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Interview mit Prof. Dr. Ludwig Hilmer und Anna Axtner-Borsutzky
Corona-Schock wird an Hochschulen nachwirken

Online-Seminare, Hygienekonzepte, verschobene Prüfungstermine – die Corona-Pandemie hat die deutsche Hochschullandschaft vor große Herausforderungen gestellt. Zu Beginn der Pandemie mussten sich die Studierenden ebenso wie das Lehr- und Forschungspersonal schnell umstellen.

  • Die Covid-19-Pandemie hat den universitären Alltag durcheinandergebracht. Wie erging es Lehrenden und Studierenden?
  • Und was bleibt nach der Pandemie bestehen?

Professoren, Lecturer, aber auch Studierende scheinen nun besser gerüstet als am Beginn der Corona-Pandemie. An vielen Fakultäten werden Vorlesungen, Seminare und Propädeutika in diesem Wintersemester ausschließlich digital abgehalten.
Doch was bedeuten die pandemiebedingten Einschränkungen für Forschung und Lehre? Wie ergeht es dabei den Studierenden?
Und: Welche – auch positiven – Entwicklungen bleiben uns „nach Corona“ erhalten?
Darüber haben wir mit dem Rektor der Hochschule Mittweida (Sachsen), Prof. Dr. Ludwig Hilmer, und der LMU-Promotionsstudentin und HSS-Stipendiatin Anna Axtner-Borsutzky gesprochen.

Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Ludwig Hilmer (geb. 1960 in Deggendorf/Bayern) studierte Geschichte und Politische Wissenschaften an der Universität Regensburg und arbeitete anschließend an seiner Promotion sowie als Autor, freier Journalist, Mitarbeiter wissenschaftlicher Forschungsprojekte sowie Bildungs- und Medienunternehmer. Von 1990 bis 1995 war er in der Medien- und Begabtenförderung der Hanns-Seidel-Stiftung tätig und wurde anschließend Professor und Gründungsdekan der Fakultät Medien an der Hochschule Mittweida, deren Rektor er seit Oktober 2010 ist. Seit 2014 hat er zudem das Amt des Landessprechers der sächsischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften im Vorstand der Landesrektorenkonferenz inne und lehrt als Visiting Professor an mehreren internationalen Universitäten.

Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Ludwig Hilmer (geb. 1960 in Deggendorf/Bayern) studierte Geschichte und Politische Wissenschaften an der Universität Regensburg und arbeitete anschließend an seiner Promotion sowie als Autor, freier Journalist, Mitarbeiter wissenschaftlicher Forschungsprojekte sowie Bildungs- und Medienunternehmer. Von 1990 bis 1995 war er in der Medien- und Begabtenförderung der Hanns-Seidel-Stiftung tätig und wurde anschließend Professor und Gründungsdekan der Fakultät Medien an der Hochschule Mittweida, deren Rektor er seit Oktober 2010 ist. Seit 2014 hat er zudem das Amt des Landessprechers der sächsischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften im Vorstand der Landesrektorenkonferenz inne und lehrt als Visiting Professor an mehreren internationalen Universitäten.

© Falk Bernhardt

HSS: Ein spannendes Jahr liegt hinter uns. Die Covid-19-Pandemie hat viele Beschränkungen mit sich gebracht. Und dennoch musste das universitäre Leben weitergehen. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Anna Axtner-Borsutzky: Wenn ich ein Wort finden müsste, das meine Wahrnehmung dieser Zeit zusammenfasst, würde ich mich für ‚Unsicherheit‘ entscheiden. Wie allen Teilen der Gesellschaft geht es natürlich auch den Studierenden so, dass sie keine Planungssicherheit mehr haben und sich etwas orientierungslos fühlen.
Was passiert in der nächsten Woche, wie lange kann ich noch Bibliotheken und Archive besuchen, wie wird das nächste Semester werden?
Der akademische Alltag ist ja in vielerlei Hinsicht einfach von einem Tag auf den anderen weggebrochen – Tagungen und Workshops wurden abgesagt, verschoben oder online abgehalten.

Seit ich studiere, bin ich es gewohnt, auch im ‚Homeoffice‘ zu arbeiten, weshalb die Arbeit von zuhause aus für mich in Ordnung ist. Aber die mir persönlich wichtigen Aspekte des Studiums und der akademischen Geselligkeit gehen mir sehr ab.

Prof. Dr. Ludwig Hilmer: Im Sommersemester standen wir alle unter dem Eindruck des Ausbruchs der Pandemie und des folgenden Lockdowns. Der Wechsel in einen digitalen Hochschulbetrieb war alternativlos. Er gelang auch weitgehend und mit breiter Akzeptanz, blieb aber in Sachsen zunächst etwas unwirklich, weil das Infektionsgeschehen im Freistaat vergleichsweise gering blieb.

Im Winter wurde Sachsen zum Bundesland mit den höchsten Inzidenzwerten. Es gibt eine hohe direkte Betroffenheit im Umfeld, aber noch immer eine teils irrationale Normalitätssehnsucht in Lehre und Forschung.
Aus dem entscheidungsstarken, strategischen Rektor des Frühjahrs wurde in der Wahrnehmung vieler ein Jongleur, der argumentiere „wie ein Politiker“.

HSS: Wie erging es dabei Ihren Kolleginnen und Kollegen an der Universität?

Prof. Dr. Ludwig Hilmer: „Ich habe nun einen völlig anderen Beruf“, hat mir ein Kollege nach dem Lockdown geklagt. Der Weg ins Digitale, die Entgrenzung der Arbeitszeit und die Konfrontation mit der Gleichzeitigkeit der bisher getrennten Lebensbereiche mussten bewältigt werden.
Für Kopfarbeiter ist Arbeit in einem häuslichen Umfeld, das darauf technisch und vor allem im Hinblick auf Anwesenheit und Verpflichtungen in der Familie nicht vorbereitet ist, natürlich sehr schwierig.
Ein Vorteil war und ist für die meisten das gesicherte wirtschaftliche Umfeld des öffentlichen Dienstes. Dies gilt jedoch nicht für die zahlreichen Hochschulangehörigen mit Zeitverträgen. Programme liefen aus. In der Forschung konnten teilweise die Aufträge nicht erfüllt werden, aber die Etats verbrauchten sich unabhängig davon.

Anna Axtner-Borsutzky: Ich würde zwei Aspekte besonders herausstellen. Zunächst möchte ich eine gewisse Zukunftsangst nennen. Es ist nicht nur völlig unklar, wie das Semester oder gar das ganze Studium weitergehen wird, sondern auch die Aussichten auf Nebenjobs oder den Berufseinstieg gestalten sich derzeit sehr schwierig für viele Studierende. Das führt zu einer hohen emotionalen Belastung.

Zum anderen fehlt der soziale Kontakt, der insbesondere für Studienanfänger besonders wichtig ist, aber für jede Stufe im akademischen Betrieb essentiell: von den Erstsemestern über die Promovierenden bis hin zu den akademischen Mitarbeitern und Professoren. Das kurze Gespräch zwischen zwei Sitzungen auf dem Gang, der Kaffee zwischendurch, der Austausch über die Vorlesungen und Seminare im Nachgang. Ganz unabhängig davon ist dieser fehlende soziale Aspekt für jeden, insbesondere Alleinlebende, eine besondere Herausforderung. Das Soziale ist nicht digital zu ersetzen.

Prof. Dr. Ludwig Hilmer: Da erging es dem Lehrpersonal ähnlich: Auf allen Ebenen bis hin zu den wöchentlichen Abstimmungen der Rektoren mit dem Wissenschaftsminister ertönte regelmäßig die Klage über die „schwarzen Kacheln“ auf dem Bildschirm der Videokonferenz. Studierende mit abgeschalteter Kamera sind offensichtlich ein größeres psychologisches Problem für die meisten Lehrenden als die reine zuschauerlose Vorproduktion. Verweigertes persönliches Feedback scheint zu schmerzen.

Anna Axtner-Borsutzky schloss 2017 ihr Studium der Deutschen und Klassischen Philologie für das Lehramt an der LMU München mit dem Staatsexamen ab, darauf folgte 2018 der M.A. in Germanistischer Mediävistik und Geschichte. Seitdem promoviert sie an der LMU München in der Neueren deutschen Literatur bei Prof. Dr. Friedrich Vollhardt zum nachgelassenen autobiographischen Manuskript von Walter Müller-Seidel (1918–2010), das im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt wird. Anna Axtner-Borsutzky ist Promotionsstipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung und wird vom Förderprogramm ‚Talente sichern – Zukunft gestalten‘ des Cusanuswerks unterstützt. Sie ist Vorstandsmitglied des Doktorandennetzwerks docnet und Vertreterin der Hanns-Seidel-Stiftung in der Promovierenden-Initiative (PI). Im Sommersemester 2020 lehrte Axtner-Borsutzky ein Proseminar zu Nachlassbewusstsein. Theorie und Praxis im Archiv in Kooperation mit der Internationalen Jugendbibliothek und dem Zentrum für Buchwissenschaft.

Anna Axtner-Borsutzky schloss 2017 ihr Studium der Deutschen und Klassischen Philologie für das Lehramt an der LMU München mit dem Staatsexamen ab, darauf folgte 2018 der M.A. in Germanistischer Mediävistik und Geschichte. Seitdem promoviert sie an der LMU München in der Neueren deutschen Literatur bei Prof. Dr. Friedrich Vollhardt zum nachgelassenen autobiographischen Manuskript von Walter Müller-Seidel (1918–2010), das im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt wird. Anna Axtner-Borsutzky ist Promotionsstipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung und wird vom Förderprogramm ‚Talente sichern – Zukunft gestalten‘ des Cusanuswerks unterstützt. Sie ist Vorstandsmitglied des Doktorandennetzwerks docnet und Vertreterin der Hanns-Seidel-Stiftung in der Promovierenden-Initiative (PI). Im Sommersemester 2020 lehrte Axtner-Borsutzky ein Proseminar zu Nachlassbewusstsein. Theorie und Praxis im Archiv in Kooperation mit der Internationalen Jugendbibliothek und dem Zentrum für Buchwissenschaft.

Anna Axtner-Borsutzky

HSS: War man in Deutschland auf die digitale Lehre nicht gut vorbereitet?

Prof. Dr. Ludwig Hilmer: Grundsätzlich schon, wenn man die Digitalisierung als Weg gegangen ist. Hier mussten die Hochschulen in der Regel nicht bei null anfangen. Aber der erste Lockdown wirkte wie ein Katalysator und beschleunigte die digitale Transformation des akademischen Betriebs enorm.

Anna Axtner-Borsutzky: Für die digitale Lehre sind neue Lehrformate und -konzepte nötig. Man kann sein Seminar nicht genauso digital halten wie es in Präsenz geplant war. Das hat sowohl von Lehrenden als auch Studierenden am Anfang viel Geduld und Offenheit gefordert.
Man war zudem nicht vorbereitet hinsichtlich der digitalen Kompetenzen und der Hardware – und ist es bis heute übrigens nicht immer. Es fehlen sowohl bei Studierenden als auch Lehrenden oftmals die nötigen Tools – und stabiles Internet! Allerdings muss man sagen: Hier hat man gesehen, wie schnell und gut Lehrende und Studierende umgeschaltet haben und das Beste aus der ganzen Situation gemacht haben.
Sicherlich ist das universitäre Umfeld ein Ort, an dem diese Umstellung relativ glimpflich vonstattenging. Ich möchte aber nochmals betonen: Wir sagen immer, dass die digitalen Formate „gehen“ und „funktionieren“ – klar! Aber nur, weil etwas ganz gut klappt, ist es nicht das, was Universität ausmacht.

HSS: Neben den ganzen erzwungenen, pragmatischen Lösungen gab es doch bestimmt auch positive Entwicklungen, oder?

Anna Axtner-Borsutzky: Die digitalen Konferenzen bieten auf jeden Fall die Möglichkeit, eine größere Reichweite zu generieren, etwa bei den digitalen Stammtischen des Doktorandennetzwerks in der Hanns-Seidel-Stiftung. Für Münchner mag dies kein Argument sein, aber wenn man beispielsweise der einzige Promovierende in Aachen ist, kann man sich so einfach dazu schalten.

Ein weiteres Beispiel für die Ortsunabhängigkeit bei den neuen Online-Formaten war unsere Lesung „Gegen das Vergessen“ in Erinnerung an die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, die wir zusammen mit Stipendiaten der anderen Förderungswerke aus ganz Deutschland veranstalteten.
Allerdings: Die digitalen Formen ersetzen nicht den persönlichen Austausch. In Zukunft wird es nötig sein, beide Möglichkeiten zu bedienen. Man könnte also sagen, dass zwar quantitativ mehr möglich ist, aber eben nicht qualitativ.

Prof. Dr. Ludwig Hilmer: Internationalität an Hochschulen ist ein Sonderfall digital-dezentraler und mobiler Lehre und Forschung. Auch unter diesem Aspekt war der Lockdown sicher ein gewisser Beschleuniger. Wir haben Reisekosten gespart und kreative Formate für den wissenschaftlichen Austausch entwickelt.

Internationalität erfordert jedoch in besonderer Weise menschliche Begegnung und kulturelle Prägung. Studieren in aller Welt ist etwas Faszinierendes, (Aller-)Weltstudiengänge sind mir zu beliebig. Wir haben 20 Prozent internationale Studierende eingeschrieben an der Hochschule Mittweida. Für sie war der Lockdown in vielfacher Hinsicht eine besonders bedrückende Zeit; sowohl in der Heimat als auch auf dem Campus.

HSS: Bleibt noch die Frage: Was bleibt uns erhalten in der Zeit nach der Pandemie? Welche heutigen Entwicklungen werden uns weiter begleiten?

Prof. Dr. Ludwig Hilmer: Der Corona-Schock wird mit seiner Verunsicherung sicher länger in der Gesellschaft nachwirken, davon sind Hochschulen nicht ausgenommen. Aber Hochschulen sind auch gesellschaftliche Akteure, von denen man zu Recht erwarten kann, dass sie nicht in Schockstarre verharren, sondern gestalten und vorantreiben.
Die wohl unter Druck eingeführten Instrumente der Digitalisierung sind Beispiele für diese Gestaltungsaufgabe. Sie werden uns aber ebenso wie während der Pandemie auch in einer Zukunft danach nützlich sein, weil wir mit ihnen mehr Freiheit und Flexibilität, haben, das Nötige im jeweils Möglichen zu tun. 

Anna Axtner-Borsutzky: Ich denke, wir werden schneller und mit weniger Vorbehalten zu digitalen Formaten greifen und haben insgesamt mehr Möglichkeiten für digitale Kommunikation vor Augen gestellt bekommen, seien es Podcasts, Blogs, Screencasts und so weiter.
Allerdings hoffe ich sehr, dass der Wille und die Kompetenz zum persönlichen Gespräch und bilateralen Austausch über diese Zeit nicht verloren gehen wird. Wenn man sich vorstellt, dass die Erstsemester ihr Studium nun so beginnen und vermutlich noch einige Zeit weiter rein digital studieren werden, wird mir schon etwas mulmig. Wenn man nie gelernt hat, was Universität als sozialer Raum im Sinne von Debatten, Diskussionen, Gesprächen mit Kommilitonen bedeutet, dann ist die Gefahr groß, es auch nicht zu vermissen. Ich für meinen Teil vermisse es sehr und wünsche mir als zukünftige Dozentin, dass wir wieder zum persönlichen Kontakt zurückkehren werden. Denn das ist Universität.

HSS: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Hilmer, sehr geehrte Frau Axtner-Borsutzky, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Das Interview führte Thomas Klotz, HSS.

 

Kontakt
Leiter: Thomas Klotz
Bildung, Hochschulen, Kultur
Leiter:  Thomas Klotz
Telefon: 089 1258-264
Fax: 089 1258-469
E-Mail: klotz-t@hss.de