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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Alfred Pringsheim

Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Alfred Pringsheim - Mathematiker, Mäzen und Meister der Verdrängung.

Am Abend des 19. Juli 1936 saß eine illustre Runde nahe Zürich vor dem Rundfunkempfänger, um einer Live-Übertragung beizuwohnen. Thomas Mann, seine Frau Katia sowie die Schwiegereltern Alfred und Hedwig Pringsheim lauschten dem „Lohengrin“, Richard Wagners Oper vom Schwanenritter, neu inszeniert im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin. Thomas Mann notierte hinterher in sein Tagebuch: „Man hätte nicht zuhören sollen, dem Schwindel nicht sein Ohr leihen, da man im Grunde alle, die dabei mittun, verachtet.“ Den Großschriftsteller, seit drei Jahren im Schweizer Exil, kam angesichts der Selbstinszenierung Hitlers und des Dritten Reiches das Würgen an. Die Vorstellung, dass „dieser idiotische Schurke da süß-heldische Romantik“ genieße, sei „über die Maßen ekelhaft“.

Was aber fühlte der Schwiegervater? Was fühlte an jenem Abend Alfred Pringsheim? Die Nationalsozialisten hatten den jüdischen Mathematiker, Musiker, begeisterten Wagnerianer und Mäzen längst aus seinen Bahnen geworfen. Die Form aber wahrte Pringsheim, für diesen „Lohengrin“-Abend hatte er sich festlich gekleidet. Was aber seine Perspektiven in Deutschland anging, so kann, ja muss er sogar geahnt haben, dass auch seine Zeit dort bald abgelaufen sein würde. Sicher ist das aber nicht.

Jugend und Werdegang

Alfred Pringsheim wurde am 2. September 1850 in Schlesien geboren, in dem Jahr, in dem Richard Wagner sein Pamphlet „Über das Judenthum in der Musik“ zum ersten Mal veröffentlichte. Wagner war spätestens seitdem als Antisemit berüchtigt. Dennoch wandte sich der junge Pringsheim bald voller Eifer und Glut Wagner als dem Vorkämpfer einer neuen Musik zu. Pringsheim war reich geboren; sein Vater, ein erfolgreicher Eisenbahnunternehmer, hatte ihm großen Reichtum hinterlassen. Die Eltern hatten ihm überdies Talent mitgegeben. Der junge Pringsheim schwankte zunächst zwischen der Mathematik und der Musik, entschied sich dann aber für die Wissenschaft. Er wurde Mathematikprofessor an der Münchner Universität. Die Musik betrieb er zeitlebens als Dilettant im wahren Sinne des Wortes: aus Vergnügen. So schuf er mehr als nur beachtliche Klavierarrangements von Werken Wagners.

Der Mathematiker, Pianist und Mäzen Alfred Pringsheimer lehrte an der Münchner Universität Mathematik. In dem Haus der Pringsheims in der Arcisstraße 12 traf sich die Münchner Gesellschaft bis die Nationalsozialisten das Palais konfiszierten.

Der Mathematiker, Pianist und Mäzen Alfred Pringsheimer lehrte an der Münchner Universität Mathematik. In dem Haus der Pringsheims in der Arcisstraße 12 traf sich die Münchner Gesellschaft bis die Nationalsozialisten das Palais konfiszierten.

circa 1900; (CC-PD-Mark); commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_Pringsheim.jpg

Der Mäzen

Die Bekanntheit von Pringsheim in München aber rührte vor allem von seiner Rolle als Mäzen. An der Arcisstraße unterhielten die Pringsheims ein Palais, Mittelpunkt der kulturellen Szene, und Treffpunkt der Haute Volée. Dort lernte Thomas Mann seine künftige Frau Katia kennen. Pringsheim machte kein Hehl aus seiner Verehrung für Wagner. Er mischte sich früh, mit spitzer Feder, in die Diskussionen um den Tonsetzer ein. Und er engagierte sich in Bayreuth. Als Wagner seine Festspielpläne publik gemacht hatte, gehörte er zu den Ersten, die sich auch finanziell für diese seinerzeit vollkommen neuartige Idee engagierten.

Dabei beließ er es nicht bei Geld und Worten. 1876 ließ er sich in Bayreuth in einem Wortgefecht über Wagner so provozieren, dass er einem Kontrahenten einen Krug über den Kopf zog – von dieser Episode soll Pringsheims Spitzname „Schoppenhauer“ (sic!) hergerührt haben. Danach aber war er Persona non grata im Hause Wagner. Man fürchtete offenbar den Skandal um den allzu begeisterten Jünger.

Pringsheim aber engagierte sich weiter für die Musik. Warum diese Verehrung, trotz Wagners Antisemitismus? Der musikalisch hoch veranlagte Pringsheim erkannte die Qualität von Wagners Musik, erachtete aber möglicherweise auch Wagners Ressentiments als an die Adresse der Juden in Osteuropa gerichtet. Pringsheim empfand sich als deutschen Bürger und selbstverständlichen Mitspieler auf dem Feld einer deutschen Kultur. Er fühlte sich überhaupt weit über umstrittenen Äußerungen des „Meisters“ aus Bayreuth stehend. Man kann auch sagen: Hedwig und Alfred Pringsheim waren Meister des Verdrängens, des Wegschauens, des Schönfärbens, so gefangen in ihrem elitären Kunstzirkel, dass sie vieles nicht mehr oder in einer eigenartigen Färbung wahrnahmen.

Zäsuren

Der Erste Weltkrieg brachte die Zäsur. Pringsheim hatte Kriegsanleihen gezeichnet und verlor viel Geld. In den 1920er Jahren bereits musste er Teile seiner Kunstsammlung verkaufen. Man lebe von der „Wand in den Mund“, sagte er mit Galgenhumor. Mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterte sich die Lage der Pringsheims rapide. 1933 nahm die NSDAP der Familie das Palais weg, um an dessen Stelle später ein Verwaltungsgebäude zu errichten. Der bereits 83 Jahre alte Alfred Pringsheim brach nach Auskunft seines Enkels Golo Mann zusammen. Es war der Beginn einer Kette von Schikanen und Demütigungen. Alfred Pringsheim durfte bald nicht mehr an der Universität lehren, wurde aus der Akademie der schönen Künste ausgeschlossen, durfte Theater und Konzerte nicht mehr besuchen.

Man zog an die Maximilianstraße, dann an die Widenmayerstraße. Abschied von Deutschland? Lange kein Thema. „Lieber in Deutschland ehrlich sterben als in Kalifornien jämmerlich verderben“, reimte Hedwig Pringsheim in einem Brief an ihre Tochter Katia, bezeichnenderweise in einer Anspielung auf das bayerische Motto unter der Habsburger Besatzung im Spanischen Erbfolgekrieg. Es gibt auch Zeugnisse aus der Familie, wonach die „Uralten“ – so nannten sie sich nach der „Josephs“-Trilogie ihres Schwiegersohns – die Nazi-Barbarei für einen bald schon überstandenen Betriebsunfall hielten.

Emigration nach Zürich

Erst im Oktober 1939 reisten Alfred und Hedwig Pringsheim in die Schweiz aus, nachdem die Nazis ihnen die „Reichsfluchtsteuer“ abgepresst hatten – das Geld dafür hatte Pringsheim durch den Verkauf seiner berühmten Majolika-Sammlung erlöst. 800 Quadratmeter hatte das Stadtpalais in München an Wohnfläche geboten. Drei Zimmer teilte sich das Ehepaar Pringsheim nun in Zürich. Es sollte die letzte Station sein. 1941, am 25. Juni, starb Alfred Pringsheim. Die Trauerrede hielt Franz Beidler, der Neffe Wagners, als einziger in der Familie von Beginn an entschiedener Nazi-Gegner. Hedwig Pringsheim folgte ihrem Mann 13 Monate später. Wie die letzten Monate in Zürich gewesen waren? „Nun ist er wieder normal, gottlob.“ So hatte Hedwig das Befinden ihres Mannes nach der Emigration in einem Brief an Katia beschrieben. „Glücklich? Nein. Aber wer wäre es?“

Autor: Michael Weiser, Redakteur und Autor, München.

Jens, Inge; Jens, Walter: Katjas Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim, Reinbeck 2004.

Ross, Alex: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne, Hamburg 2020.

Angermaier, Elisabeth: Eine selbstbewusste Minderheit, in: Bauer Richard; Brenner, Michael: Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2006.

von der Lühe, Irmela: „Universitätsprofessor mit goldener Zigarettendose“ oder „Man spürt nichts als Kultur“ - Alfred Pringsheim; in: Wagnerspektrum. Schwerpunkt Jüdische Wagnerianer, Würzburg 2013, S. 97-120.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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