Print logo

Christentum und Liberalismus
Pfeiler der europäischen Identität?

Autor: Marina Galli

Die Europäische Union ist als Staatengemeinschaft ein Zusammenschluss christlich geprägter Länder, in denen sich Werte wie Solidarität, Freiheit und Gleichheit über die Jahrhunderte fest etabliert haben. Doch welchen Stellenwert nehmen Christentum und Liberalismus im Wertekanon der EU noch ein?

Über die Jahrhunderte wirkten viele Einflüsse auf den Kontinent Europa ein, wobei die des Christentums am prägendsten waren. Auf der Suche nach einer gemeinsamen europäischen Identität wird das Christentum aufgrund seiner konfessionellen Vielfalt oft als Referenzpunkt genannt, das trotz seiner unterschiedlichen Strömungen im Laufe seiner Geschichte ein Werteverständnis etablierte, das der europäischen Rechtsordnung und dem Sozialsystem als Fundament zugrunde liegt.

Das Europa-Büro Brüssel in Kooperation mit dem Forum Brussels International widmete sich am im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Frage, ob Christentum und Liberalismus nach wie vor als Pfeiler der europäischen Identität gesehen werden können.

Mann am Rednerpult, spricht gravitätisch. Im Hintergrund HSS-Stellwand.

„Die Kirchen werden uns und unsere Kindeskinder überdauern.“ (Dr. Ingo Friedrich)

HSS

Wo liegen Europas Wurzeln?

In seinem kurzen Beitrag zur Geschichte des Christentums in Europa erläuterte Dr. Ingo Friedrich, Vorstandsmitglied Hanns-Seidel-Stiftung und Vizepräsident des Europäischen Parlaments a.D., auch den Zusammenhang von Freiheit und Religion: „Die Reformation ist ein Beispiel dafür, dass Religionsfreiheit ein Lernprozess ist.“ Ganz entscheidend sei für die Entwicklung Europas die Trennung von Kirche und Staat gewesen, denn Staatsrecht müsse stets über der Bibel stehen. Aus der Sicht des indischen Theologieprofessor Dr. Vishal Mangalwadi hatte die Bibel gleichwohl einen großen Einfluss auf die Entwicklung Europas.

Die politische Ordnung der Europäischen Union respektiere die Souveränität der Nationalstaaten und der in ihnen lebenden Individuen. Diese Idee der Souveränität und des Wertes jedes Einzelnen finde ihren Ursprung in der Bibel, so der Philosoph. „Die Bibel symbolisiert einen Samen, aus dem das Christentum als Religion erwachsen ist.“ Einen ähnlichen Vergleich zog Mangalwadi zu Europa, das sich als großen Baum mit vielen Stämmen und Ästen betrachten lasse: „Alles begann mit einem Samen, dessen Wurzeln in der Bibel liegen.“

Seitschek, ein untersetzter Mann mit runder Brille spricht mit freundlichem Gesicht ins Mikorfon. Neben ihm sitzt Dr. Vishal Mangalwadi mit orientalisch anmutender Kopfbedeckung.

„Christliche Verantwortung und Solidarität bedeuten auch, seine eigenen Kräfte einschätzen zu können.“ (Hans-Otto-Seitschek, rechts)

HSS

Einfluss von Werten auf die Gesellschaft

Eng verbunden mit der Debatte um den Stellenwert von Religion ist das gemeinsame Werteverständnis einer Gesellschaft. Als auf dem Höhepunkt der Migrationskrise die Flüchtlingslager an ihre Grenzen stießen, beriefen sich in Deutschland die Politik und Helferkreise auf die christliche Tradition, die zu Solidarität und Nächstliebe aufruft. Nach Meinung von Hans-Otto Seitschek, Privatdozent an der philosophischen Fakultät der LMU München, zeigt dieses Beispiel, dass die Menschen in Europa auch unterbewusst nach christlichen Grundwerten leben und in Situationen des Zweifelns ein Rückbezug auf diese Werte erkennbar ist.

Er wünscht sich bei dieser Debatte jedoch mehr Inhalt: „Wert allein sagt noch nichts aus, er muss gefüllt werden mit freiheitlichen Menschenrechten oder der Gleichheit.“ Der Begriff des Wertes stamme ursprünglich aus der Ökonomie, um Gewinne und Verluste darzustellen oder werde in der Wissenschaft zur Messung verschiedener Größen verwendet. Heute sei ein neuer Diskurs darüber, was mit christlichen Werten gemeint sei – die Tugenden, das „Gute“ – notwendiger denn je, so Seitschek.

Mangalwadi, älterer Herr mit Bart und orientalisch anm am Rednerpult. Im Hintergrund HSS-Stellwand mit Logo, etc.

Prof. Dr. Mangalwadi: "Europa gleicht einem großen Baum mit vielen Stämmen. Sie alle wachsen aus einem Samen."("Europe is like a big tree with many stamps - all growing out of one seed.")

Verhältnis von Kirche, Staat und Individuum

Über die Jahrhunderte haben sich in Europa verschiedene Formen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat herausgebildet. Ein Beispiel für die strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ist Frankreich. Doch bewahrt die konsequente Trennung vor Konflikten? Besonders in den letzten Jahren konnte in Frankreich ein Erstarken des Antisemitismus beobachtet werden. Aus der Sicht Seitscheks lässt sich das auch auf den fehlenden öffentlichen Austausch zurückführen. Religion werde aus der Öffentlichkeit vollkommen ausgeklammert, man traue sich gewissermaßen nicht an den religiösen Diskurs heran. Dabei sei es notwendig, dass der Austausch über Religion ebenso öffentlich wie sachlich begründet geführt werde, denn Religion sei keine Privatsache. Jeder Religion liege ein Prinzipiensystem zugrunde, über das man reden könne und müsse. „In der Philosophie spricht man davon, dass Europa auf drei Bergen gegründet wurde: Jerusalem, dem Geburtsort Jesu Christi, Athen, dem Zentrum der Philosophie, und Rom, dem Ursprung des kontinentalen Rechtssystems“, sagte Seitschek. Daran sei der alles einschließenden Charakter Europas zu erkennen.

Mit diesem Wissen müsse man heute einen Rechtsdiskurs führen, der Politik und Religion differenziert betrachte, beide Bereiche miteinschließe, ohne, dass sie miteinander verschmolzen würden. Während in Frankreich der Laizismus vorherrsche, beginne die Präambel des Deutschen Grundgesetzes mit den Worten „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Der Bezug zu Gott stelle jedoch keineswegs einen Gotteszwang dar, erläuterte der Religionswissenschaftler Seitschek. Das Ziel müsse sein, in ganz Europa zu einem gedeihlichen Verhältnis zwischen Kirche und Staat zu gelangen.

(v.l.n.r.) Dr. Ingo Friedrich, Franziska Broich, Prof. Dr. Vishal Mangalwadi, Dr. Hans Otto Seitschek

(v.l.n.r.) Dr. Ingo Friedrich, Franziska Broich, Prof. Dr. Vishal Mangalwadi, Dr. Hans Otto Seitschek

HSS

Ist das Christentum heute noch ein Pfeiler der Europäischen Identität?

Der indische Professor Dr. Vishal Mangalwadi verfolgt die Entwicklung der Europäischen Union aus der Außenperspektive und sieht in der EU in ihrer heutigen Gestalt bedeutende Einflüsse des Christentums und des Judentums. Ihr einmaliger Charakter wirke als Licht, welches die Mitgliedstaaten leiten solle, ohne dabei den Anspruch eines Großreiches zu verfolgen. Vor allem die Besonderheit der kulturellen Individualität der einzelnen Staaten Europas lasse sich auf die Bedeutung des Individuums zurückführen, die in der Bibel formuliert worden sei.

Die politische Kultur auf Basis christlicher Werte könne auch ein Beispiel sein für das Verhältnis von Kirche und Staat in anderen Teilen der Welt. Die verschiedenen Facetten dieser Beziehung grenzen das Christentum deutlich vom Islam ab. Mit dem Bildnis des Baumes erklärt, müsse man den Islam als einen anderen Baum mit einem unterschiedlichen Wachstumsverlauf betrachten. „Um Regeln des friedlichen Zusammenlebens zwischen beiden Religionen etablieren zu können, muss den Unterschieden beider Glaubensrichtungen Rechnung getragen werden. So ist es im Falle der Unterstützung von Flüchtlingen oder auch der Hilfe für das vom Bürgerkrieg zerstörte Syrien entscheidend, die verschiedenen Wurzeln der Gemeinschaft wahrzunehmen und zu respektieren“, erklärte der Philosoph Mangalwadi abschließend.

Kontakt
Leiter: Dr. Markus Ehm
Auslandsbüro Brüssel
Leiter:  Dr. Markus Ehm
Telefon: +32 2 230-5081
E-Mail: bruessel@hss.de