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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Jakob Stoll

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Jakob Stoll - Pionier der israelitischen Lehrerbildung.

Jüdische Lehrer in Bayern

In einer Recherche nach den Namen jüdischer Lehrerinnen und Lehrer konnten für Bayern etwa 650 Namen zu Tage gefördert werden. Die größte Gruppe waren die Religionslehrer. Bei der Mehrheit handelt es sich um Geistliche/Rabbiner. Sie hatten bei ihrer theologischen Ausbildung im Haupt- oder Nebenfach am Rabbinerseminar in Berlin oder Breslau Religionslehre studiert. Darüber hinaus gab es aber auch Religionslehrer, die am israelitischen Lehrerbildungsseminar in Würzburg studiert hatten. Die zweitgrößte Gruppe waren die jüdischen Volksschullehrer. Davon gab es im Schuljahr 1931/32 etwa 100 in Bayern. Ausgebildet wurden auch sie in Würzburg.

Mindestens 200 der jüdischen Lehrer waren Mitglied im Bayerischen Lehrerverein. Einer von ihnen war der Studiendirektor Jakob Stoll, der die Entwicklung der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg wesentlich geprägt hat.

Gedenktafel für Jakob Stoll an der David-Schuster-Realschule in Würzburg.

Gedenktafel für Jakob Stoll an der David-Schuster-Realschule in Würzburg.

Dr. Joachim Hahn

Projekt gegen das Vergessen

Anlässlich seines 150-jährigen Bestehens startete der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) im Jahr 2011 ein Projekt mit dem Titel „Aufstehen! Gegen Vergessen und Unrecht. – Zum Gedenken an die verfolgten und ermordeten jüdischen Lehrerinnen und Lehrer“.

In der Publikation zu dem oben genannten Projekt, schreibt der BLLV:

„Für dieses Verhalten gibt es keine Entschuldigung. Die Scham darüber wird uns immer begleiten. Das Einzige was wir tun können und tun wollen: Wir wollen dieser Kolleginnen und Kollegen gedenken. Wir wollen sie der Anonymität entreißen und an sie erinnern. Und wir wollen uns verpflichten, alles zu tun, dass Unrecht und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft keine Chance bekommen.“

Der Verband bekannte sich damit (endlich) dazu, dass er die jüdischen Kolleginnen und Kollegen während der Nazidiktatur schändlich im Stich gelassen hatte. Dies ist unter anderem deswegen unverständlich und unverzeihlich, weil der Bayerische Lehrerverein bei seiner Gründung im Jahr 1861 großen Wert daraufgelegt hatte, eine Solidargemeinschaft für alle Kolleginnen und Kollegen zu sein, unabhängig von Religion oder Weltanschauung.  Und die jüdischen Lehrerinnen und Lehrer verstanden sich von Anfang an auch als Teil des Bayerischen Lehrervereins. Dies belegt zum Beispiel eine Notiz aus der Israelitischen Wochenschrift aus dem Jahr 1911 anlässlich des Todes von Karl Heiß, dem Gründer des BLV:

„Die jüdischen Lehrer Bayerns stehen mit ihren Kollegen christlichen Glaubens trauernd an der Bahre des Begründers des Bayerischen Lehrervereins. In einer Zeit, da die Juden noch nicht in allen Fragen des Bürgerrechts gleichgestellt waren, erhob dieser Edle die Forderung nicht der Toleranz – denn die Toleranz erniedrigt den Empfänger, sie ist Duldung und Gnadengeschenk, kein Recht – wohl aber die Gleichberechtigung zum Grundrecht des 1861 in Regensburg begründeten Lehrervereins.“

Umso schlimmer ist es, dass der Bayerische Lehrerverein etwa 20 Jahre später seine jüdischen Kollegen in der Zeit ihrer Verfolgung im Stich gelassen und sie aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen hat.

Der talentierte und engagierte Lehrer Jakob Stoll

Jakob Stoll wurde am 21. Januar 1876 im unterfränkischen Maßbach als Sohn des Händlers Maier Stoll und dessen Frau Fanni (geb. Meier) geboren. Er besuchte die Volksschule in Maßbach und machte dann seine Lehrerausbildung an der Israelitischen Präparandenschule im rund 35 Kilometer entfernt gelegenen Burgpreppach. 1895 schloss er seine Ausbildung an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg ab.

Nach einer kurzen Tätigkeit an der Israelitischen Bürgerschule in Fürth wurde Stoll aufgrund seiner hervorragenden Qualifikation an die simultane Volksschule (unabhängig von der Religionszugehörigkeit, Anm. d. Red.) nach Nürnberg berufen. Jakob Stoll war nicht nur ein talentierter Lehrer, sondern auch ein politisch denkender Bürger. Er war Mitglied in der Deutschen Demokratischen Partei, der Frankenloge und im Jüdischen Kulturbund Würzburg. Auch die Organisation in einer beruflichen Solidargemeinschaft war ihm wichtig. Und so war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass er im Alter von 20 Jahren dem Bayerischen Lehrerverein beitrat. Er gehörte außerdem der Verwaltung des Jüdischen Lehrervereins für Bayern an, für den er auch in die Verwaltung des Verbandes jüdischer Lehrervereine Deutschlands delegiert worden war.

Der erfolgreiche Lehrerbildner Jakob Stoll

Schon früh erkannte der junge Lehrer, dass die Lehrerbildung ein wesentlicher Schlüssel zur Emanzipation der pädagogischen Profession ist. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich intensiv um den pädagogischen Nachwuchs kümmerte und die Lehrerbildung modernisierte. Noch nicht einmal 30 Jahre alt wurde er zum Seminaroberlehrer der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg berufen, an der er selbst studiert hatte und deren Entwicklung fortan wesentlich durch ihn geprägt werden sollte. Zum Zweck seiner eigenen Weiterqualifizierung war er von 1908 bis 1911 Gasthörer an der Universität Würzburg. Mit 35 Jahren legte er die akademische Prüfung für Seminarleiter in München ab. 1919 wurde er zum Seminardirektor ernannt. Jakob Stoll förderte die Aufwertung der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt zu einer anspruchsvollen Lehrerbildungsanstalt. 1931 wurde ihm ihre wirtschaftliche und verwaltungstechnische Führung angetragen.

Der geschätzte Kollege Jakob Stoll

Es gibt viele Belege dafür, dass Jakob Stoll nicht nur ein engagierter Pädagoge und erfolgreicher Lehrerbildner war, sondern auch ein überzeugter Jude und ein geschätzter Kollege. Anlässlich seines 60. Geburtstages schrieb eine Würzburger Zeitung im Januar 1936:

„Ein Führer der gesetzestreuen Judenheit Bayerns, Herr Studiendirektor Jakob Stoll, beging am 21. Januar seinen 60. Geburtstag.  Seit 30 Jahren wirkt er als Leiter der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg, die er treu und gewissenhaft führt. Seine Persönlichkeit ist vielen Lehrergenerationen vorbildlich geworden in ihrer wohlgelungenen Synthese von wissenschaftlicher Gründlichkeit und treuer Anhänglichkeit zur Thora. Zu seinem 60. Geburtstag wünschen wir von Herzen: Möge dem deutschen gesetzestreuen Judentum noch recht lange seine unermüdliche Schaffenskraft erhalten bleiben.“

Nach der Schließung der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt im Novemberpogrom 1938 wurde Stoll in „Schutzhaft“ genommen. Zuvor zwang man ihn, der Verbrennung von Schriften dieser Einrichtung zuzusehen. Am 19. November wurde er aus dem KZ Buchenwald entlassen. Er emigrierte im August 1939 mit seiner Frau nach New York. Der ab 1951 verwitwete Jakob Stoll war bis zu seinem Ruhestand 1959 religiöser Leiter der deutsch-jüdischen Flüchtlingsgemeinde Ohav Sholaum in New York. Am 29. November 1962 verstarb er im Alter von 86 Jahren.

Autor: Klaus Wenzel, Ehrenpräsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Schnaittach.

Aufstehen! Gegen Vergessen und Unrecht – Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Lehrerinnen und Lehrer in Bayern 1933 bis 1945, BLLV, München 2011.

Von Aufbrüchen und Tragödien – Jüdische Mitglieder im BLLV 1861-1945, M. Liedtke, W. Sosic 2021-

Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken, Würzburg, R. Strätz 2019.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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