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Politische Propaganda von der Antike bis zur Neuzeit

Propaganda ist nicht nur ein Begriff des 20. Jahrhunderts. Obwohl wir sie meist mit der systematischen Verbreitung von Meinungen und Weltanschauungen in kommunistischen und nationalsozialistischen Regimen assoziieren, können erste Beispiele bereits in der Antike vermutet werden. Über die vielfältigen Erscheinungsformen diskutierten vom 19. bis 21. Juni 2015 Stipendiaten in Wildbad Kreuth.

Neben einem breiten Spektrum an historischen Beispielen sollte dabei ein besonderer Schwerpunkt auf gegenwärtige Formen von Propaganda gelegt werden, insbesondere als Werkzeug in Werbung und Reklame.

Andreas Grüner

Andreas Grüner

Bernhard von Zech-Kleber

Das Fachforum wurde mit dem Vortrag von Prof. Dr. Andreas Grüner, Lehrstuhlinhaber für Klassische Archäologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg eröffnet, der sich mit der Frage auseinandersetzte, ob sich massenwirksame Propaganda bereits in den Selbstdarstellungen römischer Kaiser verorten lässt. In seinem thematisch zweigeteilten Vortrag führte Prof. Grüner zunächst Beispiele für eine solche Annahme an und stellte Parallelen zwischen antiker und zeitgenössischer Selbstdarstellung einiger bedeutender Politiker her. Im zweiten Teil seines Vortrags richtete er die Aufmerksamkeit des Publikums aber auf die Probleme bei dem Vergleich zwischen antiker und moderner Propaganda: Während moderne Propaganda auf die massenorientierte Verbreitung bestimmter Inhalte abzielt, setzte antike Propaganda eine gewisse Allgemeinbildung beim Rezipienten voraus. Prof. Grüner stellte daher die These auf, dass antike Kaiserdarstellungen nicht primär auf kaiserliche Selbstvermarktung bei der Masse abzielten. Vielmehr handle es sich bei den Kaiserdarstellungen um ein kompliziertes System der Interdependenz zwischen Kaiser und Senat, in dem sich Senat und Kaiser gegenseitig beschenkten, um sich der Gunst des anderen gewiss zu sein. Massenwirksame Propaganda sei dabei zwar als Nebeneffekt aufgetreten, sei aber weder vom Senat noch vom Kaiser primär beabsichtig worden.

Ernst-Sylvius Baron von Heyking

Ernst-Sylvius Baron von Heyking

Bernhard von Zech-Kleber

Aber die Rolle von Propaganda und Werbestrategien berichtete Dipl.-Ing. Ernst-Sylvius Baron von Heyking, Leiter Vertrieb an Mitarbeiter und ehemaliger Marketingleiter von MINI Deutschland. Baron von Heyking stellte den Teilnehmern des Fachforums die Produkt-und Marketingmaßnahmen zum Relaunch der Marke MINI im Jahr 2001 vor. Dabei erklärte er, wie man bei der Neukonzeptionierung des Fahrzeugs am Anfang der 2000er Jahre darauf bedacht war, die Aura des Kultautomobils MINI mit einer neuen und eigenständigen Ausrichtung der Marke MINI „neue Generation“ zu verbinden. Eine wesentliche Aufgabe für ihn und sein Team war es daher, ein Fahrzeugprofil zu entwickeln, das den Charme des klassischen MINIs mit einem eigenständigen neuen Profil verbinden konnte. Abgeschlossen wurde der Vortrag mit einer Vorstellung der vielfältigen Werbe- und Reklamestrategien, die bei der Markteinführung des MINI „neue Generation“ zum Einsatz kamen.

Mit dem Vortrag von Dr. Falk Bachter, Archivar und Kunsthistoriker, über die Arbeit von Radio Freies Europa/Radio Liberty (RFE/RL) richtete das Fachforum seinen Blick auf die Propaganda zur Zeit des Kalten Kriegs. Dr. Bachter berichtete von der Entstehungsgeschichte von Radio Free Europe (RFE), das seinen Sendebetrieb am 1. Mai 1951 in München mit dem Ziel aufnahm, westliches Gedankengut in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang zu verbreiten. Der Radiosender, dessen Empfangsweite sich in den ersten Jahren seines Sendebetriebs nur auf Polen, Rumänien, Ungarn, Tschechien und Bulgarien erstreckte, kann heute in 28 mittel- und osteuropäischen sowie zentralasiatischen Ländern empfangen werden. Darüber hinaus thematisierte Dr. Bachter die Rolle, die RFE/RL bei den Aufständen in Ungarn 1956 und Prag 1968 spielte und sprach von seinen Eindrücken nach dem Bombenattentat auf den Radiosender in Jahr 1981. Den Abschluss des Vortrags bildete die Betrachtung der gegenwärtigen Arbeit des Senders: 1995 wurde sein Hauptsitz von München nach Prag verlegt, wo der Radiosender seine Arbeit bis heute fortsetzt.

Über die vielfältigen Erscheinungsformen von Propaganda diskutierten die Teilnehmer und Referenten

Über die vielfältigen Erscheinungsformen von Propaganda diskutierten die Teilnehmer und Referenten

Bernhard von Zech-Kleber

Einen weiteren geschichtlichen Meilenstein bot der Vortrag von Dr. Dominik Petzold, Historiker und Journalist, der über die Instrumentalisierung von Kino durch Kaiser Wilhelm II. referierte. Dr. Petzold stellte in seinem Vortrag kurz die Entstehungsgeschichte des Kinos vor und betonte dabei die für uns ungewöhnlichen Züge des Kinos zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Filme waren schwarz-weiß, stumm und glichen eher bewegten Bildern als modernen Filmen. Der erste Star des Kinos, so Petzold, war Kaiser Wilhelm II., der mit sensationellen Auftritten und auffälliger Garderobe für stetige Abwechslung bei den Kinobesuchern sorgte. Schon ab 1904 beschäftigte Wilhelm II. einen eigenen sog. Kinematographen, der ihn und seinen Hof massenwirksam in Szene setzen sollte. Ziel war dabei die Erziehung der Zuschauer zu monarchischen Untertanen. Obwohl heute nur noch knapp 80 der 320 gedrehten Filme vom Kaiser Wilhelm II. erhalten sind, lassen sich klare Aspekte einer kaiserlichen Medienpolitik erkennen, die eindeutig für den propagandistischen Einsatz der Filme durch Kaiser Wilhelm II. sprechen.

Mit Unterstützung des CdAS konnte das Fachforum am zweiten Abend den 2005 entstandenen Satirefilm „Thank you for smoking“ (Regie: Jason Reitman) zeigen. Der Film nimmt aus einem satirischen Blickwinkel die Arbeit von Lobbyisten am Beispiel der US-Tabakindustrie aufs Korn. Mit scharfem Blick zeigt er, wie mit Worten, Bildern und Gesten ganze Gesellschafts- und Regierungssysteme manipuliert werden können.

Judith Luig

Judith Luig

Bernhard von Zech-Kleber

Den Abschluss des Fachforums bildete die Journalistin der Berliner Morgenpost, Judith Luig, die mit ihrem Vortrag über die gegenwärtige Entwicklung des Auslandsjournalismus den Bogen zum zeitgenössischen Einsatz von Propaganda spannte. Judith Luig thematisierte insbesondere moderne Kommunikationsmittel, sowie deren Einsatz bei internationalen Ereignissen: Mit der Verbreitung der sozialen Netzwerke kann jeder Nachrichten verbreiten, wobei die Verlässlichkeit der Informationsquelle häufig nicht geklärt werden kann. Diese subjektiven Geschichten und Meinungen entwickeln sich aber zu Konkurrenten der etablierten Medien, die allein für die Akquirierung verlässlicher Informationen gewisse Recherchezeit benötigen. Die Referentin zeigte anhand von Beispielen auf, wie sich Nachrichten unter dem Einfluss von sozialen Medien verändert haben und welche Herausforderungen das zukünftig an die Reporter stellen wird. Beendet wurde der Vortrag mit einer Diskussion über die Chancen und Risiken des Journalismus im digitalen Zeitalter.

Das Fachforum Geisteswissenschaft wird sich 2016 mit den Einflüssen von sexualisierter Werbung auf gesellschaftliche Rollen- und Moralvorstellungen auseinandersetzten. Als Fachforumssprecher wurden Bettina Benzing, Rudolf Himpsl und Philippe Ludwig gewählt.

Text: Maria Beilmann, Bernhard von Zech-Kleber

Kontakt
Leiterin: Isabel Küfer, M.A.
Referat IV/5: Journalistisches Förderprogramm für Stipendiaten (Uni/HAW), Internationale Studien (Uni), Medizin (Uni), Promotionskollegs, Fachforen
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