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CLEANTECH für Bayern
Luft als Kühlmittel - justairtech GmbH

Autor: Maria Geyer

Die Erderwärmung bringt mehr Hitze und die Menschen schalten die Klimageräte an, um mit den steigenden Temperaturen klar zu kommen. Klimageräte verbrauchen viel Strom. Da er nicht vollständig aus erneuerbaren Energien gewonnen werden kann, wird das Klima belastet. Die justairtech GmbH aus München will diesen Kreislauf mit einer neuen Technologie durchbrechen. Wir haben ein Gespräch mit Holger Sedlak, CTO und Mitbegründer des Start-ups, geführt.

Die justairtech GmbH mit Sitz in München entwickelt eine Kühlanlage, die im Vergleich zu konventionellen Anlagen eine viel höhere Effizienz und damit einen wesentlich geringeren Stromverbrauch verspricht. Dabei kommt Luft als umweltfreundliches Kühlmittel zum Einsatz. „Decouple cooling from climate change“ – das ist die Vision der justairtech GmbH. Mit der Entwicklung einer revolutionären Technologie will sie verhindern, dass der Stromverbrauch und die CO2-Emissionen proportional mit der Anzahl der verkauften Klima- bzw. Kühlanlagen wachsen. Weitere Informationen zum Unternehmen finden Sie hier.

Der Interviewpartner

Holger Sedlak war mehr als 15 Jahre lang bei Infineon tätig und leitete Innovationsprojekte im Security- und ChipCard-Bereich, bevor er 2006 sein erstes Start-up im Bereich der nachhaltigen Kühlung gründete. Bei der efficient energy GmbH entwickelte Holger Sedlak eine effiziente Kühlanlage, die Wasser als Kältemittel verwendet. Nach etwa 15 Jahren verließ er das Unternehmen und gründete erneut – gemeinsam mit Jens Schäfer – die justairtech GmbH. Er setzt sich leidenschaftlich für die Überwindung von Grenzen ein, um den Klimawandel mit disruptiver Technologie zu bekämpfen. Seine Bilanz umfasst mehr als 150 erteilte/angemeldete und eingesetzte Patente.

Für Holger Sedlak ist CleanTech alternativlos, wenn wir unseren Planeten in einer lebensfreundlichen Form erhalten möchten: „Es bietet die einzigartige Möglichkeit, den Klimawandel zu verlangsamen, ohne dabei die wirtschaftliche Entwicklung zu gefährden. Wenn wir es großflächig schaffen, durch Effizienzsteigerungen den Energieverbrauch und den Ressourceneinsatz zu reduzieren, haben wir eine echte Chance, Klimaziele einzuhalten und unsere Umwelt langfristig zu erhalten.“

Für Holger Sedlak ist CleanTech alternativlos, wenn wir unseren Planeten in einer lebensfreundlichen Form erhalten möchten: „Es bietet die einzigartige Möglichkeit, den Klimawandel zu verlangsamen, ohne dabei die wirtschaftliche Entwicklung zu gefährden. Wenn wir es großflächig schaffen, durch Effizienzsteigerungen den Energieverbrauch und den Ressourceneinsatz zu reduzieren, haben wir eine echte Chance, Klimaziele einzuhalten und unsere Umwelt langfristig zu erhalten.“

justairtech GmbH

HSS: Der Einsatz von Luft als Kältemittel ist nicht neu. Kühl- bzw. Klimaanlagen gibt es bereits. Was wollen Sie anders machen?

Holger Sedlak: Das stimmt – Luft als Kältemittel wird schon lange eingesetzt, allerdings bislang kaum wirtschaftlich. Aktuell gibt es keine Kühl- oder Klimaanlage mit Luft als Kältemittel auf dem Markt. Lediglich im Bereich Gefrieren bietet ein tschechisches Start-up eine Lösung an. Uns gelingt der wirtschaftliche Einsatz von Luft als Kältemittel durch mehrere Innovationen. Die beiden Herzstücke sind zwei hocheffiziente Wärmetauscher mit einem neuartigen Design (siehe Abbildung 1 und Abbildung 2). Unsere Kühlanlage wird 4- bis 5-mal so effizient sein wie vergleichbare Anlagen.

HSS: Was macht Ihre Technologie revolutionär und nachhaltig?

Holger Sedlak: Das sind zum einen die bereits beschriebenen Wärmetauscher. Hier wird Luft als Kältemittel verwendet. Luft ist mit einem Global Warming Potential (1) von Null und der freien Verfügbarkeit allen anderen Kältemitteln überlegen. Alle anderen natürlichen Kältemittel haben zwar ebenfalls ein niedriges Global Warming Potential, bringen aber Nachteile mit sich. In unserer ersten Anlage, dem chillAir (siehe Abbildung 3), werden die Wärmetauscher um eine Turbomaschine ergänzt. Wir rechnen mit einem um bis zu 80 Prozent gesenkten Stromverbrauch im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen. Das ist ein enormer Hebel, heute schon und zukünftig umso mehr, wenn man bedenkt, wie sich der Kühlbedarf in den nächsten Jahren entwickeln wird.

HSS: Wo genau im gewerblichen bzw. industriellen Bereich wird Ihre Technologie voraussichtlich zum Einsatz kommen?

Holger Sedlak: Unser erstes Produkt ist für die Kühlung von Rechenzentren ausgelegt. Wir werden die Technologie später für die Prozess- und Transportkühlung anpassen, bevor wir auch in die Märkte Heizen und Klimatisieren gehen. Im Prinzip können wir mit den zentralen Bauteilen unserer Technologie einen großen Teil des Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagenmarkts abdecken.

HSS: Die Anlagen mit der neuen Technologie werden vermutlich teurer als herkömmliche Anlagen sein. Wie wollen Sie sich auf dem Markt gegen etablierte Akteure durchsetzen und wettbewerbsfähig sein?

Holger Sedlak: Das muss nicht unbedingt sein. Die Kosten werden vor allem davon abhängen, wie schnell sich die 3D-Technologie entwickelt, da beide Wärmetauscher gedruckt werden. Allerdings werden wir unsere Anlage nicht verkaufen. Wir planen ein „pay per use“-Modell, Cooling-as-a-Service, bei dem der Nutzer für die verwendete Kühlleistung pro Monat bezahlt. Das hat für die Betreiber von Rechenzentren den Vorteil, dass sie keine Investitionskosten haben und kein Risiko eingehen, wenn sie die Anlage eines Start-ups verwenden. Außerdem übernehmen wir Service, Wartung und die Stromkosten, d. h. die Betreiber der Rechenzentren können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Abbildung 1: Aufgeschnittener Prototyp eines Wärmetauschers, hergestellt im 3D-Druckverfahren.

Abbildung 1: Aufgeschnittener Prototyp eines Wärmetauschers, hergestellt im 3D-Druckverfahren.

justairtech GmbH; Canva

HSS: Dem Zeitplan des Unternehmens zufolge soll der Markteintritt im Jahr 2025 erfolgen. Was muss bis dahin noch alles erledigt werden?

Holger Sedlak: Bis dahin wird noch einiges passieren, vor allem in der Entwicklung. Wir haben bereits Prototypen des Wärmetauschers gedruckt und werden nächstes Jahr mit fünf Anlagenprototypen in die Tests gehen, danach folgen weitere Anpassungen und neue Tests.
Bis Markeintritt werden wir außerdem auf Investorensuche gehen, da wir weitere finanzielle Mittel brauchen. Auch unsere personellen Kapazitäten müssen wir noch ausbauen.

HSS: Wie könnte der Markteintritt beschleunigt bzw. erleichtert werden?

Holger Sedlak: Wie schnell wir am Markt sind, hängt natürlich von unseren Ressourcen ab. Also wie schnell finden wir neue Investoren und Mitarbeitende, das wird entscheidend sein. An dieser Stelle muss man auch ehrlich sagen, dass die Förderung von „Deep-Tech-Start-ups“ in Bayern und Deutschland immer noch katastrophal ist. Bei nahezu allen Förderprogrammen muss die Finanzierung über den gesamten Förderzeitraum bereits sichergestellt sein, damit man Geld erhält. Mit der Vorlaufzeit der Programme (bis zu 12 Monate) sprechen wir also darüber, dass man für ungefähr 3 Jahre finanziert sein muss – das heißt im Klartext, nur wer schon Geld hat, kann gefördert werden. Gerade bei langfristigen technischen Entwicklungsprojekten entspricht das einfach nicht der Realität.
Erleichtert werden kann der Markteintritt sicherlich auch durch geeignete Rahmenbedingungen, beispielsweise striktere Regulierungen (z. B. F-Gas-Verordnung (2)) oder einen stärkeren Fokus von staatlichen Förderungen auf umweltfreundliche Kältemittel oder Energieeffizienz.

HSS: Wieso haben Sie sich den Standort Bayern, insbesondere München, als Unternehmenssitz ausgesucht?

Holger Sedlak: Jens Schäfer, der Mitgründer, und ich wohnen beide in der Nähe von München. Uns ist es wichtig, dass das Büro mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist, deshalb ist das Büro in Berg am Laim. München bietet mit der Hochschule München und der TUM auch zwei herausragende Kompetenzzentren und gute Ausbildungsstätten für Ingenieurinnen und Ingenieure, das hilft natürlich auch.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

1) Global Warming Potential: Das Global Warming Potential (GWP) ist das Treibhauspotential von Kältemitteln. Es wird in CO2-Äquivalenten und in der Regel für einen Zeitraum von 100 Jahren angegeben. Beispielsweise hat R32, ein häufig verwendetes Kältemittel, ein GWP von 675. Das bedeutet, dass ein Kilogramm R32 innerhalb der ersten 100 Jahre der Freisetzung 675-mal so stark zum Treibhauseffekt beiträgt wie ein Kilogramm CO2  (https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Umwelt/Glossar/gwp.html; https://www.umweltbundesamt.de/dokument/treibhauspotentiale-global-warming-potential-gwp).

2) F-Gas-Verordnung: In der F-Gas-Verordnung (Verordnung (EU) Nr. 517/2014) ist festgelegt, dass die Emissionen aus Kältemitteln bis 2030 um 70 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 gesenkt werden müssen. Das ist in einem stufenweisen Phase-down geregelt. Außerdem werden bestimmte Kältemittel aus dem Verkehr genommen und Regelungen zum Umgang mit den Kälteanlagen festgelegt. Die Verordnung befindet sich aktuell in Überarbeitung und wird 2023/2024 in einer neuen strikteren Version in Kraft treten (https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/fluorierte-treibhausgase-fckw/rechtliche-regelungen/eu-verordnung-ueber-fluorierte-treibhausgase#VO5172014).

Kontakt

: Maria Geyer
Akademie für Politik und Zeitgeschehen
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Leiterin: Dr. Claudia Schlembach
Wirtschaft und Finanzen
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