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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Heinrich Aufhäuser

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Heinrich Aufhäuser - Privatbankier in der Löwengrube.

Von den Spielregeln eines Privatbankiers, Michael Hauck (1927-2018):

„Der Privatbankier darf nicht kurzfristig handeln, sondern er muss auf Dauerhaftigkeit achten und sollte eine sehr persönliche und vertrauensvolle Beziehung zu seinen Kunden haben. Fairness, Solidarität und Zuverlässigkeit bleiben unveränderliche Eigenschaften in unserem Gewerbe.“

Weichenstellung im Nördlinger Ries

Am 1. März 1842 erblickte Hirsch Aufhäuser, der seinen Vornamen später in Heinrich eindeutschen sollte, das Licht der Welt in Hainsfarth – dem Ort, der im 19. Jahrhundert die größte jüdische Gemeinde Schwabens beherbergte. Als Kind des Rauchwarenhändlers Moses Löb Aufhäuser und Cäcilie Oberndorffer, wurde Heinrich der Eintritt in die Bankenwelt bereits in die Wiege gelegt, war seine Mutter doch eine Verwandte des renommierten Münchner Bankgründers Joel Nathan Oberndoerffer, in dessen Bank der Dreizehnjährige ab 1855 das Bankgeschäft von der Pike auf lernte. Er sollte dabei ein ausgezeichnetes Gespür entwickeln für die Tücken der Branche ebenso wie für ihre enormen Möglichkeiten im Zeichen des industriellen und wirtschaftlichen Aufschwungs.

Heinrich Aufhäuser baute nicht nur mit Klugheit und Geschick sein Bankhaus auf, sondern engagierte sich auch sozial.

Heinrich Aufhäuser baute nicht nur mit Klugheit und Geschick sein Bankhaus auf, sondern engagierte sich auch sozial.

© Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG, Frankfurt am Main.

Gründung der Privatbank Aufhäuser & Scharlach 1870

Am 14. Mai 1870 wagte Aufhäuser nach fünfzehn Jahren in der Bank seines Verwandten den Schritt in die unternehmerische Selbständigkeit. Gemeinsam mit dem jüdischen Kaufmann Samuel Scharlach, der ihm als stiller Kapitalgeber völlig freie Hand bei der Geschäftsführung ließ, gründete er in der Münchner Innenstadt im sogenannten Kreuzviertel, in dem sich seit dem 17. Jahrhundert bevorzugt der Adel niederließ, die Privatbank Aufhäuser & Scharlach.

Der Zeitpunkt war klug gewählt. Deutschland hatte sich rasant von einem agrarisch geprägten Land zu einer der führenden Industrienationen entwickelt, die den Welthandel zusammen mit Großbritannien und den USA entscheidend gestaltete. In dieser Phase entwickelten sich gerade die Privatbankiers zu einem der vermögendsten, wirtschaftlich bedeutendsten und zugleich einflussreichsten Segmente des Wirtschaftsbürgertums. Seit 1868 war auch in Bayern die Gewerbefreiheit eingeführt und sieben Jahre zuvor die rechtliche Gleichstellung der Juden abgeschlossen worden. Trotz immer wieder auflodernder anti-jüdischer Sentiments schien das Hineinwachsen der Juden in die deutsche Gesellschaft und Kultur mit dem Ende der 1860er-Jahre auf gutem und unumkehrbarem Wege. Von dieser allgemeinen Aufbruchsstimmung profitierte auch München: Die Stadt prosperierte, die Zahl der Wohlhabenden stieg. Auf deren Vermögensverwaltung konzentrierte sich Aufhäuser von Anfang an. Bravourös beherrschte er die ‚Spielregeln‘ eines Privatbankiers und verfügte aus seiner früheren Tätigkeit über ein exzellentes Netzwerk. So erzielte das Bankhaus bereits im ersten vollen Geschäftsjahr einen Gewinn in Höhe von mehr als 34.000 Gulden. In weiteren sechs Jahren gelang es dem aufstrebenden Bankier, die Bilanzsumme zu verfünffachen. Zu seinem in der ersten Zeit nicht über 30 Personen hinausgehenden Kundenstamm sollten später Prominente wie Herzog Luitpold in Bayern oder die Familie des Schriftstellers Thomas Mann zählen. Erfolgreich gelang es Aufhäuser, seine Privatbank als eine von ganz wenigen durch die Wirtschafts- und Bankenkrisen– wie den „Gründerkrach“ von 1873 – zu führen: Mit Höhen und Tiefen, aber stets profitabel.

Alleininhaber des Bankhauses H. Aufhäuser 1894

Eine planvolle Heiratspolitik zählte bei den bedeutendsten Privatbankiers jener Zeit zu einem wesentlichen Grundstein ihrer Vermögensbildung. So auch bei Aufhäuser. Nachdem ihm 1872 das Bürgerrecht der Stadt verliehen worden war, konnte er im Jahr darauf mit Rosalie Berliner (1850-1924) eine Münchner Bürgerstochter heiraten. Für sein Renommee und Netzwerk erwies es sich gewinnbringend, dass seine Schwiegermutter ebenfalls in verwandtschaftlicher Beziehung zum Bankhaus J. N. Oberndoerffer stand. Auch finanziell verbreiterte die Heirat sein Kapital so weit, dass er bis 1892 seinen Partner vollständig ausbezahlen und ab 1894 die Privatbank als alleiniger Inhaber nun unter dem Namen Bankhaus H. Aufhäuser fortführen konnte. Neben drei Töchtern schenkte Rosalie ihrem Mann mit den Söhnen Martin (1875-1944) und Siegfried (1877-1949) zwei potentielle Erben des Familienunternehmens, die ihrem Vater beruflich nacheiferten.

Heinrich in der Löwengrube

Da das Geschäft weiter florierte, reichten die bestehenden Räumlichkeiten bald nicht mehr aus. Aufhäuser kaufte deshalb das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Anwesen Löwengrube 20, das 1899 bezogen werden konnte. Hier erlebte die Privatbank ihre ökonomisch erfolgreichsten Jahre. Heinrich entwickelte sie von einer auf das Effektenkommissionsgeschäft spezialisierten Bank zu einem umsatzstarken Kreditinstitut. Zu dessen erweitertem Kundenstamm zählte der katholische Frauenbund ebenso wie diverse Offiziere und Mitglieder des Hochadels, die alle von den Diensten der jüdischen Bank und ihren exzellenten internationalen Verbindungen profitierten.

Ab 1901 leitete Sohn Martin gemeinsam mit seinem Vater die Bank, der jedoch als Senior-Chef bis zu seinem Ausscheiden 1914 die Fäden in der Hand hielt. 1913 belief sich die Bilanzsumme von H. Aufhäuser erstmals auf über zehn Millionen Goldmark. Reputation und Erfolg des Hauses beruhten vor allem auf der Persönlichkeit und den kaufmännischen Werten des Privatbankiers Heinrich Aufhäuser, der die ‚Spielregeln‘ seines Metiers über Jahrzehnte hinweg fruchtbar gemacht hatte.

Wege der Assimilation

Aufhäusers zunehmend herausgehobene Stellung im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der bayerischen Hauptstadt spiegelte sich auch in zahlreichen Ämtern und Ehrungen wider. Sie sind deutliche Belege dafür, wie weit der Jude Aufhäuser auf seinem Weg der Assimilation in die Mitte des Bürgertums vorangeschritten war:

1876 war er in den Vorstand der Münchner Börse, 1899 in den des Münchner Handelsvereins gewählt worden. Im Jahr 1914 verlieh ihm König Ludwig III. den Titel eines Königlich Bayerischen Kommerzienrats. Das war eine Auszeichnung, die für gewöhnlich den hervorragendsten geschäftsführenden Großindustriellen und Großkaufleuten vorbehalten war, die gemeinnützig wirkten und in besonderer Weise auf das Wohl ihrer Arbeiter bedacht waren. Schon früh hatte sich Aufhäuser auch in der Israelitischen Kultusgemeinde engagiert, in deren Vorstand er 1892 gewählt wurde. Daneben unterstützte er über den Israelitischen Studien- und Arbeitsförderungsverein bedürftige Gemeindemitglieder bei deren beruflicher Qualifizierung.

Wege in die Nacht

Nach dem Tod ihres Vaters am 25. September 1917 übernahmen die Söhne ab 1921 gemeinsam das Bankhaus. Es folgten die Hyperinflation von 1923, die Wirtschaftskrise ab 1929 und die mit einer Welle des Antisemitismus einhergehende nationalsozialistische Diktatur. Als das jüdische Bankhaus H. Aufhäuser im Zuge der Reichspogromnacht 1938 als eine der letzten Privatbanken enteignet wurde, galt dies als die spektakulärste „Arisierung“ innerhalb des Münchner Privatbankwesens. Siegfried emigrierte noch im gleichen Jahr über Großbritannien in die USA. Auf seinen Bruder Martin wartete das Konzentrationslager.

Autor: Dr. Philipp W. Hildmann, Leiter des Kompetenzzentrums für Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Interkulturellen Dialog der Hanns-Seidel-Stiftung.

Ingo Köhler: Wirtschaftsbürger und Unternehmer – Zum Heiratsverhalten deutscher Privatbankiers im Übergang zum 20. Jahrhundert. In: Die wirtschaftsbürgerliche Elite im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Dieter Ziegler. Göttingen 2000. S. 116-143.

Felix Höpfner, Marc Balbaschewski, Birgit Brauburger, Silja Kaduk: Unabhängig – Persönlich – Unternehmerisch. Eine Chronik von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers seit 1797. Hrsg. von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers. Frankfurt/M. [2011].

Marc Balbaschewski: Das Bankhaus H. Aufhäuser 1870-1938. Netzwerkbildung und ihre Auswirkung auf die Verdrängungsbestrebungen und „Arisierung“ im Nationalsozialismus. Diss. phil. Darmstadt 2015.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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