Print logo

Ökumenische Konferenz von Theologiestudenten
Zur politischen Relevanz der Theologie

Vom 20. bis 22. Mai 2016 wurde in München ein spannendes Kapitel Kirchengeschichte geschrieben. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben sich die Studentenvertretungen aller evangelischen und katholischen Theologiestudierenden Deutschlands zu einer gemeinsamen Konferenz zusammengefunden und die Frage nach dem Auftrag der Kirche für Politik und Gesellschaft diskutiert. Im Mittelpunkt der dreitägigen Zusammenkunft des Studierendenrats evangelischer Theologie (SETh) und der Arbeitsgemeinschaft Theologie (AGT) standen der gemeinsame theologische Austausch und die Frage nach dem Auftrag der Kirche für Politik und Gesellschaft.

Organisator Lucas Dinter bei der Konferenzeröffnung

Organisator Lucas Dinter bei der Konferenzeröffnung

Zum Auftakt der Konferenz hatten Weihbischof Thomas Löhr, Mitglied der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, und Landesbischof Karl-Hinrich Manzke, der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen Deutschlands, in einem Festgottesdienst an die Taufe als das Bindeglied aller christlichen Konfessionen erinnert.

Anschließend diskutierten die knapp 100 Teilnehmer, unter denen sich auch Vertreter der Orthodoxen Theologie befanden, in verschiedenen Foren ein breites Themenspektrum, das sich von Fragen zu Akkreditierungsverfahren für theologische Studiengänge bis zu den Brennpunkten der Ökumene im binnenkirchlichen und hochschulpolitischen Kontext erstreckte.

Für den Kontext von Politik und politischer Bildung besonders bedeutsam erwiesen sich Vortrag und Diskussion mit Oberkirchenrat Joachim Ochel, dem Stv. Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union.

Festgottesdienst mit Karl-Hinrich Manzke und Thomas Löhr

Festgottesdienst mit Karl-Hinrich Manzke und Thomas Löhr

Unter der Überschrift "Das wissenschaftliche Studium der Theologie und der Dienst der Kirche an Politik und Gesellschaft" hatte er zunächst eine Standortbestimmung wissenschaftlicher Theologie aus der Perspektive des Wissenschaftsrates vorgenommen.

"Durch Integration der Theologien in das staatliche Hochschulsystem stellen Staat und Gesellschaft sicher", so Ochel, "dass die Gläubigen ihre faktisch gelebten Bekenntnisse im Bewusstsein artikulieren, von außen auch als historisch kontingent betrachtet werden zu können. Sie konfrontieren die Religionsgemeinschaften mit der Aufgabe, ihren Glauben unter sich wandelnden Wissensbedingungen und Wissenshorizonten immer neu auslegen zu müssen."

Im Blick auf den Islam, so wurde in der Diskussion deutlich, hat dies in einer bemerkenswerten hochschulpolitischen Entwicklung inzwischen zur Etablierung von vier Zentren für Islamische Theologie in Deutschland geführt, mit denen sich die klare Hoffnung auf eine sukzessive Domestizierung dieser Religion durch die Wissenschaft verbindet.

Im zweiten Teil seines Vortrags arbeitete Ochel das Konzept der Öffentlichen Theologie als Paradigma des kirchlichen Wirkens in Politik und Gesellschaft heraus.

Joachim Ochel ermutigte zu Öffentlicher Theologie

Joachim Ochel ermutigte zu Öffentlicher Theologie

Nach einem Streifzug von Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth über Johann Baptist Metz und Wolfgang Huber bis hin zu Heinrich Bedford-Strohm und Papst Franziskus hielt er als Fazit fest: "Öffentliche Theologie will eine biblisch und vernünftig argumentierende, sozialethisch fokussierte Theologie sein. Sie will ethische Orientierungsleistungen für die Menschen der Gegenwart erbringen und dadurch dazu beitragen, dass politisches Handeln möglich wird.

Sie muss schließlich auf öffentliche Verantwortung bezogen, ja notwendig und unauflöslich mit ihr verbunden sein. Eine an dieser Theologie orientierte Kirche hat nicht nur einen Öffentlichkeitsauftrag, sondern versteht sich selbst als eine grundsätzlich verantwortungsethisch ausgerichtete Kirche.“

Wie auf solche Weise auf die Gesellschaft eingewirkt werden könne, skizzierte er zum Abschluss seiner Ausführungen am Beispiel der jüngsten Sterbehilfedebatte, die am 6. November 2015 in den Beschluss des Deutschen Bundestages mündete, die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe zu stellen. Damit hatte sich eine große Mehrheit des Deutschen Bundestages über alle Fraktionen hinweg die Haltung der evangelischen und katholischen Kirchen zu Eigen gemacht.

Knapp 100 Studenten waren nach München gekommen

Knapp 100 Studenten waren nach München gekommen

Den theologischen Höhepunkt der Konferenz stellte die Diskussion mit den drei Münchner Dogmatikern Bertram Stubenrauch (katholisch), Athanasios Vletsis (orthodox) und Jörg Lauster (evangelisch) dar. Letzterem fiel die Rolle zu, als Vorstand des Zentrums für ökumenische Forschung den Finger in die noch offenen Wunden der Ökumene zu legen.

Er sprach von einer „Eiszeit der Ökumene“, in der man sich stetig, aber leider deutlich langsamer als früher annähere. Vletsis zeigte sich überzeugt, dass Ökumene nur auf dem Fundament wissenschaftlich reflektierter Kirchengeschichte möglich sei, und konstatierte: „Die Vergangenheit kann uns helfen, den Einstieg in die Ökumene zu finden.“ Stubenrauch hingegen richtete den Blick nach vorne und merkte an: „Die Ökumene der Zukunft besteht in der Wahrnehmung unterschiedlicher Mentalitäten und im aufeinander Eingehen.“

Konsens bestand bei allen drei Dogmatikern zum Abschluss darüber, dass die konfessionelle Differenzierung zumindest in der Wissenschaft einen Gewinn darstelle.

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Strategieentwicklung und Grundsatzfragen
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de