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Interview mit Islamexperte Dr. Marwan Abou Taam
Salafismus

"Lies!" Mit ihren Koranverteilungen in deutschen Innenstädten ist die radikale muslimische Sekte der "Salafisten" in den Blick der Öffentlichkeit getreten. Diese PR-Aktionen der islamistischen Menschenfänger wurden zwar mittlerweile gesetzlich verboten, doch befinden sich radikale Interpretationen des Islam nicht nur in Deutschland im Aufwind. Wie gefährlich ist der Salafismus für die Sicherheit in Deutschland und Europa? Der Islamexperte Dr. Marwan Abou Taam gibt Anworten.

 

 

Etereuti; HSS; Picture Bay

1.       Der Fall Al-Bakr, der sich im Umfeld des sogenannten „Islamischen Staates“ radikalisiert hat und sich in der Haft das Leben nahm, führte uns jüngst vor Augen, wie real die Gefahr islamistischer Radikalisierung auch in Deutschland ist. Das BKA stuft derzeit rund 500 Salafisten als potentiell gewalttätige „Gefährder“ ein. Wer sind diese Menschen?

 

Die Definitionen für die Kategorie „Gefährder“ wurde in Abstimmung mit den Länderpolizeien bundeseinheitlich festgelegt. Demnach ist ein Gefährder eine Person, bei der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten begehen wird, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO). Die  Bewertung  gefährdungsrelevanten  Personenpotenzials erfolgt nach Indikatoren, die im Verfassungsschutzverbund entwickelten wurden. Dazu gehören Hinweise auf gefährdungsrelevante Ankündigungen, Gruppenzugehörigkeit oder Vorbereitungshandlungen. Im islamistischen Milieu handelt es sich bei Gefährdern vor allem um Personen, die sehr stark der djihadistischen Szene zuneigen.

 2.       Nach Meinung vieler Experten liegen einem Großteil islamistischer Radikalisierung individuelle  biografische, soziale oder jugendtypische Probleme zugrunde. Welcher Faktor spielt eine besonders große Rolle?

 Es gibt viele Ursachen für Radikalisierung. Sie ist keine Frage des Geschlechts oder der sozialen Herkunft und kann in allen Ebenen der Gesellschaft stattfinden, unabhängig von wirtschaftlichen Gegebenheiten oder Schulabschlüssen. Obwohl Radikalisierung ein individueller Prozess ist, lassen sich zumindest bei den Fällen in Deutschland Ähnlichkeiten in der Biographie feststellen: Es handelt sich oft um Jugendliche mit Identitätsstörungen auf der Suche nach starken Gruppenerlebnissen und Lebenssinn. Im Kontext der Radikalisierung wird oft mit dem bisherigen sozialen Umfeld gebrochen. Die Loslösung von der Familie und dem bisherigen Freundeskreis findet parallel zur Einbindung in eine salafistische Gruppe statt. Das scheint typisch zu sein. Im Kampf gegen dieses Phänomen müssen die Sicherheitsbehörden einerseits alle rechtstaatlichen Mittel zur Durchsetzung von Recht und zur Abwendung von Gefahr effektiv einsetzen. Anderseits brauchen wir eine wirkungsvolle Prävention. Dies kann nur gemeinsam mit der Zivilgesellschaft gelingen: unter Einbindung von Muslimen!

 3.       Welche Rolle spielt der Salafismus innerhalb des Islam?

Salafismus ist kein neues Phänomen. Bereits im neunten Jahrhundert trat „Ahmad Ibn Hanbal“ mit der Forderung auf, die reine Textgläubigkeit zur religiösen Vorgabe zu machen. Dort, wo die Texte nicht offensichtlich genug  sind, sollen sie nach dem Verständnis der Salaf, der Altvorderen, ausgelegt  werden. Ibn Hanbals Einstellung war Ausdruck einer tiefen Abneigung gegen Philosophie, Logik und rationalen Verstand. Er sagte von sich selber: „Ich bin keine Person von Diskussion und Kalam (Theologie). Ich bin nur eine Person der Überlieferungen und Berichte.“ Der Salafismus ist eine mögliche, wenn auch radikale Interpretation der Suren des Koran. Allerdings ist die religiöse Basis, die auf Dogmen und buchstabengetreuer Textgläubigkeit aufbaut, unter Muslimen sehr umstritten. Die große Mehrheit der islamischen Diskurse lehnten bisweilen diese Formen der religiösen Begründung ab. Problematisch ist jedoch, dass Weltanschauung und Positionen des Salafismus durch exzessive Missionsarbeit als „wahrer Islam“ propagiert werden und sich zunehmend in den muslimischen Mainstream einschleichen.

 4.       Könnte die Förderung des theologisch-islamischen Lebens in Deutschland einen Beitrag zur Prävention religiöser Radikalisierung leisten?

Vielleicht! Wir müssen abwarten, wie sich die innerislamische Debatte in Deutschland entwickelt. Außerdem ist es noch nicht klar ob und wie die Diskurse an den theologischen Fakultäten in die muslimische Gemeinschaft hinein wirken. Dabei muss man bedenken, dass viele muslimische Gemeinden nach wie vor sowohl in politischen als auch in religiösen Fragen an ihren Herkunftsländern orientiert sind und auch von dort ihre theologische Autorität beziehen.

 5.       Wie gehen die Anbieter sozialer Medien bei diesem Thema mit ihrer Verantwortung um? Immerhin spielen Facebook & Co. als Mittel für die Rekrutierung und Umfeld zur Radikalisierung eine bedeutende Rolle. 

Hinsichtlich des Medienkonsums und des Umganges mit den sozialen Medien befinden wir uns alle in den Anfängen eines Lernprozesses. Dabei sind Abwägungsprozesse wichtig, die müssen sich jedoch grundsätzlich an dem freiheitlichen Charakter unserer Demokratie orientieren. Viele Anbieter entwickeln technische Mechanismen zur Erkennung radikaler Inhalte. Oft ist es jedoch so, dass die Medienplattformen eine Gratwanderung zwischen legitimer Löschung radikaler Inhalte und Meinungszensur vollziehen.

 6.       Sollte sich die Politik stärker für eine Regulierung des Internets und der sozialen Medien einsetzen?

Sicherlich gibt es Regulierungsbedarf, allerdings wird man das globale Internet nicht lokal regulieren können. Wir müssen daher eher die Medienkompetenz der jungen Menschen stärken. Gerade Jugendliche müssen wissen, welche Gefahren und welche Verführer in sozialen Netzwerken lauern können. Auch sollten wir versuchen, eine gesunde Grundskepsis bei geposteten Informationen aufzubauen. Diese Sensibilität kann immunisierend wirken.

 7.       Wie könnte die Prävention religiöser Radikalisierung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe konkret aussehen?

Deradikalisierung ist ein individueller Prozess, bei dem eine radikalisierte Person ihr Bekenntnis zu extremistischen Denk- und Handlungsweisen aufgibt und insbesondere die Befürwortung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele. Alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Personen oder Gruppen dazu zu bewegen, sich aus dem extremistischen Umfeld zu lösen, tragen zur Deradikalisierung bei. Besonders schön sind die Fälle, in denen junge Menschen für die Demokratie, für Toleranz, Respekt gegenüber Andersdenkenden und für einen gewaltlosen Umgang mit Konflikten zurück-gewonnen werden können. Diese Werte sind zentral für alle offenen Gesellschaften! Jungen Menschen muss klar sein, dass unsere Gesellschaft einen ausreichenden Rahmen für die Selbstentfaltung bietet und mit der Religion in keinem Konflikt steht. Es ist kein Widerspruch Muslim und Demokrat zu sein!Zur erfolgreichen Umsetzung von Deradikalisierungsmaßnahmen ist die Vernetzung aller Beteiligten, von Polizei, Jugendämtern bis zu den Migrationsbeauftragten eine wichtige Voraussetzung. Dies gilt ganz besonders für die Einbindung muslimischer Partner.

Dr. Marwan Abou Taam ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz und arbeitet im Bereich wissenschaftlicher Analyse, strategischer Auswertung, Konzeption und Fortbildungsmaßnahmen. Als Politologe und Islamwissenschaftler ist er zudem Assoziiertes Mitglied des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt Universität. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Regionalstudien des Nahen Ostens, Nordafrikas und der Golfregion, EU-Sicherheitspolitik, Migration und Innere Sicherheit, Islamischer Fundamentalismus sowie Salafismus und Neo-Salafismus.