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Nationalsozialismus in Deutschland

War der Weg in Richtung Radikalisierung und Diktatur durch die Geschehnisse und Entwicklungen in und nach dem ersten Weltkrieg, bereits zwangsläufig festgelegt? War der Nationalsozialismus eine logische Konsequenz von Versailles? Diese und weitere Fragen behandelte eine Fachtagung für Stipendiaten vom 3. bis 6. August 2015 in Wildbad Kreuth.

Der strahlend blaue Himmel über dem sommerlichen Bergidyll des Wildbades machte es nicht gerade einfach, sich auf ein viertägiges Seminar über die wohl finsterste Zeit jüngerer deutscher Geschichte einzustimmen. Und dennoch konnte man die sonnenbeschienenen Kalksteinrücken der am Ende des Kreuther Tales liegenden Blauberge wie ein eindringlicher Vorverweis auf die wohl wesentlichste Lernstation der nächsten Tage verstehen: dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. „Hitlers Berge“, „Alpenfestung“, „Eagles Nest“ und „Berghof“ – Schlagworte die schon an diesem, vom Exkursionsziel weit entfernten Ort seltsam von den Berghängen widerzuhallen schienen.

Nach einer kurzen Einführung zum Thema, den zu behandelnden Fragestellungen sowie zu den angepeilten Schwerpunkten des Seminars wurde die Zuhörerschaft gleich am ersten Tag mit der schwierigen Ausgangsfrage konfrontiert: War der Weg in Richtung Radikalisierung und Diktatur durch die Geschehnisse und Entwicklungen in und nach dem ersten Weltkrieg, „der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, bereits zwangsläufig festgelegt? Der Nationalsozialismus also eine logische Konsequenz von Versailles? Sofort erwies sich die heterogen zusammengesetzte Gruppe als äußerst diskussionsfreudig. Sensible Themen wurden fachlich korrekt analysiert, bis in Details an Fallbeispielen nachvollzogen und durch den über Jahre zusammengetragenen, schier unerschöpflichen Schatz von Materialien des Oberstudiendirektors Horst Pfadenhauer anschaulich gemacht.

Der zweite Seminartag war neben den an den Vortag anschließenden Ausführungen des Seminarleiters geprägt von einem Fachvortrag von Andreas Hermes, der sich in seiner Studienabschlussarbeit intensiv mit einem Fallbeispiel aus dem Themenbereich „Ausgrenzung“, „Judenpolitik“ und „Arisierung“ auseinandergesetzt hatte. Anhand der „Augsburger Spinnerei Sparrenlech“ wurden exemplarisch Zusammenhänge und Automatismen der systematischen Verdrängung jüdischer Unternehmer aus dem Wirtschaftskreislauf des Dritten Reiches dargestellt. Dabei wurden die bald nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten erlassenen „Nürnberger Rassegesetze“ ebenso wie die Drangsalierungen der jüdischen Bevölkerung von Seiten der Parteiorganisationen, von Mitarbeitern, aber auch wirtschaftlichen Konkurrenten behandelt.

Die vollendeten Tatsachen waren eine trockene Antwort auf die Frage, wie dies alles offiziell und vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit geschehen konnte. Der damit einhergehende Verlust des in Deutschland verbliebenen Besitzes, der zur Ausreise aus dem Reich gezwungenen Besitzerfamilien machte einerseits betroffen, regte andererseits wiederum zu Diskussionen über geleistete oder unterbliebene Wiedergutmachungen sowie die Bestrafung der in diesem Mikrokosmos namentlich und biographisch fassbaren „Tätergruppe“ an. Das Thema „Entnazifizierung“ und die damit im Zusammenhang stehenden Probleme der Integration der einstigen „Täter“ in das Nachkriegsdeutschland auf beiden Seiten der „innerdeutschen Grenze“ bildeten an diese Diskussionen einen sinnfälligen Anschluss.

Den unbestreitbaren Höhepunkt bildete in jedem Fall die Exkursion zum „Dokumentationszentrum Obersalzberg“ am dritten Seminartag. Sogar die Anfahrt wurde zur Wissensvermittlung genutzt: Nachdem am Ende des Vortages anhand eines eindrucksvollen Dokumentationsfilms Geschichte und „Mythos“ der Anlagen auf dem Obersalzberg behandelt worden waren, wurden nun noch Grundelemente des nationalsozialistischen Staates wie das sogenannte „Führerprinzip“ sowie Verlauf und Ende des Zweiten Weltkriegs anschaulich auseinandergesetzt.

Benedikt Schramm M.A.

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