Print logo

Sex Sells
Zur Konstruktion von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften

Sei es in der virtuellen oder der realen Welt: Sexualisierte Inhalte sind allgegenwärtig – ob nun in der Popmusik, in der Werbung oder bei körperzentrierten Castingshows. Aus den unterschiedlichsten Perspektiven diskutierten Stipendiaten vom 4. bis 6. Mai 2016 in Kloster Banz, welche Auswirkungen der sozialen Konstruktionen von Sexualität auf Mensch und Gesellschaft sie wahrnehmen.

Die Teilnehmer*innen des Fachforums Geisteswissenschaften 2016

Die Teilnehmer*innen des Fachforums Geisteswissenschaften 2016

Ullrich Hofstätter

Paula-Irene Villa stellte die Frage nach der Selbstermächtigung der Frau

Paula-Irene Villa stellte die Frage nach der Selbstermächtigung der Frau

Ullrich Hofstätter

Der Eröffnungsvortrag der Soziologin Prof. Dr. Paula-Irene Villa (LMU München) verdeutlichte, dass bereits die sogenannte „Erste Frauenbewegung“ an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine De-Ontologisierung der Geschlechterdifferenz propagierte. In den Mittelpunkt ihres Beitrags mit dem Titel „WunschKörper. Zur gegenwärtigen Konstruktion von Geschlecht und Sexualität aus soziologischer Perspektive“ stellte Prof. Villa die Frage nach der Selbstermächtigung der Frau mit Blick auf die feministische Debatte über Pornografie: Im Gegensatz zur sogenannten „PorNo“-Bewegung, die durch dieses Genre in erster Linie ein ungleiches, gesellschaftlich verfasstes Geschlechterverhältnis widergespiegelt sieht, bewerten andere feministische Bewegungen Pornografie als ein Instrument für ein „Empowerment“ bzw. die Selbstermächtigung von Frauen. Dies zeigt sich beispielsweise in der Gestaltung des sogenannten „FemPorn“. Inspiriert vom Gedanken des Empowerments inszenierten sich auch Künstlerinnen des popkulturellen Mainstreams, etwa Madonna seit den 1980er Jahren, durch das Ausloten sexueller Tabus als handlungsmächtige, souveräne Frauen.

75 Stipendiaten diskutierten über Auswirkungen der sozialen Konstruktionen von Sexualität auf Mensch und Gesellschaft.

75 Stipendiaten diskutierten über Auswirkungen der sozialen Konstruktionen von Sexualität auf Mensch und Gesellschaft.

Ullrich Hofstätter

Auf der Basis dieser soziologischen Bestandsaufnahme nahm das Fachforum die Konsequenzen für die jeweilige Praxis in der Kinder- und Jugendberatung, der Werbung sowie der Kriminalistik in den Blick: Dass die Sexualpädagogik nicht mehr von der Medienpädagogik zu trennen sei, erklärte Oliver Wilhelm, Diplom-Sozialpädagoge und staatlich anerkannter Erzieher, in seinem Beitrag über „Jugendliche im Spannungsfeld zwischen Pornografie und Überbehütung“. Er beobachtet einen Wandel der Sexualerziehung und stellt ein Dilemma fest: Während die Sensibilität in der Pädagogik für diese Fragen gestiegen ist, verunsichert die mediale Darstellung sexualisierter Grenzüberschreitungen, die teilweise mit Gewalt einhergehen, zunehmend weite Teile der Elternschaft. Die Fähigkeit, mit den eigenen Kindern über diese Themen zu sprechen, fehle dadurch häufig. Zugleich sind mit den sozialen Netzwerken neue Formen der sexualisierten Kommunikation eingezogen, wie etwa das „Sexting“ – ein Kunstwort aus „Sex“ und „Texting“, das unter anderem den Austausch intimer Bilder beschreibt. Doch seien sich, so Wilhelm, die Jugendlichen oft nicht der Konsequenzen bewusst, die Sexting mit sich bringen kann. Enden die jugendlichen Liebesbeziehungen, so sei die Gefahr groß, dass die Aufnahmen veröffentlicht und mit ihnen Mobbing betrieben werde.

Attraktivität zeichne sich nach Florian Becker durch interkulturell vergleichbare Merkmale aus.

Attraktivität zeichne sich nach Florian Becker durch interkulturell vergleichbare Merkmale aus.

Ullrich Hofstätter

Der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Florian Becker (Hochschule Rosenheim) erörterte die Frage, ob die Floskel „Sex Sells“ tatsächlich zutrifft, also ob und wie sexualisierte Werbung aus psychologischer Perspektive den Absatz von Produkten befördert. Während den Stipendiaten zu den Begriffen „Sex“ und „sexy“ die unterschiedlichsten Assoziationen einfielen, konzentrierte sich Becker bei seinen folgenden Ausführungen auf den Begriff der „Attraktivität“, um eine Verbindung von Anziehung zu einer Person und dem zu verkaufenden Produkt herzustellen. Attraktivität  zeichne sich nach Becker durch interkulturell vergleichbare Merkmale aus, die auf der Einschätzung zu Gesundheit und Fruchtbarkeit basierten. Die Werbung mache sich die hierzu existierenden Erkenntnisse der Entscheidungspsychologie zu Nutze, wonach Männer eher impulsgebunden, Frauen dagegen systematischer und wählerischer entscheiden würden, was attraktiv sei. Schließlich veranschaulichte Becker anhand verschiedener Beispiele aus der Reklame, dass Männer  in der Regel in dominanten, Frauen in devoten Posen dargestellt werden, um das Bild des starken Mannes gegenüber der zu beschützenden Frau subtil zu betonen.

"Sexualität der Verpixelten" lautete das Thema von Adolf Gallwitz

"Sexualität der Verpixelten" lautete das Thema von Adolf Gallwitz

Ullrich Hofstätter

Die Wirkung sexualisierter Inhalte untersuchte Prof. Adolf Gallwitz, Professor für Psychologie und Soziologie (Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg), der sich im Abschlussvortrag der „Sexualität der Verpixelten“ widmete. Gallwitz veranschaulichte die Wechselwirkung zwischen Castingshows und Werbung auf der einen, sowie der ausgelebten Sexualität auf der anderen Seite. Dies habe Folgen, die sich auch auf den Bereich der Sexual- und Gewaltkriminalität erstreckten. So würden illegale Anbieter sexueller Dienstleistungen im Internet ein immer extremeres Angebot liefern. Zum einen, da der Konkurrenzdruck dort immer größer werde; zum anderen werde aber auch die Werbung immer offener und weniger tabuisiert. Angebote aus rechtlichen Graubereichen müssten daher immer extremere Züge annehmen. Damit spannte der Vortrag einen Bogen zwischen den unterschiedlichen Beiträgen des Fachforums, die allesamt die Wirkung sozialer Konstruktionen von Sexualität auf Subjekt und Gesellschaft verdeutlichten.

Text: Bettina Benzing, Rudolf Himpsl, Philippe Ludwig

Kontakt
Leiterin: Isabel Küfer, M.A.
Referat IV/5: Journalistisches Förderprogramm für Stipendiaten (Uni/HAW), Internationale Studien (Uni), Medizin (Uni), Promotionskollegs, Fachforen
Leiterin:  Isabel Küfer, M.A.
Telefon: 089 1258-354
Fax: 089 1258-403
E-Mail: kuefer@hss.de