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Europaseminar Tschechische Republik
Wieder in der Mitte Europas angekommen

Seine persönliche Definition des Begriffs „Mitteleuropa“ gibt Dr. Petr Křížek mit einem Schmunzeln auf der Prager Burg ab: „Soweit wie Palatschinken gegessen werden und der heilige Nepomuk auf Brücken steht, soweit reicht Mitteleuropa.“ Stipendiaten der MINT-Förderung konnten sich vom 17. bis 20. August 2016 in der Hauptstadt der Tschechischen Republik selbst von dieser Definition überzeugen.

Mit Dr. Křížek hat das Projektbüro in Prag einen hervorragenden Kenner der wechselvollen Geschichte von Tschechen und Deutschen als Stadtführer gewonnen, seine Heimatstadt ist Prag, in Bayern hat er studiert. Tagungen wie diese zu organisieren, auch das gehört zum Aufgabengebiet der HSS-Niederlassungen im Ausland.

„Der Veitsdom auf der Prager Burg hat als weltliches und geistliches Zentrum des Landes eine besondere Bedeutung“, erläutert Dr. Křížek. Hier liegen nicht nur die böhmischen Könige begraben, sondern in einem Sarkophag aus fünf Tonnen reinstem Silber, auch der tschechische Nationalheilige Johannes von Nepomuk. Dieser hat auf der Karlsbrücke, die unten in der Altstadt über die Moldau führt, den Märtyrertod gefunden. Es dauert eine Weile, bis man dort als Tourist seine Statue unter den anderen Heiligen findet.

Die weltberühmte Brücke ist auf dem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts, der sich ebenfalls im Inneren des Domes befindet, eingezeichnet. Das  Besondere daran: „Damit könnte man sich noch heute in Prag orientieren“, erklärt der promovierte Theologe. Denn seit Ende des 30-jährigen Krieges habe kein weiterer Krieg in der Stadt wesentliche Zerstörungen angerichtet.

Das ist fast nicht vorstellbar, bedenkt man, wie wechselvoll die Geschichte dieser Hauptstadt war – allein im 20. Jahrhundert: Bis Ende des Ersten Weltkriegs war Böhmen Teil des Habsburgerreiches, dann als Tschechoslowakei ein gemeinsamer Staat mit der Slowakei, unter den Nazis sog. Reichsprotektorat, danach Satellitenstaat der UdSSR, bis mit der Wende ein neues Kapitel begann: 1993 mit Gründung der Tschechischen Republik.

Die Hanns-Seidel-Stiftung als wichtige Plattform der Begegnung

„Wir Tschechen gelten als die östlichsten Germanen und die westlichsten Slawen“, fasst Dr. Křížek das Dilemma seines Heimatlandes prägnant zusammen. Obwohl Tschechien heute NATO- (seit 1999) und EU-Mitglied (seit 2004) ist, wollen sich einige lieber wieder nach Moskau orientieren, stellt PhDr. Petr Valenta in den Raum. Er ist Direktor des Zentrums für europäische Studien an der Hochschule CEVRO, ebenfalls ein Kooperationspartner des HSS-Büros in Prag. Zusammen mit Martin Kastler, Leiter der HSS-Repräsentanz für die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn, erläutert er u. a. die Parteienlandschaft: Die Regierung sei die stabilste seit langem, trotz unterschiedlichster Koalitionspartner.

Tags zuvor hat eine Vertreterin der Opposition, Nina Nováková, die Gruppe im Parlament empfangen. Die Stipendiaten sollten auf der rechten Seite des Sitzungssaals Platz nehmen, schließlich seien sie Gast einer Abgeordneten der TOP 09 – denn die Sitzanordnung im tschechischen Parlament entspricht der politischen Positionierung der Parteien.

„Ihre Partei ist Mitglied der EVP“, wie Kastler als ehemaliger CSU-Abgeordneter des Europäischen Parlaments konsequenterweise der Eigenvorstellung der engagierten Abgeordneten hinzufügt. Der Altstipendiat leitet erst seit 2015 das Prager Projektbüro (die HSS ist dort schon seit 1991 aktiv), sein Engagement für Mitteleuropa ist jedoch tief in seiner Vita verwurzelt.

Novákovás Partei wurde von keinem Geringeren als Karel Schwarzenberg gegründet. Als Deutscher möchte man den  Titel „Fürst“ vor den Namen des berühmten ehemaligen EU-Politiker und tschechischen Außenministers setzen, doch auf der Plakette an seinem Platz im tschechischen Parlament steht schlicht „Karel Schwarzenberg“. Der Adel wurde in der Tschechoslowakei 1918 konsequenter als in Deutschland abgeschafft. Die Geschichte der Familie Schwarzenberg zeigt, wie in Böhmen und Mähren über Jahrhunderte Tschechen, Juden und Deutsche zusammengelebt haben. Ein Beispiel für die Verwurzelung in beiden Kulturen ist auch der deutsche Kaiser und König von Böhmen, Karl IV, zu dessen 700. Geburtstag erstmals eine gemeinsame Landesausstellung initiiert wurde. Nur haben sich nicht alle, wie diese europäisch-hochadelige Familie, zur Tschechoslowakei bekannt. “Vertreibung war nicht nur ein politisches Mittel des 20. Jahrhunderts”, erklärt Dr. Křížek der Gruppe im alten Palast auf der Burg – dem Originalschauplatz des weltberühmten Prager Fenstersturzes. 

Ein Schaufenster Bayerns in Tschechien

„Das tschechische Wort für „Deutscher“, „Nĕmec“, bedeutet übersetzt „der Stumme“. Also jemand, mit dem ich mich nicht verständigen kann“, so der Stadtführer. Und noch heute sprechen wesentlich mehr Tschechen deutsch als Deutsche tschechisch. Um den Dialog voranzutreiben, ist die bayerische Staatsregierung seit 2014 mit einer Vertretung vor Ort – und das als nicht souveräner Staat! Es unterstreicht die besondere Bedeutung der Tschechischen Republik für Bayern als Handelspartner und europäischer Nachbar.

In die Räumlichkeiten der bayerischen Repräsentanz mitten in der Prager Altstadt lockte die Stipendiaten die wehende bayerische Flagge auf dem Balkon des Palais Chotek. Der stellvertretende Leiter Dr. Christopher Vickers spricht auch von „Laufkundschaft“, die sich über Bayern informieren wolle und so den Weg in Repräsentanz führe; diese könne als “Schaufenster Bayerns in Tschechien” betrachtet werden. Gemeinsam mit Martin Kastler wurden schon viele Veranstaltungen organisiert. Beide, sowohl die HSS als auch die bayerische Repräsentanz, betreiben keine diplomatische Arbeit. Aber gerade für Politiker in Tschechien bieten solche Einrichtungen eine wichtige Plattform der Begegnung. Die Gelegenheit, Kastler und den politischen Stiftungen hierfür zu danken, nutzte die Abgeordnete Nováková bei der Begegnung im Parlament. Ihre Partei, die TOP 09 ist nämlich aus der Partei der Christdemokraten (KDU-ČSL) hervorgegangen, die wiederum Mitglied der Regierung ist. Eine oftmals brisante politische Konstellation, die gerade auch für Bayern in Europa von Bedeutung ist: Denn die mitteleuropäischen sog. Visegrád-Staaten (Tschechien, Slowakei, Polen und Ungarn) könnten bei Abstimmungen in Brüssel bald das Zünglein an der Waage sein.

Die Tagung in Prag war für die Stipendiaten ein äußerst interessanter Einblick in die politische Lage in Mitteleuropa. Für die meisten Teilnehmer war es der erste Aufenthalt in der Tschechischen Republik, aber sicher nicht ihr letzter.

Teresa A. Winderl

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