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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Pavel Kohn

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Pavel Kohn - Wie Verwundungen heilen können.

Pavel Kohn ist ein Überlebender und Zeitzeuge der Shoa. Bereits im Konzentrationslager schrieb er Gedichte, von denen einige erhalten sind.

Pavel Kohn ist ein Überlebender und Zeitzeuge der Shoa. Bereits im Konzentrationslager schrieb er Gedichte, von denen einige erhalten sind.

Elias Hassos

Pavel Kohn wurde 87 Jahre alt. Er starb im Juni 2017. Und wurde seinem Wunsch gemäß im Neuen Jüdischen Friedhof seiner Heimatstadt Prag beerdigt. Mit Tüchern bedeckt stand der Sarg in der Halle. Angehörige, Freunde, Künstler, Gelehrte – eine internationale Trauergemeinde versammelte sich. Einer sagte dem Sinn nach: Pavel stammte aus einer Zeit, in der man den hohen Wert eines Menschen noch kannte. Dieses Wissen bewahrte er sich. Obwohl er die menschenverachtende Barbarei des NS-Staates erleiden musste. Nicht weit von der Ruhestätte Franz Kafkas wartete das offene Grab. Als die Tücher vom Sarg genommen wurden, zeigte sich dessen Schlichtheit: Keine Blume, kein Kranz. So will es das Judentum. Im Angesicht des Todes hält es jeden Aufwand für unangemessen. Als der Sarg eingesenkt und mit Erdreich bedeckt war, sprachen Kohns Tochter Rachel und Sohn David das Kaddisch, ein altes Loblied auf den Schöpfer der Welt.

Ist es nicht ein Wunder? Pavel Kohn überlebte den Holocaust. Ist es nicht ein weiteres Wunder? Trotz unsäglicher Schicksalsschläge und Traumata, die ihm als Jugendlichem widerfuhren, wurde Kohn ein physisch wie psychisch stabiler, lebensbejahender, geistvoller Mann. Welche Heilkräfte waren da am Werk?

Deportation

Der Vater Prokurist, die Mutter Hausfrau. Mit einem älteren Bruder wuchs er auf. Ging zur Volksschule und machte die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. Der Zugang zur Höheren Schule aber wurde dem Kind einer jüdischen Familie verwehrt.

1939 degradierte Adolf Hitler die Tschechoslowakei zu einem deutschen Vasallenstaat. Im „Protektorat Böhmen und Mähren“ setzte sofort ein Drangsalieren jüdischen Lebens ein. Jüdische Einrichtungen wurden geschlossen, Besitztümer konfisziert, bürgerliche Rechte beschränkt. Pavels Vater verlor seinen Arbeitsplatz. Er saß zuhause und betete. In Prag hatten seit 1.000 Jahren Juden gelebt. Rund 50.000 betrug ihre Zahl vor dem Zweiten Weltkrieg. 1941 begannen die Deportationen. Im folgenden Jahr wurde auch die Familie Kohn verschleppt. Zunächst in das Sammellager Theresienstadt. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt und von jüdischen Lehrern in „Heimen“ betreut. Der zu Schwerstarbeit verpflichtete Vater starb überraschend bei einem kleinen chirurgischen Eingriff. Verstorbene wurden auf Karren aus dem Lager geschafft, gezogen von Juden. Pavel war froh um den Bruder. Und den fürsorglichen Betreuer. Auf dessen Vorschlag hin fing er an, Gedichte zu schreiben über das Leben und Sterben im Lager, über den Hunger und die Hoffnung, die Heimat wieder zu sehen.

1944 wurde die dezimierte Familie ins KZ-Ausschwitz-Birkenau verbracht. Der KZ-Arzt Josef Mengele beurteilte die beiden Jungen als „noch arbeitsfähig“ und schickte sie ins nahegelegene Lager Blechhammer, wo sie beim Verlegen von Eisenbahnschienen eingesetzt wurden. Über die Ermordung der Mutter waren sie nicht informiert. Unseligerweise erkrankte der Bruder. Musste in stationäre Behandlung. Als Pavel anderntags zu Besuch kam, traf er ihn nicht mehr an. Pavel war jetzt vollkommen allein.

Die Ostfront näherte sich. Im Januar 1945 hieß es plötzlich, das Lager zu verlassen und nach Westen zu marschieren. In Holzschuhen durch Schnee und Schlamm. Aber immer bewacht von Todesschützen. Pavel versuchte, in der Kolonne Schritt zu halten. Zurückgebliebene lagen erschossen am Straßenrand. Von mehreren Tausend Häftlingen kamen schließlich einige Hundert im überfüllten KZ-Buchenwald an. Jetzt erkrankte auch Pavel. Der Tod hatte ihn fast eingeholt.

Přemysl Pitter

Im April jenes Jahres wurde das KZ-Buchenwald von US-Soldaten befreit. Die Häftlinge wurden menschenwürdig untergebracht. Auch Pavel. Wenige Wochen später gelang es ihm mit anderen Landsleuten, in einem Bus des Roten Kreuzes nach Prag zurückzukehren. Manche wurden dort von Angehörigen begrüßt. Es wurde Abend. Pavel blieb allein auf dem Wenzelsplatz. Er musste hinnehmen, dass wohl alle Mitglieder seiner großen Familie umgebracht waren.

Ein gewisser Přemysl Pitter aus Prag wurde im Ersten Weltkrieg Pazifist. Böse Erfahrungen hatten ihn überzeugt, sein Leben gehöre nicht ihm. Es sei Gottes Wille, es ganz in den Dienst von Wehrlosen und Bedürftigen zu stellen. Zurückgekehrt aus dem Krieg studierte er u. a. Theologie und begann als christlicher Laienprediger und Erzieher eine staunenswerte Sozialarbeit für Kinder. Als er von der Entlassung jüdischer Waisen aus Konzentrationslagern hörte, organisierte er ihnen Erholungsaufenthalte in Schlössern südlich von Prag. Dort wurde auch Pavel liebevoll aufgenommen. Er wurde sorgfältig gepflegt, durfte bis zu seiner Genesung bleiben. Selbst wenn er Pitter nur selten begegnete, vergaß er die Gastfreundschaft dieses glaubwürdigen Christen lebenslang nicht.

Gedichte

Pavel war mittlerweile 15. Eine kleine Prager Familie, deren Sohn er in Theresienstadt kennengelernt hatte, nahm ihn zu sich. Er besuchte nun das Gymnasium und befasste sich wieder mit Poesie. Eine Reihe seiner Gedichte blieb erhalten.

Wie oft ist die dunkle Wolke über uns hinweggezogen

Wie oft ist die dunkle Wolke über uns hinweggezogen
Und hat uns die Freude zugedeckt
Wie oft wusste der Fluss nicht wohin er fließt
Bis der Wind es ihm geflüstert hat

Wer würde sagen dass in der Flussbiegung
Die Fichten auf das braune Eichhörnchen lauerten

Das Gras hat seit dieser Zeit zweimal seinen Samen gestreut
ich habe etliche Male das Weinen gefühlt

Und währenddessen
Zwei Bänder aus Feldern sich anzusehen
einen Waldstreifen einen Fluss und die Geraden
zweier Gleise die sich nicht schneiden
auch wenn es den Mathematikern aus der Pfeife schäumte

Gitter gibt es hier jedoch nicht
obgleich ich sie vermuten würde

Es war ihm eine Lust, auf Worte zu hören, auf Bilder zu achten. Sie stellten sich ein. Wollten stimmig gereiht sein, Symbol werden, Erinnerungen entmachten, dem Leben Raum geben. Kunst kann Menschen trösten und aufbauen. Nach dem Abitur studierte er in Prag Theaterwissenschaft und Dramaturgie. 1953 diplomiert, wurde er Dramaturg des Kreistheaters Karlsbad. Er heiratete. Ein erster Sohn kam zur Welt. Nach fünf erfolgreichen Berufsjahren wurde Kohn entlassen. Aus politischen Gründen. Die antisemitischen Kommunisten, Machthaber seit 1948, überzogen das Land mit zunehmender Schreckensherrschaft. Auch die Ehe scheiterte. Kohn war wieder ganz unten. Lebte kümmerlich von Übersetzungen oder Theaterkritiken.

„Rettender Engel“

Wie vom Himmel gefallen stand sie da. Jung, schlank, lebensvoll. Rut Vožeh, damals Lehrerin, verstand Pavel, sorgte für ihn und wurde seine zweite Frau. Rahel, heute Bildhauerin, und David, jetzt Pianist, wurden geboren. Rut führte die Familie unerschrocken durch schwierige Jahre. Die Liebe ist wohl das stärkste Hilfsmittel gegen Depression oder Untergang. Sie macht erfinderisch. Sie öffnet Türen.

Radio Free Europe

Im August 1967 floh die Familie in die Bundesrepublik Deutschland. Pavel Kohn wurde Redakteur der tschechoslowakischen Abteilung von Radio Freies Europa in München und lebte auf. 22 Jahre lang machte er ein aktuelles Kulturprogramm für Unterdrückte in seiner Heimat. Neben zahllosen Fremdbeiträgen, Berichten über die Buchmesse, die Berlinale, das avantgardistische Theater, sandte er eigene Texte über den Äther und hatte dabei besonders die Jugend vor Augen.

Der Garten

Die Familie wohnte in München. Weil sie sich nach einem Garten sehnte, erwarb sie beim niederbayerischen Triftern ein großes Grundstück mit kleinem Haus. Das Wochenend-Domizil wurde schließlich zum Alterssitz. Melodien summend, zuinnerst zufrieden pflanzte Kohn Obstbäume und pflegte Gemüsebeete, die beinahe ein landwirtschaftliches Ausmaß hatten. Auch von der Gartenarbeit können Heilkräfte ausgehen.

Bald war das stets gemeinsam auftretende Ehepaar Kohn auch in Niederbayern bekannt. Ihr gastfreies Haus wurde ein kultureller Mittelpunkt. Nicht nur im Advent trafen sich da Kunstschaffende aller Art mit Interessierten von Nah und Fern. Kohn erwies sich als ein umfassend gebildeter Gesprächspartner. Er hatte Witz und Esprit. Von kleiner Gestalt, war er doch eine Autoritätsperson. Die schwarze Lockenpracht, die buschigen Brauen, der kecke Schnauzbart waren freilich weiß geworden. Die besitzergreifenden Augen aber hatten nichts von ihrem dunklen Glanz verloren. Kohn hielt im Ruhestand Vorträge im In- und Ausland. Als Zeitzeuge der Shoa wurde er oft um Berichte in Schulen gebeten. Er veröffentlichte einschlägige Bücher. Eine Ehre war es ihm, noch im hohen Alter als Jude im Landtag zu Erfurt sprechen zu dürfen.

Autor: Andreas Hildmann, Kunstbeauftragter i.R. der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Pavel Kohn: Schlösser der Hoffnung. Die geretteten Kinder des Premysl Pitter erinnern sich. München 2016.

Pavel Kohn: Mein Leben gehört nicht mir. Der Weg des Přemysl Pitter. Viechtach 2019.

Pavel Kohn: Wie oft ist die dunkle Wolke über uns hinweggezogen. Aus den Jugendjahren. Viechtach 2019.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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