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Integration erneuerbarer Energien in Europa
Wie geht es weiter?

Autor: Angela Ostlender

Die Produktion von umweltfreundlichen Energien ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Welche Weichen müssen heute gestellt werden, um auch zukünftig Preisstabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten?

Die Europäische Kommission hat Ende 2016 mit ihrem sogenannten Winterpaket einen Vorschlag vorgelegt, der erstmals die Grundlagen einer europäischen Energie- und Klimaschutzpolitik etabliert. Bis zum Jahr 2030 wollen die EU-Mitgliedstaaten demnach ihre Treibhausgasemissionen um mindestens 40 % reduzieren. Hierzu wollen sie die Produktion von umweltfreundlicher Energie weiter vorantreiben und bis zum Jahre 2030 einen Anteil von 35% erreichen.

Ferber steht mit fröhlicher Krawatte und lächelnd auf dem Podium und gestikuliert dem Publikum zu.

„Sind wir in der Zukunft selbst in der Lage, unsere Energieversorgung im Rahmen von Wertschöpfungsketten sicherzustellen oder wollen wir abhängig sein von mitunter instabilen Regionen?“ (Markus Ferber, MdEP, stellv. Vorsitzender Ausschuss für Wirtschaft und Währung, stellv. Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung)

Wagner; HSS

Das magische Dreieck der Energiepolitik

Markus Ferber, stv. Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und Mitglied des Europäischen Parlaments, gab einleitend einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung der europäischen Energiepolitik, die auch mit dem „Winterpaket“  noch nicht abgeschlossen ist. „Wer heute nichts tut, lebt morgen wie gestern“, erklärte der CSU-Europapolitiker. „Europa kann auf vielfältige Möglichkeiten bei der Energiegewinnung zurückgreifen, die die Natur zur Verfügung stellt. Die Politik steht in der Verantwortung, sich mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen.“

Das magische Dreieck der Energiepolitik bestehe aus Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Verfügbarkeit. Viele Regionen setzten aktuell auf den Schwerpunkt Nachhaltigkeit, die anderen Seiten dürften jedoch nicht zu kurz kommen, warnte der Experte für Witschafts- und Währungspolitik.

Man mit zurückhaltender Krawatte am Rednerpult. Spricht überzeugt.

Steigende Relevanz von digitaler Vernetzung und Steuerung auch im Strommarkt (Stefan Küppers, Vorsitzender des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im VDE)

Wagner; HSS

Herausforderungen umweltfreundlicher Energieerzeugung

„In Deutschland wird bereits rund ein Drittel des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen produziert. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung soll bis 2050 auf 80 % steigen“, erläuterte der Vorsitzende des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im VDE, Dr.-Ing. Stefan Küppers. Mit der Zunahme von neuen und dezentralen Energieproduzenten sähen sich existierende Netzstrukturen, die früher nur den Transport vom Großkraftwerk zum Verbraucher gewährleisteten, jedoch auch mit ganz neuen und komplexen Herausforderungen konfrontiert. So könnten unterschiedliche Spannungsebenen und der Volatilitätsfaktor negative Auswirkungen auf die Stabilität der Netze haben. Bereits heute gebe es in bestimmten Regionen ein wetterbedingtes zeitweises Überangebot an erneuerbaren Energien.

Zukünftig solle daher auch die Speicherung und Wandlung in andere Energieformen an Bedeutung gewinnen. „Mit jeder neuen Erzeugungsanlage, mit jedem neuen Speicher und mit jedem neuen Verbraucher wächst auch die Zahl der Schnittstellen“, erklärte Küppers, der damit die steigende Relevanz von digitaler Vernetzung und Steuerung unterstrich. Er appellierte an die europäische Politik, den EU-Binnenmarkt weiterzuentwickeln, ohne dabei den Wettbewerb um innovative Lösungen bei nationalen Energiekonzepten durch zu starre Regeln einzuschränken.

Mann mit selbstsicherem, leicht aggesivem Gesicht und Handmikro spricht erklärend und deutet aus dem Bild heraus.

In Österreich stammen bereits über 70% des Stroms aus Erneuerbaren. Paul Rübig, Österreich, MdEP, will parallel dazu auch den Netzausbau für schnelles Internet forcieren.

Wagner; HSS

Holistischer Ansatz bei Digital-, Energie- und Infrastrukturprojekten

„Für Österreich ist die Energie sowohl ein zentrales politisches Thema zur Sicherung des Wohlstands als auch ein zukünftiges Geschäftsmodell“, sagte der österreichische Europaabgeordnete Dr. Paul Rübig. Das Land nutze seine geographische Lage zur Produktion erneuerbarer Energien, deren Anteil bereits jetzt bei über 70% liege. Kraftwasserspeicherung ermögliche die Deckung des Energiebedarfs bei Engpässen durch mangelnde Sonnen- oder Windkraft. „Der Binnenmarkt muss zusammenwachsen und darf nicht zersplittert werden. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energie muss auch der Netzausbau Hand in Hand gehen“, forderte der ÖVP-Europapolitiker und wies darauf hin, dass die Marktöffnung auch neue Technologien berücksichtigen müsse. „Digitalisierung, das Internet der Dinge, ‚5G‘ und künstliche Intelligenz werden in Zukunft durch bisher noch ungeahnte technische Möglichkeit zu einer enormen Effizienzsteigerung beitragen.“

Auch müsse bei Infrastrukturprojekten an die Integration von Trassen gedacht werden. „Es kann nicht sein, dass kilometerlange Brücken, Tunnels und Autobahnen geplant und gebaut werden, ohne die Verlegung von Strom- und Glasfaserkabeln dabei mit einzuplanen“, kritisierte Rübig. Hier entfalteten sich ausgiebige Betätigungsfelder für Öffentlich-Private-Partnerschaften. Eine wichtige Rolle spiele aber auch das Thema IT-Sicherheit, das im Zuge einer zunehmenden Automatisierung unbedingt gebührend Berücksichtigung finden müsse.

Mann, bissiges, entschlossenes Gesicht, Handmikrofon. Deutet explizit. Gestreiftes Hemd mit Manschetten.

„Für die Zukunft ist transnationale Logik unverzichtbar.“ (Michel Derdevet, Generalsekretär des französischen Stromnetzbetreibers Enedis)

Wagner; HSS

Territoriale Kohäsion und Solidarität - Ein französischer Ansatz

Auch Frankreich, das nach Deutschland der größte europäische Stromerzeuger ist und in der Vergangenheit hauptsächlich auf Kernenergie setzte, orientiert sich an den Energie- und Klimazielen der Europäischen Union. Michel Derdevet, Generalsekretär des französischen  Stromnetzbetreibers Enedis, konzentrierte sich daher nicht auf die Produktionsweisen, sondern auf die Verwaltung der Systeme. „Momentan funktioniert Energiepolitik noch nach dem alten Muster von Angebot und Nachfrage. Für die Zukunft ist jedoch transnationale Logik unverzichtbar“, so der französische Energieexperte. Versorgung und Produktion seien allgemein sehr zufriedenstellend, aber große Herausforderung stellten auch in Frankreich die Netze und Verbindungsleitungen dar. An die Europäische Kommission richtete Derdevet einen Appel für mehr Solidarität und Austausch zwischen den Netzen sowie für mehr Flexibilität. Es gehe in erster Linie um physische Gesetze, nicht um Politik. Auch sprach er sich für die Stärkung des sozialen und menschlichen Aspekts der Energiewende aus. Territoriale Kohäsion und das Prinzips des Zugangs zu Energiedienstleistungen für alle müssten stets gewährleistet sein.

Fünf Menschen in schicker Kleidung auf vier Stühlen auf einer Bühne.

Wagner; HSS

Mehr Energiewettbewerb im Binnenmarkt

Die Europäische Kommission, vertreten durch Hans van Steen, Generaldirektion für Energie, bestätigte die Notwendigkeit eines europäischen Rahmenwerks im Hinblick auf die Entwicklung nationaler Energiemärkte und die Integration der Erneuerbaren in den globalen Elektrizitätsmarkt. Der höhere Marktanteil von umweltfreundlichen Produktionsanlagen werde deren Anschaffungskosten weiter senken und zukünftig weniger Förderungsmittel erfordern. „Das heißt auch, dass sich die Erneuerbaren in Zukunft auf mehr Wettbewerb einstellen müssen“ erklärte van Steen. Er bestätigte ebenfalls einen großen Handlungsdruck beim Ausbau der Netze, um den grenzüberschreitenden Austausch und letztlich auch einen europäischen Energiebinnenmarkt zu ermöglichen.  

Fazit

Der absehbare Anstieg von Elektromobilität wie auch der zunehmende Verzicht auf fossile Energien bei der Wärmeerzeugung werden mit einem erhöhten Strombedarf einhergehen, der zu einem steigenden Anteil an erneuerbaren Energiequellen und somit auch zu einer Diversifizierung und Dezentralisierung der Erzeuger, Anbieter und Speicher führen wird. Zur Erreichung der politischen Energie- und Klimaschutzziele müssen unsere Energiesysteme daher komplett neu überdacht werden. Diese Komplexität erfordert einen vorausschauenden und sektorenübergreifenden Ansatz. Digitalisierung wird zukünftig eine wichtige Rolle spielen, um die hohen Anforderungen bewältigen zu können.

Die Konferenz über Fragen zur Energiewende in Brüssel am 27. Februar wurde veranstaltet von der Hanns-Seidel-Stiftung in kooperation mit der Rober-Schuman-Sitftung und dem technischen Regelsetzer für die Stromnetze in Deutschland, VDE/FNN.

Kontakt
Leiter: Dr. Markus Ehm
Auslandsbüro Brüssel
Leiter:  Dr. Markus Ehm
Telefon: +32 2 230-5081
E-Mail: bruessel@hss.de