen maßgeblich verändert. So wurde beispielsweise nach dem Tsunami 2011 in Japan Treibgut mit gebietsfremden Organismen an der nordamerikanischen Künste entdeckt. Die Ansiedelung von gebietsfremden Arten in anderen Ökosystemen wird als eine der größten Bedrohungen für die weltweite Biodiversität gesehen. Und der Kunststoff wird dabei auch seine Rolle spielen.

HSS: Sehr geehrter Herr Dr. Gutow, vielen Dank für dieses Interview!

 

Das Interview führte Ines Rupprecht für die HSS.

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