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Beobachtungen im politischen Berlin
Vom Wandel der Öffentlichkeit

Snapchat und Instagram, Twitter und Facebook: Was jungen Menschen spielerisch und schnell annehmen, ist für etablierte Kräfte der „alten Öffentlichkeit“ oft eine Herausforderung. Im Bereich des Politischen verdichtet sich der kommunikative Wandel: Verlage, öffentliche Behörden und Parteien – alle versuchen und erfinden sich auf neue Art. Beobachtungen zum großen Umdenken anlässlich des HSS-Fachforums Medien 2016.

Gruppenfoto im Konrad-Adenauer-Haus mit einem Pappaufsteller von Konrad Adenauer

Gruppenfoto mit "Konrad Adenauer"

Isabel Küfer

„Wer auf andere Menschen wirken will, der muss mit ihrer Sprache sprechen.“ Es ist wahrscheinlich dieser Merksatz von Prof. Dieter Weirich, ehemaliger Intendant der Deutschen Welle, der als Regel der politischen Kommunikation gültig bleibt – abgesehen von vielem anderen in diesen Tagen. Sich dem hinzuwenden voller Neugier, zu fragen immerdar und nach den Auswirkungen zu heischen, die der Wandel der Öffentlichkeit mit sich bringt, das war es, was 22 Stipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung vom 22. bis 24. August 2016 nach Berlin brachte: als Teilnehmer des Fachforums Medien zur Politischen Kommunikation.

Sascha Klettke, Chef vom Dienst beim Tagesspiegel

Sascha Klettke, Chef vom Dienst beim Tagesspiegel

Isabel Küfer

Dass Verlage in Zeiten der Digitalisierung um ihre Geschäftsmodelle ringen, ist keine Neuigkeit. Weit interessanter ist es jedoch zu beobachten, welche Antworten sie sich darauf zusammenreimen – ganz konkret und jeder Verlag für sich genommen. Der interessierten Öffentlichkeit bekannt ist, dass der Axel Springer Verlag in seiner Branche deutschlandweit Vorreiter ist beim digitalen Umbau. Weit weniger bekannt ist, wie sich der Tagesspiegel Verlag für die Zukunft positioniert. Auf die Ausdifferenzierung und komplexe Verfachlichung des politischen Sektors reagiert der Verlag seit einiger Zeit synchron – mit Spezialisierung. In dieser Linie präsentierte Sascha Klettke, Chef vom Dienst beim Tagesspiegel, den Stipendiaten zwei Ergänzungen von dessen Produktpalette: Politikmonitoring und Causa. Neben dem Forum Causa, einer internetbasierten Plattform für politische Fachdebatten, will der Verlag vor allem mit dem Politikmonitoring punkten. „Monitoring“ ist dabei mit einer Beobachtung bzw. Überwachung des politischen Sektors wörtlich zu nehmen. Die Redaktion pickt sich die besonders regulierungsintensiven Politikbereiche heraus, das heißt: Gesundheit, Verkehr, Netz und Energie; listet akribisch deren Gesetzesentwicklungen auf und ordnet sie ein. Nachvollziehbar, dass der politisch interessierte Laie sich für ein derartiges Angebot kaum interessiert; Kunden sind daher vor allem Verbände, Kanzleien und große Redaktionen – bei einem monatlichem Abopreis von 270 Euro.

Chris Melzer führt durch den dpa-Newsroom

Chris Melzer führt durch den dpa-Newsroom

Isabel Küfer

Am zweiten Tag im Berliner Regierungsviertel statteten die Stipendiaten der Medieninstanz einen Besuch ab, die auf Nachrichtenebene wie keine andere die Haushalte in Deutschland prägt: Die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Ihr Geschäft ist schnell, präzise, pausenlos, im Ganzen wichtig, wertungslos und zuliefernd. Als Genossenschaft bilden ihre Gesellschafter einen Querschnitt durch die deutsche Medienbranche ab. Was passieren würde, wenn Gesellschafter sich zum Austritt entschieden? „Das Schiff würde schwimmfähig bleiben“, versichert Chris Melzer, Leiter der Presseabteilung bei der dpa. Denn die Gesellschafter der dpa – gleichzeitig ihre Kunden – sind mit derzeit 185 sehr viele und keiner von ihnen hält mehr Anteile als 1,5 Prozent. Die Mehrheit der Kunden stellen nach wie vor Regionalzeitungen dar. Wie ihnen die dpa rät, dem medialen Wandel beizukommen? „Wir sagen ihnen seit Jahren: Konzentriert euch auf das, was ihr könnt“, macht Melzer die Haltung der dpa deutlich, in den meisten Fällen sei das die lokale Berichterstattung. Dass die Schnelligkeit den Redakteuren der dpa im Wesen liegt, sichteten die 22 Stipendiaten bei einem Gang durch den weitläufigen dpa-Newsroom, viertes Obergeschoss, Berlin, Markgrafenstraße 20. „Die Kampfkraft des Newsrooms ist grandios“, gab Melzer den Besuchern noch stolz mit.

Portrait von Georg Streiter

Georg Streiter, einer von drei Sprechern der aktuellen Bundesregierung

Isabel Küfer

Anschließend hatten die Fachforumssprecher Philipp Hirsch und Thomas Klotz ein Gespräch mit dem für den Titel der Veranstaltung wohl interessantesten Referenten organisiert: Georg Streiter, neben Steffen Seibert einer von drei Sprechern der aktuellen Bundesregierung. Als gelernter Journalist ein alter Gardist des Print, gelangte er mit dem Aufstieg Philipp Röslers zum Vorsitzenden in der FDP in diese Position. Nach dem Regierungswechsel 2013 konnte er sie verteidigen und ist als Regierungssprecher – jede Regierungspartei stellt einen Sprecher – nun der CSU zugeordnet. „Wir sind immer damit konfrontiert, dass über Dinge gesprochen wird, die noch nicht druckreif sind“, beschreibt er seine Herausforderung, die ihn turnusmäßig unter den goldgelben Lettern der Bundespressekonferenz sitzen lässt. Wichtig ist ihm zu vermitteln, dass dieses weitbekannte und fernsehtaugliche Format ursprünglich einem heute oft nicht bekannten Zweck diente: dem Informationsaustausch von Journalisten für Journalisten. Die Bundespressekonferenz ist nämlich eine Vereinsgründung von Journalisten, Politiker und Regierungssprecher sind hier nur Gäste. Das zu karikieren und mit den Konventionen zwischen Journalisten und Bundespresseamt zu brechen schaffe insbesondere der Blogger Thilo Jung. „Es wird heute nicht mehr eingeräumt, dass es in der Politik Entwicklungen gibt. Es wird von Politikern und uns heute immer gefordert alles sofort zu beantworten“, beklagt er die Auswirkungen, die dessen Informationspraxis befördere. Auch über seine persönlichen Schwierigkeiten mit dem Amt berichtet Streiter, etwa als redseliger Mensch so wenig sagen zu können: „Stumpf ist Trumpf“, lächelte er zum Ende des Gespräches in die versammelte Runde.

Foto vor einem Wahlplakat der Bundestagswahl 2013

Das sprechende Plakat war eines der Highlights im Bundestagswahlkampf 2013

Isabel Küfer

Der letzte Gesprächstermin am zweiten Tag fand dann nahe dem Berliner Tiergarten statt – in der architektonischen „Schiffsbaute“ und Bundesparteizentrale der CDU. Nach einer Führung durch das Haus und einem Vortrag zur Veränderung der CDU-Wahlplakate seit den Anfängen der Bonner Republik vertieften die HSS-Studenten Hintergründe zu Wahlkampfarbeit mit vielen Fragen bei Alexander Gruber, Teamleiter der Kampagnenplanung der CDU Deutschland. Wie funktioniert die Abstimmung in der Union, wenn man mit der CSU eine Schwesterpartei hat? Was ist der Weg, den ein Wahlkampfplakat vom ersten Vorschlag bis zur Plakatierung nimmt? Welche Themen werden im anstehenden Bundestagswahlkampf dominieren? Eignet sich Social Media eigentlich als Instrument des Dialogs mit Wählern?

Mit dem Abschlusstag des Fachforums hatten die Stipendiaten noch eine besondere Aufgabe zu meistern: In Anlehnung an die Theorie zum politischen Journalismus in der Hauptstadt schlüpften sie selbst in die Rolle von Journalisten. Im Workshop „Die K-Frage: Krise, Kommunikation, Kairos“ simulierte der eingangs erwähnte Prof. Dieter Weirich, Medienexperte und ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter, eine Bundespressekonferenz. Seine Imitation Seehofers, dem die Stipendiaten Fragen zu stellen hatten, beeindruckte auf der ganzen Linie: Volksnah taktierend, keck, aber freundlich, redselig, doch manchmal wortkarg, pointiert im Urteil und ausschweifend in der Sache. Damit verwies Weirich mit seinem Schauspiel auf eine Formel, deren Einhaltung nach ihm auch in Zukunft Aufmerksamkeit garantiere: Eine Kommunikation, die eng an der Wahrheit, gehaltvoll im Inhalt und konzentriert in der Botschaft bleibe – ungeachtet der wachsenden Anzahl an Stimmen im Orchester der Öffentlichkeit.

Philipp Ulrich Abele

Kontakt
Leiterin: Isabel Küfer, M.A.
Referat IV/5: Journalistisches Förderprogramm für Stipendiaten (Uni/HAW), Internationale Studien (Uni), Medizin (Uni), Promotionskollegs, Fachforen
Leiterin:  Isabel Küfer, M.A.
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