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Energiewende
Regional erzeugte Energie regional nutzen

Autor: Silke Franke

Oberstes Ziel der bayerischen Energiepolitik ist eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung. Bis Ende 2022 wollen wir schrittweise aus der Nutzung der Kernenergie aussteigen. Derzeit kommt über 40 Prozent der Bruttostromerzeugung in Bayern aus erneuerbaren Energien.

Mit der Energiewende verändert sich die Art der Energieerzeugung auch strukturell: Statt ehemals weniger, zentraler großer „grundlastfähiger“ Kraftwerke gibt es nun viele dezentrale, eher kleine Einheiten mit „volatiler“, von der Wetterlage und Tageszeiten abhängiger Stromerzeugung. Daher gilt es, das Zusammenspiel neu zu ordnen.

Energieerzeugung in Kommunen: Hausdächer mit Photovoltaikanlagen

Viele Gemeinden erzeugen auch selbst Strom und Wärme

Franke; HSS

Live Test in Wildpoldsried: Erneuerbare Energien und intelligente Stromnetze

Wildpoldsried ist eine Gemeinde im schwäbischen Landkreis Oberallgäu mit etwa 2.500 Einwohnern. Bundesweit und auch international bekannt wurde die kleine Gemeinde als Energiedorf, welches inzwischen siebenmal so viel Energie erzeugt, wie es selbst verbraucht. Im Jahr 2017 wurden im Gemeindegebiet 50.742 MWh Strom regenerativ aus Wind, Sonne, Biogas und Wasser erzeugt. Der Verbrauch im Gemeindegebiet lag bei 6.568 MWh. Aber nicht nur Strom, auch der Sektor Wärme wird berücksichtigt: Die „Dorfheizung Wildpoldsried“ versorgt über eine Holzpelletsheizung und ein Biogas-BHKWs öffentliche und private Gebäude mit Wärme. Betreiber ist die Dorfentwicklungs-GmbH Wildpoldsried, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Gemeinde. Kein Wunder, dass der Ort gesuchter Partner für die Erprobung von innovativen Lösungsansätzen ist.

Ein Beispiel ist das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Pilotprojekt IRENE - „Integration regenerativer Energien und Elektromobilität“. Die Stromerzeugung aus Wind, Sonne und Wasser unterliegt naturgemäß Schwankungen. Das Stromnetz muss Energieflüsse in beide Richtungen sowie große Leistungsschwankungen bewältigen. Für Verteilnetzbetreiber eine durchaus problematische Situation. Das Projekt sollte technische und wirtschaftliche Lösungen für intelligente Stromnetze aufzeigen.

Ein selbstorganisierendes Energieautomatisierungssystem soll dafür sorgen, dass die Stromerzeugung der zahlreichen, in das Allgäuer Stromnetz eingebundenen Photovoltaik-, Windkraft-, Wasserkraft- und Biogasanlagen sowie das Verbrauchsverhalten und die Speicherung von regenerativ erzeugten Energien zeitlich optimiert werden.

Damit dies auch funktionieren kann, wurden über 200 Messpunkte installiert. Anhand der gesammelten Daten kann der aktuelle Netzzustand bewertet und im Bedarfsfall über ebenfalls installierte Regelungstechnik eingegriffen werden. Ziel ist, die Verbrauchs- und Angebotsspitzen bereits frühzeitig so abzufangen, dass die Energieversorger zukünftig weniger Leitungskapazitäten vorhalten müssen. Im neuen Projekt IREN2 hat ein Live-Test im Jahr 2017 sogar gezeigt, dass kleinteilige Stromnetze zumindest zeitweise unabhängig voneinander als Inselnetze“ funktionieren können. Am Pilotprojekt beteiligt sind die Allgäuer Überlandwerke GmbH, Siemens AG, Hochschule Kempten und RWTH Aachen. Sie wollen aus den Ergebnissen von Wildpoldsried Betriebsstrategien entwickeln, die sowohl die Markt- als auch die Netzsicht beachten und gleichzeitig Dienstleistungen zur Systemsicherheit des Energieversorgungssystems bereitstellen.

Info: Bernrieder Kreis

Erneut hat die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsbeirat Bayern Energieexperten aus Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft, Beratung und Politik eingeladen, die in einem Workshop gemeinsame Eckpunkte für ein Gelingen der Energiewende formuliert haben. Im Jahr 2017 zum ersten Mal im Tagungshotel Bernried gestartet, haben die Teilnehmer diesem Format den Namen „Bernrieder Kreis“ gegeben. 

Solarpanele auf einem Feld am Straßenrand

Regionale Energie sollte auch regional genutzt werden.

OhWeh; CC By SA-2.5; Wikimedia Commons

Regionale Energiegemeinschaften als Bausteine der Versorgungssicherheit

Das Beispiel Wildpoldsried zeigt: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss mit der Netzsituation synchronisiert werden. Ziel ist es, die Abregelung von ungenutztem, regenerativem Strom zu vermeiden und gleichzeitig den Netzausbaubedarf zu minimieren.

Der Bernrieder Kreis hat sich hierzu Gedanken gemacht und sich dabei auf die regionale Ebene konzentriert. Die Grundidee: Regional erzeugte Energie sollte auch regional genutzt werden, weil vor Ort

  • nicht nur die Ressourcen (Sonne, Wasser, Biomasse etc.) vorhanden sind, sondern auch die technischen Einheiten wie Photovoltaik-Anlagen, Blockheizkraftwerke sowie Speicher oder z.B. Mess- und Regelungstechnik kleinteilig und modular eingesetzt werden können;
  • das Zusammenspiel von Strom, Gas, Wärme, Mobilität und Effizienz kreativ und innovativ gestaltet werden kann, gerade im Zuge der Digitalisierung;
  • überregionale und lokale Akteure einbezogen werden können (z.B. Energieunternehmen, Netzbetreiber, Kommunen, Landwirte, Bürger, Verbraucher, Industrie und Gewerbe), was zugleich für mehr Transparenz und regionale Wertschöpfungsmöglichkeiten und damit Akzeptanz sorgt.
Eine Stromtrasse über einer Wiese

Ein intelligentes Stromnetz muss Energieflüsse in beide Richtungen bewältigen und große Leistungsschwankungen aushalten können.

Franke; HSS

In diesem Sinne hat der Bernrieder Kreis eine Definition von „regionalen Energiegemeinschaften“ verfasst und versteht darunter rechtlich selbständige Gemeinschaften von Akteuren - oder auch Gemeinschaften rechtlich selbständiger Akteure -, die dezentrale Energiesysteme (Erzeuger, Verteiler, Speicher, Verbraucher) als subsidiäre Einheiten im Energiemarkt organisieren. Die „Einheit“ ist größer als ein Einzelverbraucher. Es kann sich um eine Wohnanlage, ein Stadtquartier oder Gewerbe- bzw. Industriegebiet handeln, aber auch um eine ganze Stadt oder Region - entscheidend ist nicht die Größe, sondern die Funktionsfähigkeit und Belastbarkeit.

Autarkie ist dabei nicht angestrebt: Regionale Energiegemeinschaften sind in das Gesamtsystem eingebettet. Erst durch die Verknüpfung über die Leitungsnetze können sich benachbarte kleinere Einheiten und diese mit den übergeordneten größeren Einheiten gegenseitig unterstützen und die geforderte Versorgungssicherheit herstellen.

Weitere Voraussetzungen für ein Funktionieren dieser regionalen Energiegemeinschaften lesen Sie hier: „Die Rolle regionaler Energiegemeinschaften - Eckpunkte für ein Gelingen der Energiewende des Bernrieder Kreises von 2018“ 

Kontakt
Leiterin: Silke Franke
Referat II/6: Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum
Leiterin:  Silke Franke
Telefon: 089 1258-226
Fax: 089 1258-469
E-Mail: franke@hss.de