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Flächendruck in Bayern
Wie drei Regionen Fläche sparen

Ersteller: Silke Franke

Zwischen 2000 und 2015 hat die Versiegelung im Jahr um mehr als die halbe Fläche des Chiemsees zugenommen (44,7qkm). Die einen fordern strikte Begrenzung, was in die Planungshoheit der Gemeinden eingreift. Die anderen setzen auf Zusammenarbeit zwischen Kommunen. Wir berichten über drei Initiativen, bei denen sich Gemeinden zusammenschließen und dem Flächenfraß begegnen.


Mehrere Bagger graben am Rand eines Waldgebiets in der Erde.

Jedes Jahr werden rund 36 Quadratkilometer (km2) Freifläche in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt. (https://www.stmuv.bayern.de/themen/boden/flaechensparen/daten.htm)

paulbr75; CC0; pixabay

Fläche ist eine begrenzte Ressource

Bayern hat als erstes Bundesland anhand von Satellitenbildern detailliert untersuchen lassen, wie hoch der Anteil der versiegelten Fläche in den bayerischen Städten und Gemeinden, Landkreisen und Regionen tatsächlich ist. Demnach waren die Siedlungs- und Verkehrsflächen im Freistaat im Jahr 2000 zu rund 47% versiegelt, im Jahr 2015 mit gut 4.200 qkm zu rund 51%.

Die Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie fordert, dass der Flächenverbrauch bis 2030 auf unter 30 ha pro Tag begrenzt wird.

Flächenverbrauchsbericht (Bayerisches Umweltministerium)

Ökoflächenkataster (LfU - Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Erhebung der Bodenversiegelung (LfU - Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Was umgangssprachlich als „Flächenverbrauch“ bezeichnet wird, heißt korrekt eigentlich Flächeninanspruchnahme  durch Nutzungswechsel. Es handelt sich also um die Umwandlung (eine Fläche erhält einen anderen Nutzungszweck)  insbesondere von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen (SuV). Dazu gehören auch unbebaute und nicht versiegelte Böden, wie Gärten, Grünanlagen, Sportplätze oder Friedhöfe. Flächenverbrauch ist daher nicht unbedingt mit Versiegelung gleichzusetzen.

Flächenverbrauch: Ursachen und Folgen

Gründe

Die Gründe für den Flächenverbrauch liegen im Wirtschaftswachstum und der konjunkturell bedingten regen Bautätigkeit, dem Bevölkerungswachstum und dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Es gibt in Bayern einen ungedeckten Bedarf an Wohnungen und Nachfrage nach Gewerbegebieten. Und es gilt das Ziel der „gleichwertigen Lebensbedingungen in allen Landesteilen“, das nicht nur den Ballungsräumen, sondern auch anderen Regionen eine Entwicklung zugesteht. Allerdings ist auch zu beobachten, dass sich die Dimensionen auch geändert haben,  man denke da nur an die gestiegenen Ansprüche bei den Wohnungsgrößen, an den Flächenbedarf von Logistikhallen  oder die aktuellen Standards bei Neubauvorhaben in der Verkehrsinfrastruktur, ob Landwirtschaftsweg oder Bundesstraße. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Wechselwirkungen von Entwicklungen: Neue Wohngebiete erzeugen Flächenbedarfe für die Verkehrsanbindung; entlang von Verkehrsachsen entstehen bevorzugt neue Gewerbegebiete. Ein weiterer Faktor liegt in der oft wachstumsorientierten Angebotsplanung  von Gemeinden, die Flächen ausweisen, um Familien und Gewerbe anzulocken.

Folgen

Zum Teil kommt es bei den Entwicklungen zu einem sogenannten „Donut-Effekt“: Während im Außenbereich auf der grünen Wiese Neubaugebiete entstehen, fehlt es an Investitionen im Ortskern – sichtbar an leerstehenden Wohnungen und Geschäften oder an Gebäuden mit Sanierungs- und Modernisierungsbedarf.

Weitere Folgen des Flächenverbrauchs

  • Bodenversiegelung, und Landschaftszerschneidung und damit Beeinträchtigung der so genannten „Ökosystemleistungen“, wie z.B. Klimaregulierung, Grundwasserneubildung, Hochwasserschutz, und der Biodiversität

  • Allgemeine Umweltbelastungen wie Lärm und Luftverschmutzung sowie Verlust an naturnahen Flächen und damit Beeinträchtigung der Umfeldqualität bzw. Lebensqualität der Bewohner

  • Verlust an Flächen für die Landwirtschaft und damit u.a. für die Nahrungsmittelproduktion

Was können Kommunen tun? Ehe neue Flächen ausgewiesen werden, sollte geprüft werden, ob hier überhaupt ein  entsprechender Bedarf vorliegt und ob dieser nicht zunächst im Innenbereich gedeckt werden kann, etwa Baulücken, Brachflächen, Konversionsflächen, Leerstände. Es gilt das Prinzip: „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“.  Für Kommunen werden dabei Hilfsmittel bereitgestellt :

FolgekostenSchätzer (LfU)
Welche Folgekosten wären mit der Ausweisung eines neuen Baugebiets verbunden, z.B. für die Vorhaltung weiterer Infrastrukturen und Grünflächen?

Flächenmanagement-Datenbank (LfU
Mithilfe der Datenbank lassen sich Flächen, die potenziell neu bebaut werden können, erfassen und verwalten. Dazu gehören Baulücken und Brachflächen, aber auch Leerstände und Althofstellen.

Vitalitäts-Check (Landwirtschaftsministerium)
Der Vitalitäts-Check ist ein datenbankgestütztes Analyseinstrument zur Innenentwicklung für Dörfer und Gemeinden, mit dem die bauliche, funktionale und soziale Situation erfasst wird)

Projektbeispiele für Innenentwicklung 
Infoportal Ländlicher Raum und Landentwicklung
Projekten der Städtebauförderung

Auch über die interkommunale Zusammenarbeit benachbarter Gemeinden können Flächen effektiver genutzt werden. Als Pionier- und Modellprojekt gilt hier z.B. die
Integrierte Ländliche Entwicklung „Oberes Werntal“.

Ein Weg ist durch Metallabsperrungen für Fahrzeuge gesperrt.

Es ist eine Herausforderung, den Mittelweg zwischen freiwilligen Maßnahmen und genormten Begrenzungen zu finden.

TaniaVdB; CC0; Pixabay

Strikte Begrenzung des „Flächenfraßes“?

Das Bayerische Landesentwicklungsprogramm (LEP) greift das Thema explizit in Kapitel 3 auf, etwa durch die Grundsätze zum  3.1. Flächensparen“,  dem Ziel „3.2. Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ und den Ausführungen zur „3.3. Vermeidung von Zersiedlung".

Auch wenn der Flächenverbrauch in Bayern unter dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt, sind manchen die Formulierungen im LEP noch zu weich, wodurch aktuell eine rege Diskussion um schärfere  Begrenzungsinstrumente entfacht wurde. Ein Vorschlag sieht vor, in das Bayerische Landesplanungsgesetz eine Regelung aufzunehmen, die den Flächenverbrauch bis zum Jahr 2020 auf höchstens 4,7 ha/Tag festschreibt. Ergänzend soll ein Handelssystem mit Flächenausweisungsrechten eingeführt werden.
Für die Gemeinden wäre dies allerdings ein radikaler Eingriff in ihre Planungshoheit, einen sehr wichtigen Kernbereich des kommunalen Selbstverwaltungsrechts (Art. 28 GG, 11 Bayerische Verfassung) und würde sich auf bereits bestehende Planungen auswirken.
Außerdem geben sie zu bedenken, dass nicht allein Kommunen Flächen benötigen. Auch für überregional bedeutsame Infrastrukturen, wie z.B. ICE-Trassen werden dauerhaft Flächen „verbraucht“, was das Kontingent mindert(1). Zu berücksichtigen ist auch, dass die Verknappung der Fläche zu Preissteigerungen und damit höheren Wohnkosten führen würde.

Der Bayerische Gemeindetag hat daher eine eigene Position erarbeitet. So ließen sich durch einige wenige Ergänzungen und Änderungen im Baurecht seiner Meinung nach mehr Praxisnähe und Durchschlagskraft v.a. für die Innentwicklung erzielen (siehe Papier „Minderung der Flächeninanspruchnahme“ vom 14. Februar 2018).

Wie sollen zwischen freiwilligen Maßnahmen und Anreizen auf der einen, und strengen Vorgaben und Obergrenzen auf der anderen Seite die richtigen Weichen gestellt werden? Der Umweltausschuss des Bayerischen Landtags hat jüngst Experten zu einer Anhörung eingeladen, um sich über mögliche Instrumente zum Flächensparen zu informieren.

Vom Flächenbilanzcheck und Flächenfonds über Interkommunale Zusammenarbeit und Flächenmanagern bis hin zu einer Versiegelungsabgabe und einer Reform der Gemeindefinanzen – die Ideen waren zahlreich, genauso wie die Pro- und Contra-Argumente. Das Thema bleibt also aktuell.

Es gibt bereits Initiativen, die zeigen, wie sich Akteure mit dem Problem des Flächendrucks und dem Ziel, mit dem Flächenverbrauch sparsam umzugehen, auseinandersetzen. Wir stellen drei Beispiele vor:

Die Einbindung von Bürgern ist ein Pluspunkt.

©Landratsamt Fürstenfeldbruck

1. Landkreis Fürstenfeldbruck: Räumliche Entwicklungsstrategie

Anlass und Vorgehen

Die positive wirtschaftliche Entwicklung und Attraktivität der Landeshauptstadt München stellt die die ganze Region vor Herausforderungen. Wie sollen die umliegenden Kommunen in der Region mit dem wachsenden Siedlungs- und Erholungsdruck und dem ständig steigenden Verkehrsaufkommen umgehen? Wie können sie gleichzeitig Kulturlandschaften schützen und auch Belange der Landwirtschaft berücksichtigen?

Im Landkreises Fürstenfeldbruck haben sich 16 Gemeinden und Städte zusammengeschlossen, um mit dem Landkreis eine gemeinsame Strategie für die weitere räumliche Entwicklung zu erarbeiten(2)(3) (Räumliche Entwicklungsstrategie, RES). Dabei wurden sie von externen Planungsbüros unterstützt. Als Pilotprojekt des Förderprogramms „Förderung von modellhaften Planungen und Untersuchungen“ erhielten sie Zuschüsse von der Obersten Baubehörde.
Im Zeitraum von Oktober 2015 bis Februar 2017 haben sich jeweils die Gruppen „Politik und Verwaltung“ und „Öffentlichkeit“ in mehreren Workshop-Runden Grundlagen und alternative Zukunftsvorstellungen erörtert und schließlich eine Strategie und Umsetzungsmöglichkeiten erarbeitet, die sieben Themenfelder betraf:

  • Landkreis innerhalb der Region positionieren

  • Landschaftsräume sichern und gebietstypisch weiterentwickeln

  • Naherholung aktivieren und aufwerten

  • Mobilität ortsverträglich gestalten

  • Vielfalt an Wohnformen schaffen

  • Landkreis als Wirtschaftsstandort fördern

  • Ortsbilder mit ihren Besonderheiten stärken

Baum steht auf Weide im Sommer. Im Hintergrund die Alpen und ein Zwiebelturm mit Häusern.

Die Beteiligten legen im ersten Schritt fest, welche Flächen unberührt bleiben sollen.

Silke Franke; HSS

Von der Landschaft her denken

„Dies war ein durchaus langwieriger Prozess mit kontroversen Diskussionen, nicht nur mit den Planern, sondern auch mit den Bürgern“, wie Dr. Michael Schanderl, erster Bürgermeister der Gemeinde Emmering, berichtet.. Ein Prozess, der interessante Ansätze hervorgebracht hat. Neu dabei ist das „Denken von der Landschaft her“. Statt lediglich zu überlegen, wo es überall Flächen für eine weitere Siedlungsausdehnung gibt, hat man im Gegenteil zunächst „Tabuzonen“ definiert, darunter die ohnehin geschützten Landschaftsbestandteile, aber auch identitätsstiftende Landschaftsbilder und die für Naturschutz und Naherholung wichtigen Grünvernetzungen. Nur die verbleibenden Bereiche werden als „Optionsflächen“ dargestellt und für die zukünftige Siedlungsentwicklung herangezogen. Aus den dargestellten Potenzialflächen kann jede Gemeinde entsprechend dem Bedarf eine Auswahl treffen und Flächen entwickeln. In den vorausgegangenen zehn Jahren hatten die Orte im Schnitt ein jährliches Wachstum von 1 % verzeichnet, das sind ca. 2.000 Einwohner pro Jahr. Diese Größenordnung wird auch weiterhin als verträglich angesehen. Somit haben sich die Beteiligten selbst einen qualitativen und quantitativen Rahmen für die weitere Entwicklung gesetzt.

Verbindlichkeit

Wie verbindlich ist diese Rahmensetzung? Im Abschlussbericht steht vorsichtig: „Die Räumliche Entwicklungsstrategie dient als informeller Handlungsleitfaden, der die politische Entscheidungsfindung im Bereich der Siedlungsentwicklung, der Freiraumentwicklung, der Entwicklung von Arbeitsplätzen und der Mobilität unterstützen kann. Die RES könnte auch zur Grundlage einer verbindlicheren interkommunalen Vereinbarung werden, wenn man sich darauf verständigt“.

Fakt ist: Der Landkreis ist mit einem stark urbanisierten östlichen Teil und einem noch sehr ländlich und landwirtschaftlich geprägten westlichen Teil unterschiedlich strukturiert, entsprechend unterschiedlich sind auch die Motive der einzelnen Gemeinden. Eine gewisse Verbindlichkeit ergibt sich schlichtweg aus der Tatsache, dass das Strategiepapier „auf dem Tisch“ ist und daran zahlreiche Menschen mitgewirkt haben. Da die RES in Eigeninitiative erarbeitet wurde, ergibt sich daraus auch eine größere Selbstverpflichtung.

Für Bürgermeister Schanderl hat das übergemeindliche Vorgehen weitere Vorteile. „Ein gemeinsam abgestimmtes Konzept bietet den Gemeinderäten eine klare Orientierung und ermöglicht ihnen, sich nach außen klug zu positionieren. Der gemeinsame Weg ist auch kostengünstiger als jeweils eigene Konzepte und Prozesse im Alleingang anzugehen. Der Wissenstransfer und die Einbindung von weiteren Akteuren und Bürgern zählen ebenfalls zu den Pluspunkten“, lautet sein Fazit.

Wichtige Schritte zur Aktivierung von ungenutzten Potenzialen in Gemeinden durch „Innenentwicklungs-Lotsen“: Nach der Auswertung der Flächen-Datenbanken folgt die Eigentümeransprache, die Tipps für die Vermarktung gibt.

©Landkreis Donau-Ries

2. Landkreis Donau-Ries: Innenentwicklungs-Lotsen

Ein Schlüssel für das Flächensparen ist der Grundsatz „Innen- vor Außenentwicklung“. Das bedeutet: Ehe neue Bauvorhaben auf der „grünen Wiese“ umgesetzt werden, gilt es zu prüfen, welche Potenziale im Innerortsbereich genutzt werden könnten, etwa Brachflächen oder Leerstände. 

Genau dies unterstütz der Landkreis Donau-Ries mit verschiedenen Service-Leistungen, die über das Konversionsmanagement angeboten und durch das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat gefördert werden.

Konversionsmanagerin Barbara Wunder erklärt: „2014 haben sich sechs Gemeinden an dem Pilotprojekt beteiligt, inzwischen sind es 27. Dies zeigt, dass das Projekt ankommt und viele Bürgermeister für dieses Thema sensibilisiert sind.“

Für den Erfolg spielt das offensive Vorgehen des Landkreises eine große Rolle. Über die Initiierung hinaus ist das laufende, begleitende Projektmanagement eine große Entlastung für die Gemeinden. So erhalten sie immer wieder neue Ideen, fachliche Impulse für die Innenentwicklung und Leitfäden für weitere Schritte im kommunalen Flächenmanagement. Den Gemeinden und Bauherren stehen Infomappen und Werbematerial sowie eine Checkliste und eine detaillierte Arbeitshilfe zur Verfügung(4).

Darüber hinaus erhalten die zuständigen Mitarbeiter der Gemeinden Schulungen – meist Mitarbeiter von Verwaltung und Bauamt oder die Amtsleiter und Bürgermeister selbst. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit den Flächen-Datenbanken. Ein weiteres interessantes Projekt ist die Schulung als „Innenentwicklungs-Lotsen“, die folgende Aufgaben wahrnehmen:

  • Beratung von Eigentümern sowie Interessenten und Bauwilligen

  • Begleitung bei der Umsetzung ihrer Projekte (Infos über Beratungs- und Genehmigungsabläufe, Kontakt zu wichtigen Anlaufstellen und Ansprechpartnern wie Landratsamt, Architekten, Handwerkern)

  • Sensibilisierung unterschiedlicher Zielgruppen zur Innenentwicklung

Ein wesentlicher Bestandteil ist die begleitende Öffentlichkeitsarbeit, die ebenfalls das Konversionsmanagement übernimmt.

Der überwiegende Teil der Baulücken und Leerstände liegt in Gebieten, in denen es bereits Bebauungspläne gibt. Planungs- und baurechtliche Schritte sind also nicht erforderlich, um das Potenzial dieser Flächen zu heben. Allerdings befinden sie sich in der Regel im Privateigentum.

„Die gezielte Ansprache der Eigentümer und eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit parallel dazu sind die wichtigsten Bausteine einer aktiven Innenentwicklungsstrategie“, so Wunder, die dabei auf positive Erfahrungen verweisen kann: „Im Zeitraum 2015/2016 haben vier Modellgemeinden eine systematische Eigentümerbefragung bei Baulücken durchgeführt. Die Rücklaufquote lag bei Werten zwischen 54 und 65 Prozent - das sind sehr gute Werte“.

Als weiterer ganz konkreter Erfolg konnten in drei Gemeinden über 40 Leerstände und Brachflächen ermittelt werden, von denen inzwischen 35 verkauft wurden. Wunder freut sich über den Erfolg: „Damit haben wir ein großes Baugebiet im Landkreis Donau-Ries eingespart!“

Geteerte Straße verläuft durch eine Wiesenlandschaft. Im Hintergrund sind einzelne Häuser zu sehen.

„Nur bestens erschlossene Wiesen?“

©ILE Wirtschaftsband A9, Umsetzungsmanagement

3. Fränkische Schweiz: Gewerbeflächenmanagement

Im „Wirtschaftsband A 9 Fränkische Schweiz“ kooperieren seit 2006 insgesamt 18 Gemeinden aus zwei Landkreisen im Rahmen der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE), die vom Amt für Ländliche Entwicklung fachlich und finanziell unterstützt wird. Die Bundesautobahn A 9 führt fast mittig durch das Gebiet und war neben dem Naturraum »Fränkische Schweiz« Namensgeber für den interkommunalen Zusammenschluss(5) .

Problem: „Bestens erschlossene Wiesen“

Die Nachfrage nach Gewerbeflächen wegen der Nähe zur Autobahn ist vorhanden. Doch Angebot und Nachfrage passten oft nicht zusammen, wie Umsetzungsmanager Michael Breitenfelder berichtet. So waren in manchen Gemeinden die attraktiven Flächen bereits erschöpft, während andere Gemeinden an eher problematischen Standorten Flächen ausgewiesen hatten. Breitenfelder sieht dies kritisch: „Die Gefahr ist, dass das dann bestens erschlossene Wiesen sind – aber ohne Konzepte und Rendite“.

Neben den steigenden Kosten der Gewerbeflächenentwicklung ist auch der ungebremste Flächenverbrauch kritisch zu sehen.

So entstand die Idee, ein gemeinsames Gewerbeflächenmanagement zu betreiben.

Umsetzungsmanager Michael Breitengfelder führt weiter aus: „Die meisten interkommunalen Gewerbegebiete werden allerdings an der gemeinsamen Gemeindegrenze realisiert, d.h. als Neuerschließung auf der grünen Wiese. Wir wollten einen neuen Weg gehen und ein Modellprojekt starten“. Dabei erhielten sie Zuschüsse von der Obersten Baubehörde.

Idee: Ein gemeinsamer Flächen-Pool

Die sich beteiligenden Gemeinden bringen ihre Gewerbeflächen und Ausgleichsflächen in einen virtuellen Flächen-Pool ein, der gemeinsam vermarktet wird. Dafür erhalten sie Pool-Anteile.

Zunächst galt es, die Idee mithilfe externer Experten konzeptionell auszuarbeiten, von 2009 bis 2011. Zusätzlich wurde ein Beirat ins Leben gerufen, der das Projekt fachlich begleitete, darunter z.B. Vertreter der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer, der Regierung von Oberfranken, der beiden Landratsämter und Wissenschaftler.

So vorbereitet, wurde schließlich das Gewerbeflächenpotenzial analysiert und anhand einer Matrix bewertet. Die Matrix berücksichtigte z.B. die Anbindung an Infrastruktur oder die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes. Die Bewertung erfolgt durch eine Bewertungskommission, u.a. Vertreter der Regierung von Oberfranken, der Unteren und Höheren Naturschutzbehörde und der Sparkassen. 

An dem Gewerbeflächenpool beteiligten sich von den 18 Mitgliedsgemeinden des Wirtschaftsbandes A9 schließlich fünf Städte und Gemeinden. Als Rechtsform wurde das Kommunalunternehmen AöR gewählt, das 2011 gegründet wurde.

Funktionsweise des Pools

  • Die Kommunen bringen ihre Gewerbeflächen in einen gemeinsamen Pool ein. Dabei handelt es sich um den Bestand, nicht um Neuausweisungen.

  • Aus der Wertigkeit der Flächen ergibt sich der Anteil jeder Kommune am Pool

  • Die Poolflächen werden über eine Vermarktungsagentur vermarktet. Dabei bleibt jede Gemeinde „Herr“ ihrer Flächen, es gibt also kein „Preisdiktat“.

  • Über das interkommunale Kompensationsmanagement können den Investoren die notwendigen Ausgleichsflächen gleich mit angeboten werden.

  • Die eingenommene Gewerbesteuer wird entsprechend der Poolanteile auf die Gemeinden aufgeteilt. Diese Aufteilung wird in einer separaten Zweckvereinbarung geregelt.

  • Die Finanzierung der Vermarktungsaktivitäten erfolgt über Anteile aus den Flächenverkäufen und einen Vermarktungskostenbeitrag

Ermittlung der frei verfügbaren Gewerbeflächen

©ILE Wirtschaftsband A9, Umsetzungsmanagement

Die „Pool-Anteile“ sind Grundlage für die Verteilung möglicher Verkaufserlöse und weitere Einnahmen an die Mitgliedsgemeinden – und zwar unabhängig von der konkreten Standortwahl potenzieller Investoren im ILE-Gebiet. Kleine Gemeinden, teilweise ohne eigene gewerbliche Entwicklungsmöglichkeiten, profitieren so von der wirtschaftlichen Entwicklung der Gesamtregion. Darüber hinaus wird eine Reduzierung des Flächenverbrauchs durch die Vermeidung überdimensionierter Gewerbegebietsausweisungen erreicht(6).

Folien- zum Gewerbeflächenpool A9 siehe hier

Diese drei Konzepte zeigen jeweils eigene, kreative wie überzeugende Wege, dem Flächendruck zu begegnen. Ihnen gemeinsam ist das interkommunale Vorgehen: Es erleichtert die Erfassung der notwendigen Daten und Basisinformationen sowie den Zugang zu Fördergeldern und Hilfsmitteln.
Darüber hinaus ist es ein Verdienst all jener, die sich auf solche Formen der Zusammenarbeit einlassen. Denn sie versuchen mit Weitblick Entwicklungen aufeinander abzustimmen und sich dabei selbst Ziele wie auch Grenzen zu setzen. Da keine Gemeinde dabei auf sich alleine gestellt ist, stärkt das ihre Position, wenn es z.B. darum geht, mit Privateigentümern oder Wirtschaftsvertretern zu verhandeln. Diese Beispiele könnten wegweisend auch für weitere Initiativen und interkommunale Zusammenarbeit sein.

Die Analyse zum Download

[1] So die Argumentation des Gemeindetags. Im Planspiel Flächenhandel, einem F+E Vorhaben im Auftrag des Umweltbundesamtes, kann man testen, wie viele Zertifikate für di Ausweisung von Flächen im Außenbereich eine einzelne Gemeinde entsprechend dem Deutschen Nachhaltigkeitsziel von 30 ha/ Tag bekommen würde: http://www.flaechenhandel.de/

[2] PPT-Folien siehe hier: https://www.metropolregion-muenchen.eu/fileadmin/user_upload/2014_Webseite_neu/07_Verein_Projekte/Projekte/Metropolkonferenz/Metropolkonferenz_2017_Dr._Schanderl.pdf

[3] Weitere Informationen unter http://www.lra-ffb.de/lra/bau/klimaschutz/struktur-home.shtml   
Schlussbericht siehe hier http://www.lra-ffb.de/pdf/Klimaschutz/SuPa/170208_ffb_abschlussbericht.pdf

[4] Download hier www.donauries.bayern/wohnen

[5] In der ILE wurden auch weitere Projekte angegangen, etwa die Wirtschafts- und Juniorakademie (Unterstützungsangebote für Schüler beim Übergang ins Berufsleben), der Ausbau des Radwege- und Kernwegenetzes, Erstellung eines Energiekonzeptes oder das Kompensationsflächenmanagement. Weitere Informationen hier: http://wirtschaftsbanda9.de/

[6] Siehe Manfred Thümmler/Lothar Winkler: Integrierte Ländliche Entwicklung in der Praxis – am Beispiel der ILE Wirtschaftsband A9 –Fränkische Schweiz. In DVW-Mitteilungen 2011/3

Die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung lädt regelmäßig zu einem Runden Tisch „Flächendruck“ ein. Zu den Experten gehören Wissenschaftler, Abgeordnete, Kommunalpolitiker und Vertreter aus den Ämtern und Fachbehörden. Neben dem Informationsaustausch geht es um die Analyse der bestehenden Instrumente und die Suche nach neuen Wegen, dem Flächendruck zu begegnen. Die Gesamtherausforderung wird kurz dar- und Modelle vorgestellt, wie der Flächenverbrauch vermindert werden könnte. Drei Beispiele könnten den Weg weisen: Die räumliche Entwicklungsstrategie des Landkreises Fürstenfeldbruck, die Innenentwicklungslotsen des Landkreises Donau-Ries und das Gewerbeflächen-management in der Fränkischen Schweiz.

Kontakt
Leiterin: Silke Franke
Referat II/6: Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
Leiterin:  Silke Franke
Telefon: 089 1258-226
Fax: 089 1258-469
E-Mail: franke@hss.de