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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Levi Strauss

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Levi Strauss - Erfinder der Blue Jeans.

Der Goldrausch der Forty-niners löste die größte Bevölkerungsbewegung in der Geschichte der USA aus: Im American River im Norden Kaliforniens fanden Bauarbeiter Goldnuggets in Hülle und Fülle. Während der Einwanderungswelle zu dieser Zeit kamen viele Europäer in den „Golden State“ – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Unter ihnen Levi Strauss aus Buttenheim, Oberfranken. Der bayerische Kurzwarenhändler sollte schnell zu Reichtum kommen im Wilden Westen. Aber nicht bei der Suche nach Gold, sondern durch die Erfindung einer der meistgetragenen Textilien unserer Zeit, der Blue Jeans.

Kindheit und Jugend in Bayern

Die Winter waren kalt im oberfränkischen Buttenheim, das Essen oft knapp. Hirsch Strauss hatte seine erste Frau, die ihm drei Buben und zwei Mädchen schenkte, verloren. Sie war an „Abzehrung“ gestorben. Als Hausierer war es für ihn nicht leicht, seine Arbeit und das Versorgen der Familie zu vereinbaren, zumal er mit seinen knapp fünfzig Jahren für damalige Verhältnisse nicht mehr der Jüngste war. Etwa ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Hirsch die 20 Jahre jüngere Tochter seines Nachbars, Rebekka. Sie opferte sich für die Familie auf und gebar drei Kinder. Unter ihnen: Löb, der am 26. Februar 1829 das Licht der Welt erblickte.

Löb wuchs wohlbehütet, aber in recht ärmlichen Verhältnissen in Buttenheim auf, was auch am jüdischen Glauben der Familie lag. Die damaligen Gesetze in Bayern ließen den sogenannten Landjuden kaum Spielraum bei der Berufswahl. Löbs Zukunft schien daher als recht bescheiden vorgezeichnet. Er würde wohl seinem Vater Hirsch als Hausierer nachfolgen, zumal er seinen diesen oft begleitete. In einer Biographie wird Löb Strauss‘ Entwicklung so beschrieben:

„Löb hatte sich zu einem fleißigen, gehorsamen und freundlichen Kind entwickelt, jederzeit bereit, den Eltern zur Hand zu gehen, kleine Botendienste zu versehen und der Mutter im Gemüsegarten zu helfen. In der Sabbat-Schule gehörte er zu den Ersten seiner Altersstufe, und der Rabbi war mehr als einmal voll des Lobes über seine schnelle Auffassungsgabe.“

Auswanderung in die USA

Der Vater starb an Tuberkulose als Löb 16 Jahre alt war. Für die Familie entfiel damit das sowieso schon magere Einkommen des Alleinverdieners. Rosige Zukunftsaussichten sehen anders aus. Löbs Halbbrüder Lippmann und Jonathan waren zu dieser Zeit bereits nach New York City gezogen. Sie handelten dort mit verschiedenen Waren und verdienten ein auskömmliches, wenn auch nicht üppiges Salär. In Briefen ermunterten die beiden ihre Familienangehörigen in Buttenheim immer wieder, ebenfalls in die USA zu emigrieren, schon deshalb, weil die religiöse Weltanschauung in den USA keine Rolle spielen würde.

Schließlich entschied sich die Familie dazu, auszuwandern. Knapp acht Wochen verbrachten sie auf dem Segelschiff, bis sie in den Hafen von New York einliefen. Dort bezogen sie eine Wohnung im jüdischen Viertel Lower East Side, wie so viele jüdische Auswanderer aus Deutschland.

Aufbruch in den Wilden Westen

Löb lernte im Geschäft seiner Brüder in der Division Street den Beruf des Kaufmannes. Schließlich witterten die Gebrüder Strauss, die ihre Namen amerikanisierten in Jonas, Louis und Levi, das große Geschäft. Der Goldrausch, so ihr Kalkül, zieht viele Menschen an, die allerlei Bedürfnisse nach Kleidung und anderen Gegenständen des täglichen Bedarfs stillen müssen. Ein Eldorado für Gemischtwarenhändler.

Bevor die Gebrüder Strauss Richtung Westen aufbrachen, erhielt Levi die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie entschieden sich dazu, aus Sicherheitsgründen mit dem Schiff von New York nach San Francisco zu reisen. 1853 war es schließlich soweit: Levi Strauss stieg der Legende nach mit einem Ballen Denim-Stoff unter dem Arm von Bord und jemand soll gerufen haben:

Machen Sie Hosen aus diesem Stoff!

Der Unternehmer Levi Strauss und der lettische Schneider Jacob Davis erfanden die Blue Jeans. Die Arbeitshosen mit Kupfernieten an den Nähten der Taschen sind bis heute beliebt.

Der Unternehmer Levi Strauss und der lettische Schneider Jacob Davis erfanden die Blue Jeans. Die Arbeitshosen mit Kupfernieten an den Nähten der Taschen sind bis heute beliebt.

Geburtshaus Levi Strauss Museum

Die Blue Jeans

In Wirklichkeit verlief die Entwicklung der Blue Jeans anders: Nachdem Levi Strauss sein eigenes Kurzwaren-Handelsunternehmen Levi Strauss & Company gegründet und über Jahre hinweg sein Netzwerk aus Zuliefer-Unternehmen und Kunden vergrößert hatte, kämpfte er mit den Auswirkungen des Sezessionskriegs. Etwa zu dieser Zeit hatte der aus Lettland stammende Schneider Jacob Davis, der auch Kunde bei Strauss war, eine Idee: Um die Hosen der Arbeiter strapazierfähiger zu machen, verstärkte er die Nähte der Taschen mit Kupfernieten. Dies war die Geburtsstunde der Blue Jeans. Doch Davis fehlte das Geld für eine Patentierung, weswegen er an Strauss herantrat. Dieser zeigte sich begeistert von der Idee und sagte seine finanzielle Unterstützung zu. Der erste Patentantrag wurde abgelehnt: Es gab bereits ein Patent auf Schuhe, die mit Nieten verstärkt waren. Das Patentamt sah daher keinen Anlass, ein neues Patent auszugeben.

Strauss gab nicht auf. Mehrmals formulierte er den Patentantrag um, investierte viel Geld. Schließlich, am 20. Mai 1873, bekam er das Patent mit der Nummer # 139.121 für seine Hosentaschen mit Nieten zugesprochen. Die erste von Davis nach dem Patent hergestellte Hose – zunächst unter dem Namen Waist Overall – wurde am 2. Juni 1873 verkauft. Ein Jahr später hatte das Unternehmen von Strauss bereits 21.600 Hosen und Mäntel verkauft, die aus Denim-Stoff oder „heavy duck“ (einer Art dickem Segeltuch) hergestellt waren.

Die Nachfrage nach Blue Jeans, wie das Hosenmodell später genannt werden sollte, ist seither ungebremst, wobei sich Denim als Ausgangsmaterial durchgesetzt hatte. Es ist schlichtweg angenehmer zu tragen als „heavy duck“.

Siegeszug um die Welt

Heute hat Levi Strauss & Company rund 15 000 Mitarbeiter weltweit; der Jahresumsatz 2019 betrug 5,8 Milliarden US-Dollar. Auch wenn die Jeans, insbesondere das Standardmodell 501, heute als Symbol amerikanischer Lebensweise und auch aufgrund der Biographie von Levi Strauss als Verkörperung des „amerikanischen Traumes“ vom Aufstieg gesehen wird, werden die Hosen inzwischen in Asien, Südamerika und Polen produziert. Seit 2004 wird keine einzige Levi Strauss-Jeans mehr in den USA genäht.

Levi Strauss hatte großen wirtschaftlichen Erfolg bis an sein Lebensende, den er teilte: Er spendete an das Pacific Hebrew Orphan Asylum, an die Eureka Benevolent Society und stiftete 28 Stipendien für die University of California. Dabei suchte Strauss stets die Nähe zu seiner Familie, lebte mit seiner Schwester Fanny und deren Familie zusammen in einem Haus in San Francisco. Dort starb er 1902 unerwartet. Sein Unternehmen, das damals rund sechs Millionen Dollar wert war, hinterließ er seinen vier Neffen.

Rabbi Voorsanger sagte bei der Beisetzung am 28. September 1902:

„Levi Strauss was a man with a grand character, who loved peace and pursued it, whose word was his bond and his promise and obligation.“

Autor: Thomas M. Klotz, Leiter des Referats Bildung, Hochschulen, Kultur in der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung.

Doubek, Katja: Blue Jeans. Levi Strauss und die Geschichte einer Legende. München: Piper Verlag, 2004

Henry, Sondra / Taitz Emily: A biography of Levi Strauss. Everyone wears his name. New York: Dillon Press, 1990

Klösch, Christian (2019): Levi Strauss. Der Erfinder der Jeans. (14.12.2021), abrufbar unter: https://davidkultur.at/artikel/levi-strauss-1829-1903-der-erfinder-der-jeans

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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